Das Alte Testament erscheint gegenüber dem Neuen als veraltet und für Christen und Christinnen nicht mehr gültig. Zudem ist es mit vielen Vorurteilen behaftet: Es sei Gesetz im Gegensatz zum Evangelium. Es verkünde Gewalt im Gegensatz zur Gewaltfreiheit Jesu, und der Gott darin sei rachsüchtig und aggressiv.
Was auf den ersten Blick tatsächlich so aussieht, wird durch eine gläubige und wissenschaftliche Beschäftigung doch massiv relativiert: Auch im Alten Testament wird von der Liebe und Gnade Gottes gesprochen, von der Nächstenliebe, sogar von der Feindesliebe, und immer wieder vom Frieden (z.B. Dtn 31,1-10; Lev 19,18.33-34; Dtn 6,4-5; Jes 2,2-5). Auch ein Evangelium, eine "Freudenbotschaft" wird im Alten Testament verkündet (Jes 40). Freilich, die Schriften des Alten (aber auch des Neuen) Testaments spiegeln eine gewalttätige Gesellschaft. Sie machen deutlich, wie langwierig und schwierig es für uns Menschen sichtlich ist, Gottes Freuden- und Friedensbotschaft wahrzunehmen, zu verstehen oder gar zu glauben: Gottes Reich scheint oft nur "zwischen den Zeilen" durch. Es braucht offenbar Jahrhunderte, um zur Welt zu kommen, weil wir ihm überall Widerstände entgegensetzen - auch durch die Art, wie wir über Gott erzählen. Das zeigen tragischerweise auch die gewaltvollen Kriege und Auseinandersetzungen, die vielen globalen Probleme (Armut, Umweltzerstörung, Terror) unserer Tage.
Das Alte Testament war die Bibel Jesu
Entscheidend ist aber vor allem, dass dieses Alte Testament die Bibel Jesu war. Sie war seine Heilige Schrift, die seiner Jünger und der ersten Christengemeinden. Bei der Lektüre des Neuen Testaments begegnet eine Fülle von Zitaten aus dem AT. Jesus, seine Person und seine Botschaft sind nur verständlich vom Alten Testament her. Die frühen Christen haben dann hinter die Schriften, die sie übernommen haben, das Neue Testament gestellt. Das Neue Testament ist nur vom Alten Testament her zu lesen und das Alte Testament muss von Christ/innen im Lichte des Neuen Testaments gelesen werden. Immer hat die Kirche die eine und ganze Bibel des Alten und Neuen Testaments für kanonisch, d.h. für die Richtlinie des Glaubens, gehalten. Christ/innen lesen das Alte Testament, weil es die Heilige Schrift Jesu und der Jünger war, und das Christusereignis ohne das Alte Testament nicht verstehbar ist. Auch in ökumenischer Hinsicht ist das Alte Testament unverzichtbar: Es ist die Heilige Schrift des Judentums, mit dem das Christentum (nicht nur) auf diese Weise ganz besonders verbunden ist. Autorin: Agnethe Siquans Assistentin am Institut für Altes Testament, Wien
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