Wednesday 31. August 2016

Moraltheologe Beck kritisiert "Durchpeitschen" bei Fortpflanzungsmedizin

Bei ähnlich komplexen Fragen wurden bisher Enquete- und Bioethikkommission befasst sowie halbjährige Diskussion ermöglicht, weist Medizinethiker Matthias Beck hin.


Die Regierung will mit dem am Donnerstag, 13. November 2014 präsentierten Entwurf des Fortpflanzungsmedizingesetzes "an der Öffentlichkeit vorbei durchpeitschen", ohne dabei Gelegenheit zur nötigen breiten Diskussion zu geben: Diese Kritik hat der Wiener Moraltheologe Matthias Beck, Mitglied der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt, am Samstag, 15. November 2014 im Interview mit "Kathpress" geäußert. Viel zu kurz sei die zweiwöchige Frist zur Stellungnahme, angesichts der komplexen Materie: "Bei ähnlich komplizierten Fragen am Ende des Lebens hat die Politik eine Enquetekommission ins Leben gerufen, die Bioethikkommission befasst und eine halbjährige Diskussion ermöglicht", so der Priester und Mediziner.

 

Gleich eine Vielzahl von "Streitfragen" und unvorhersehbaren Problemen würde der Gesetzestext eröffnen, führte Beck aus. Dazu gehörten etwa die Konsequenzen der Ermöglichung der gespaltenen Elternschaft aus den sozialen und den genetischen Eltern, die Kinder mitunter in enorme seelische Nöte bringen könne. "Sie fragen auch oft, wie viele Geschwister sie haben", so der Medizinethiker über Erfahrungen in Ländern, in denen die Samenspende für lesbische Frauen schon umgesetzt ist.

 

Deutlich werde dies am Fall eines Kindes eines lesbischen Paares, das eines Tages seinen Vater kennenlernen wolle, was dieser jedoch ablehnen könne. "Oder er und das Kind möchten einander zwar sehen, doch die beiden gleichgeschlechtlichen Elternteile können das verhindern." Auch könne das Kind die freie Entscheidung, beim genetischen Elternteil zu leben, gegen den Willen der Eltern frühestens mit achtzehn Jahren treffen, da zuvor beide Frauen Eltern mit allen daran anknüpfenden Rechten und Pflichten sind, erläuterte Beck.

 

Probleme auf ganz anderer Ebene stünden durch die Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik ins Haus, bei der die Begrenzung der Zulassung in ihrer Umsetzung sehr kompliziert sei. Auch bei der Eizellspende gibt es Fragen, da diese u.a. aufgrund der nötigen Hormonstimulation viel tiefer in den Organismus der Frau eindringe als bei der Samenspende.

 

Naturwissenschaftliche Fehler im Text

Auch naturwissenschaftliche Fehler hätten sich im Gesetzestext eingeschlichen oder seien bewusst eingebaut worden, bemängelte Beck. Der Entwurf spreche von einer Vereinigung der beiden sogenannten "Vorkerne" von Ei- und Samenzelle, deren Existenz jedoch mittlerweile widerlegt sei, da die Zellmembranen sich vorher auflösten und es gerade nicht zu einer Verschmelzung der beiden Vorkerne komme. Möglicherweise sei diese Formulierung, so Becks Vermutung, ebenso wie im deutschen Embryonenschutzgesetz dennoch bewusst gewählt worden, um somit eine auf diesem Ansatz basierende Zwischenzeit von bis zu 15 Stunden zwischen dem Eindringen des Spermiums in die Eizellen und der in Wahrheit nicht existierenden "Vorkernverschmelzung" zu gewinnen.

 

Alle derartigen Punkte im Gesetzesentwurf müssten näher angesehen und differenziert werden, was aber in der verfügbaren Zeit kaum möglich sei, so der Wiener Experte. "Man müsste jeden einzelnen Absatz diskutieren auf seine naturwissenschaftliche Tragfähigkeit, seine ethische Problematik sowie die Folgen für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Wie es jetzt aussieht, wird das aber wahrscheinlich nicht stattfinden", befürchtete Beck. Auch von der Klausurtagung der Bioethikkommission zu Monatsende sei wohl keine einheitliche Stellungnahme mehr zu erwarten.

 

Um noch Änderungen zu bewirken, müssten die Akteure der Gesellschaft - darunter auch die Kirchen - unverzüglich in die Debatte einsteigen und in mehreren Punkten eine Präzisierung einfordern. Allerdings wäre es dabei wichtig, differenziert statt mit bloßer Ablehnung in den Dialog einzusteigen, so Beck in Richtung der katholischen Kirche. Zwar halte er deren Ablehnung von Kindern für gleichgeschlechtliche Paare für angebracht, bei anderen Positionen gelte es jedoch Widersprüche aufzulösen.

