Sehr
geehrter Herr Oberrabbiner,
zum Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner darf ich Ihnen im
eigenen Namen wie im Namen der Österreichischen Bischofskonferenz tief
empfundene Anteilnahme im Hinblick auf die Opfer und die Überlebenden
übermitteln. Der von den Nationalsozialisten in Gang gesetzte industrielle
Massenmord an den jüdischen Menschen bleibt eine schmerzliche Wunde und eine
Schande Europas. Auch Christen waren an diesem Großverbrechen beteiligt oder
haben weg gesehen; es gab "Gerechte unter den Völkern", die unter Einsatz
ihres Lebens jüdische Menschen gerettet haben, aber es waren zu wenige. Es
ist beschämend und beängstigend, dass es immer noch Stimmen gibt, die
öffentlich die Shoah leugnen und das Existenzrecht des jüdischen Volkes in
Frage stellen.
Jeder Christ, der seinen Glauben ernstnimmt, kann sich nur in Dankbarkeit
und Ehrfurcht vor den jüdischen Wurzeln des Christentums verbeugen - und vor
den Menschen, die diese Wurzeln repräsentieren. Aus diesem Grund begehen die
christlichen Kirchen in Österreich seit einigen Jahren jeweils am 17. Jänner
einen "Tag des Judentums" als Einbegleitung der "Weltgebetswoche für die
Einheit der Christen". Dieser Termin will das Bewusstsein wach rufen und
wach halten, dass die ersehnte Einheit der Christen nur im Festhalten an den
gemeinsamen Wurzeln im Judentum angestrebt und erbetet werden kann.
Viele Jahrhunderte waren sich die Christen dieser Tatsachen nicht bewusst.
Nach der furchtbaren Katastrophe der Shoah haben die Christen erkannt, dass
auch sie Schuld auf sich geladen haben. Die Erklärungen des Zweiten
Vatikanischen Konzils und der Päpste haben inzwischen allen Katholiken
deutlich gemacht, dass die Besinnung auf die jüdischen Wurzeln des
Christentums auch die Zuneigung zum zeitgenössischen Judentum
beinhaltet.
Dies ist umso wichtiger in einer Zeit, in der die dramatischen
Auseinandersetzungen im Nahen Osten immer wieder die Gefahr mit sich
bringen, dass die alten antisemitischen Vorurteile in neuem Gewand ihre
verderbliche Wirkung entfalten.
Ich versichere Sie, sehr geehrter Herr Oberrabbiner, am Internationalen
Holocaust-Gedenktag meines Gebets für die jüdischen Opfer und
Überlebenden.
Mein Gebet gilt auch dem Frieden im Heiligen Land. Mögen wir alle, Juden,
Christen und Muslime lernen, wie wir im Sinn von Gerechtigkeit für alle mit
den Menschen in diesem Land solidarisch sein können.
Mein Gruß "Shalom" gilt Ihnen, sehr geehrter Herr Oberrabbiner, und allen
Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich
(red/KAP)
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