Samstag 21. April 2018

ORF Beitrag - Telefonseelsorge

Orientierung vom 10.12, 2017

Ö1 Punkt EINS - Telefonseelsorge

zum Nachhören

Gedanken für den Tag auf Ö1 „Die Kunst des Zuhörens“

zum Nachlesen

 

Gedanken für den Tag – Ö1

Gedanken für den Tag – Ö1

Kurz vor Beginn des Tagesgeschehens wird ein Gedanke mitgegeben, der manches in einem anderen Licht erscheinen lässt. Er begleitet und hinterfragt den Alltag und bereichert im Idealfall durch Lebens- und Glaubenserfahrungen.    Täglich von 6.56 bis 7.00 in Ö1

Vom 16.1. bis 21.1. hat Marlies Matejka, Leiterin der Telefonseelsorge Wien, die Gedanken für den Tag gesprochen.

Die Kunst des Zuhörens

Seit bald 35 Jahren arbeite ich bei der Telefonseelsorge. Dort kann man Tag und Nacht anrufen, wenn man ein Anliegen hat und darüber reden will. Auffällig ist, dass die meisten Gespräche mit dem Satz enden: Danke, dass Sie mir zugehört haben.“

Was hat es mit dem Zuhören auf sich? Warum wünscht man sich, dass da jemand ist, der einen wahrnimmt, der Zeit hat, dem ich etwas erzählen kann. Der zuhört ohne gleich von sich selber zu reden. Wenn mir jemand zuhört, dann nimmt sie oder er Anteil an mir. Dann bin ich in Beziehung, dann bin ich mit all meinen Gefühlen und Gedanken nicht alleine. Wenn mir jemand ganz uneigennützig und voller Aufmerksamkeit zuhört, wenn er versucht, mich zu verstehen, mich damit achtet und ernst nimmt, dann passiert es, dass ich für mich selber wieder mehr Achtung empfinde. Wenn ich das, was in mir arbeitet, ungestört erzählen darf, dann entsteht Ordnung in meinen Gedanken und Gefühlen und dann weiß ich oft selber wieder, wie es weitergehen kann.

Nie habe ich diese Gedanken schöner formuliert gefunden, als im Buch „Momo“ von Michael Ende. Dort heißt es: “Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur recht wenige Menschen. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme (…) Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt, dann wurde ihm auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war“.

Zuhören von Anfang an

Hören und Zuhören ist nicht dasselbe. Im Englischen gibt es dafür zwei Vokabeln: to hear und to listen. To hear meint, dass ich etwas wahrnehme, was an mein Ohr dringt. To listen – dass ich mich einer Person ganz bewusst zuwende.

Zuhören in diesem Sinne können natürlich auch Menschen, deren Hörorgan geschädigt ist. Ich kannte in meiner Jugend viele taubblinde Menschen, die im Laufe ihres Lebens sowohl das Augenlicht als auch das Gehör verloren hatten. Mit einer eigenen Tastsprache konnten wir einander über unsere Hände wunderbar zuhören.

 

Ich und du

Zuhören ist auch nicht an den Intellekt gebunden. Die wohl zauberhafteste Kommunikation ist die mit einem kleinen Kind. Babylaute, erstes Brabbeln, Sprechversuche, Staunen, Fragen, Erzählen. Die Freude der Eltern und der Familie an diesen ersten Lauten ermutigt das Kind, sich auch weiterhin zum Ausdruck zu bringen. Diese fürsorgliche Zuwendung ist zutiefst identitätsstiftend. Das Kind erlebt sich als existent, als „ich“ in Beziehung zu einem vertrauensvollen „Du“, so wie es der Philosoph Martin Buber formuliert hat.

Ich denke, dass diese Grunderfahrung vielleicht überhaupt motiviert, einem anderen Menschen zuhören zu wollen und dies auch als zutiefst sinnstiftend zu erleben. Selbstverständlich ist das nicht, denn Zuhören hat keinen sehr hohen Wert in unserer Gesellschaft. Unsere Kommunikation wird immer mehr visualisiert und ist stärker aufs Senden von Mitteilungen programmiert, als aufs Empfangen. Berufliche und familiäre Herausforderungen nehmen uns in Anspruch und wir haben oft einfach den Kopf schon so voll und kaum Zeit.