 

Derartige Widersprüche ortete Beck etwa bei den vorgeburtlichen Untersuchungen: "Die Gesellschaft - und auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte - versteht es nicht, warum rechtlich die von der Kirche abgelehnte Abtreibung möglich sein soll, nicht aber eine vorab mögliche Präimplantationsdiagnose (PID), die eine Abtreibung verhindern würde", so der Medizinethiker. Zwischen der PID, auf die statt einer Therapie immer eine Selektion von gesunden und kranken Embryonen erfolgt, und der Pränataldiagnose (PND) bestehe ein "wesentlicher ethischer Unterschied", der jedoch für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar sei, betonte Beck. "Hier müsste eine Diskussion einsetzen, ob absolute Forderungen immer und überall durchzusetzen sind."

 

Ein Faktor für die dargelegte Eile ist laut Beck der Druck auf den Staat durch eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes: Würde die derzeit gültige, restriktive Gesetzeslage bis Jahresende nicht nachgebessert, stünde in Teilen eine noch liberalere Lösung ins Haus, die dann auch etwa die Samenspende für alleinstehende Frauen ermögliche. "Man will hier das möglichst liberalste Gesetz durchbringen", so Beck. Schon vor Monaten hätte der Entwurf vorgelegt werden können, doch wollte die Regierung augenscheinlich Proteste umgehen. Nötig sei die Hast nicht gewesen: Das Gesetz werde ohnehin erst ab April 2015 in Kraft treten, wenngleich bis Jahresende der Gesetzesbeschluss vorliegen müsse.

 

Medizinisch-ethische Einwände

Heftige Kritik am Entwurf für ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) hat das kirchliche Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) geübt. "Die Schattenseiten der Reproduktionsmedizin, die Gesundheitsrisiken und geringen Erfolgsquoten der Methoden werden in der Debatte ausgeblendet. Das ist unverantwortlich", so IMABE-Geschäftsführerin Susanne Kummer in einer Aussendung am Montag, 17. November 2014: "Was Österreich braucht, ist eine Regelung, die das Kindeswohl schützt und auch das der Frauen vor einem zunehmend aggressiven Markt."

 

Es überrasche zudem, dass der Gesetzgeber zu diesen extrem heiklen Fragen offenbar keine Diskussion wünsche, kritisierte Kummer angesichts der knappen Frist: Einwände können nur noch bis 1. Dezember vorgebracht werden. IMABE fordert in der Aussendung den Gesetzgeber zum Umdenken auf: Ethische und medizinische Gründe würden gegen das Vorhaben sprechen.

 

Frauen würden kaum über Risiken und Fehlerquoten informiert, kritisiert das kirchliche Bioethikinstitut. Wie "dünn" die Informationen sei, aber gleichzeitig illusionäre Hoffnungen geweckt würden, habe jüngst die Social-Egg-Freezing-Debatte gezeigt. Die Chance, dass eine Frau nach Einfrieren ihrer Eizellen und künstlicher Befruchtung überhaupt ein Kind bekommt, liege unter der 10-Prozent-Marke - je älter die Frau, desto geringer. Nach einer künstlichen Befruchtung ab 38 Jahren seien laut American Society of Reproductive Medicine überhaupt nur zwei bis zwölf Prozent der aufgetauten und künstlich befruchteten Eizellen implantationsfähig und könnten zu einer Lebendgeburt führen.

 

Für jede künstliche Befruchtung gelte: Nicht nur die Qualität der Eizellen sinkt mit steigendem Alter, auch der Organismus der Frauen sei für Komplikationen leichter anfällig. Die Zahl der Lebendgeburten sei gering, die Frauen gerieten unter Erfolgsdruck, immer mehr Versuche machen zu lassen.

 

 

erstellt von: red/kap
15.11.2014

Gleich eine Vielzahl von "Streitfragen" und unvorhersehbaren Problemen würde der Gesetzestext eröffnen, führt Medizinethiker Matthias Beck aus. Dazu gehörten etwa die Konsequenzen der Ermöglichung der gespaltenen Elternschaft aus den sozialen und den genetischen Eltern, die Kinder mitunter in enorme seelische Nöte bringen könne.

comments powered by Disqus
Weitere Artikel zum Thema
Ich bin bereit für jemanden zu beten!
Erklärungen zu einfach füreinander beten unter einfachbeten.at
Ich bitte um Gebet für mich
Erklärungen zu einfach füreinander beten unter einfachbeten.at
Gottesdienste
Finden Sie Gottesdienste in Ihrer Umgebung
ERZDIÖZESE WIEN
Wollzeile 2
1010 Wien
Tel.: +43 1 51 552 0

anliegen@edw.or.at
http://www.erzdioezese-wien.at/
Darstellung: Desktop - Mobil