Thursday 25. August 2016

Ordensfrau: Menschenhandel nach wie vor Tabu-Thema

Sr. Mayrhofer, Leiterin einer Schutzwohnung für Zwangsprostituierte, bei Symposion in Wien: Wenig Hilfe für Opfer von Menschenhandel.


Menschenhandel und Zwangsprostitution sind nach wie vor gesellschaftliche Tabu-Themen: Darauf hat Sr. Anna Mayrhofer, Leiterin einer Schutzwohnung für Opfer von Menschenhandel, hingewiesen.

 

Bei einem Symposion im Wiener Erzbischöflichen Palais am Montag, 8. Februar 2016 übte sie scharfe Kritik an den heimischen Behörden wie der Gesellschaft als Ganzer. Niemand wolle sich mit den Opfern des Menschenhandels, meist Frauen, auseinandersetzen, geschweige denn helfen, so Mayrhofer, die im Rahmen des Projekts "Solwodi" (Solidarity with women in distress) tätig ist. In Österreich gebe es bis auf vereinzelte Privatinitiativen wie "Solwodi" kein einziges Hilfsprojekt, um Prostituierten, die aus dem System aussteigen wollen, zu helfen, prangerte die Ordensfrau an.

 

Jedes Jahr würden Tausende Frauen und Mädchen illegal nach Europa gebracht und hier gezwungen, als Prostituierte zu arbeiten. Der Großteil der Zwangsprostituierten stamme aus Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, Ungarn und Nigeria, berichtete Mayrhofer. Was die Frauen gemeinsam hätten, sei die große Armut und Perspektivlosigkeit, in der sie aufgewachsen seien. Kaum eine besitze einen Schulabschluss. Viele seien schon in ihren Herkunftsfamilien sexuell missbraucht worden; Armut, Krankheit und Alkohol hätten schon ihre Kindheit und Jugend bestimmt. - Perfekte Voraussetzungen, um Opfer der skrupellosen Menschenhändler zu werden, wie Mayrhofer erläuterte.

 

Kritik an Frauenbild

Die Menschenhändler würden die Frauen unter falschen Versprechungen oder auch einfach unter Androhung von Gewalt nach Westeuropa bringen. Oft seien es sogar Familienangehörige, die sich als Teil des organisierten Verbrechens betätigen würden. Österreich sei sowohl Transit- wie auch Zielland der Kriminellen und ihrer Opfer. Die Ordensfrau berichtete von erschütternden Schicksalen misshandelter, vergewaltigter und genötigter Frauen, die aufgrund ihrer nicht vorhandenen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung kaum eine Möglichkeit hätten, aus dem System auszubrechen. Die Opfer seien zudem meist traumatisiert, was u.a. auch die gerichtliche Verfolgung der Täter erschwere. Kein gutes Haar ließ die Ordensfrau an den Freiern bzw. dem hinter der Prostitution stehend Frauenbild. Frauen seien nicht mehr als ein "Konsumgut" bzw. "Sex-Artikel". Das sei für die gesamte Gesellschaft ein alarmierender Befund.

 

Bereits seit 2010 versucht der Verein "Solwodi" auch in Österreich den Frauen und Mädchen zu helfen und sie aus dem Teufelskreis von wirtschaftlicher Notlage, Menschenhandel und sexuellem Missbrauch ausbrechen zu lassen. Der Verein betriebt u.a. eine Schutzwohnung für acht Frauen, die im Durchschnitt ein Jahr bleiben können. In dieser Zeit werden die Frauen von "Solwodi"-Mitarbeiterinnen betreut und es wird gemeinsam versucht, neue Lebensperspektiven für die Frauen zu erarbeiten. Getragen wird "Solwodi" in Österreich von sechs heimischen Frauenorden.

 

Eröffnet wurde das Symposion im Erzbischöflichen Palais mit einer Ökumenischen Vesper, der der Wiener Weihbischof Franz Scharl vorstand. Organisiert wurden Gebet und Symposion von der Österreichischen Bischofskonferenz, der Österreichischen Kommission Iustitia et Pax und "Solwodi".

 

Weihbischof Scharl: "Hinschauen ist erste Übung"

Laut Weihbischof Scharl sind in Europa rund 500.000 Frauen von Menschenhandel betroffen, vor allem Bereich der Prostitution. Aber es gibt auch andere Bereiche: "Hinschauen ist eine erste Übung, wahrnehmen, was gibt es an Arbeitssklaven, an Prostitution und auch an Kindern, die hier auch im Spiel sind und ausgenutzt werden." Es gelte hinzusehen, wo die Würde des Menschen grob verletzt wird, "aber es dafür offensichtlich im Westen Kunden gibt", zeigte sich Scharl alarmiert.

 

Die Wiener Landtagsabgeordnete Gudrun Kugler (ÖVP) sprach bei dem Symposion von rund 10.000 Prostituierten in Österreich, von denen rund 8.000 registriert seien. Innerhalb der EU gebe es rund 11.000 registrierte Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution pro Jahr. 80 Prozent davon seien Frauen. Oberst Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt ergänzte dazu, dass die Dunkelziffer weit höher liegen dürfte. Leider sei die Grenze zwischen freiwilliger und erzwungener Prostitution oft nicht leicht zu ziehen.

 

Kugler hatte vor kurzem auch im Wiener Landtag eine Initiative zur Bekämpfung von Menschenhandel gestartet. Ihr Antrag auf Prüfung und Umsetzung der Empfehlungen des GRETA-Länderberichtes (ExpertInnengruppe des Europarates für die Bekämpfung des Menschenhandels) fand im Landtag breite Zustimmung (ÖVP, Grünen, Sozialdemokraten und NEOS).

 

"Menschenhandel ist ein weltweites Phänomen, bei dem Wien als zentral gelegene europäische Hauptstadt und als Drehscheibe des Menschenhandels eine besonders traurige Rolle zukommt", so Kugler. Auch der Evaluationsbericht von GRETA halte fest, dass Österreich ein "Ziel- und Transitland" in Bezug auf den Menschenhandel sei. "Es ist absolut notwendig, dass Wien die Vorschläge der Europarats-Expertengruppe zur Bekämpfung des Menschenhandels ernst nimmt und sich an der Umsetzung beteiligt", so Kugler.

 

Iustitia et Pax-Generalsekretär Stefan Krummel befand: "Wir müssen sagen, dass die Zweige des Waffenhandels, des Drogenhandels, aber eben auch des Menschenhandels, leider zu den lukrativsten Gewerben auf der Welt gehören. Es ist daher auch ganz im Sinne der Grundidee die unsere Kommission verfolgt, das wir uns da engagieren". Daher führe die österreichische Kommission Iustitia et Pax gemeinsam mit Weihbischof Scharl seit Jahren einen Runden Tisch zu diesem Thema, wo man sich bemüht "Antworten ganz konkreter Art auf diese Problematik zu geben", so Krummel. Eines der Ergebnisse war die Einrichtung der Schutzwohnung für den Verein "Solwodi".

 

 

erstellt von: red/kap
10.02.2016

Seit 2010 versucht der Verein "Solwodi" auch in Österreich den Frauen und Mädchen zu helfen und sie aus dem Teufelskreis von wirtschaftlicher Notlage, Menschenhandel und sexuellem Missbrauch ausbrechen zu lassen.

Kontakt und Information:

Verein Solwodi:
www.solwodi.at

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