Aber jeder von uns kennt auch die wunderbaren Momente der Begegnung mit einem lieben Menschen, der ehrlich und interessiert fragt, wie es mir geht, der nachfragt, mit mir meinen Ärger oder meine Freude teilt und mit mir von Herzen lacht. Solche Begegnungen wünsche ich uns allen – jeden Tag.

 

Schenk mir ein hörendes Herz

Eine biblische Geschichte im Alten Testament erzählt vom noch jungen König Salomon. Gott erscheint ihm im Traum und gewährt ihm eine Bitte.

Salomon ist noch ganz beeindruckt und voller Respekt vor seiner neuen Verantwortung und seiner Sorge, dieser Aufgabe gerecht zu werden und deshalb bittet er nicht um Reichtum und Macht, sondern sagt: Gott, schenke mir ein hörendes Herz, damit ich dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden verstehe.

Kultur des Zuhörens

Mir fällt bei dieser Geschichte zunächst die aktuelle Politik ein. Immer wieder konnte man in den letzten Monaten hören und lesen, dass sich die Verantwortlichen stärker bemühen wollen, einander besser zuzuhören. Hinter Positionen stehen nicht immer nur Machtgelüste, sondern auch Werte, die man bedroht sieht, die einem wichtig sind, die man verteidigen will. Da ist Zuhören gar nicht so einfach.

Politische und gesellschaftliche Verhältnisse bilden sich auch in den Gesprächen mit den Anrufenden der Telefonseelsorge ab. Viele erzählen von ihren Ängsten vor einer ungewissen Zukunft. Dass sie arbeitslos sind, alleinerziehend oder in Pension und nicht wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen, ob noch etwas für sie übrig bleibt, wenn so viele Fremde ins Land kommen. Sie fühlen sich vor allem ungehört, machtlos, depressiv und manchmal auch wütend. Sich aussprechen, sich ausdrücken zu können, sich den Frust und die Angst von der Seele reden zu können, ist dann erleichternd, wenn es aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer gibt.

Ich frage mich, wie wir eine stärkere Kultur des Zuhörens in unserer Gesellschaft etablieren könnten. Eine Kultur, wo die Kommunikation nicht nur im Senden besteht – wie das etwa beim Posten und Twittern der Fall ist – sondern im ehrlichen Interesse für den anderen und im gegenseitigen Respekt. Ein hörendes Herz für uns alle, das wäre eine gute Sache.

 

Zuhören - was ist dabei wichtig?

Mitten in der Nacht – ein Anruf bei der Telefonseelsorge. Ein offensichtlich alter Mann sagt, dass seine Frau vor zwei Tagen gestorben ist.

Das tut mir leid. Wie geht es Ihnen? Eigentlich möchte ich auch nicht mehr weiterleben. Das Leben hat ja nun gar keinen Sinn mehr für mich. Ich frage ihn nach seiner Frau. Was war sie für ein Mensch? Und dann erzählt er mit ruhiger Stimme, beinahe eine halbe Stunde lang, von ihrem gemeinsamen Leben, von amüsanten Erlebnissen, davon, wie schön sie war, was er alles an ihr geschätzt hat. Es ist wie ein Nachruf voller Liebe, ein Nachklang, wie er nicht würdigender und wertschätzender sein könnte.

Sich selbst zuhören

In so einem Gespräch gibt es keine Lösung, aber eine zutiefst geteilte Lebensgeschichte, die eine Beziehung zwischen dem Erzählenden und der Zuhörenden schafft. Zuhören heißt sich bescheiden, Zeit schenken, ganz präsent sein, wahrhaftig sein. Zuhören heißt, einfach auch einmal still zu sein.

Wenn ich einem anderen Menschen zuhöre, kommen mir automatisch viele eigene Bilder, Ideen und Lösungsmöglichkeiten in den Sinn, Dinge, die mir persönlich schon einmal geholfen haben. Die Kunst besteht darin, diese eigenen Bilder ein Stück weit auf die Seite zu stellen und sich wirklich ganz dem anderen Menschen zuzuwenden, sich für seine Gedanken, seine Gefühle, seine Ängste, Sorgen und Sehnsüchte zu interessieren. Manchmal denkt man, man wüsste doch gut, was dem anderen helfen könnte und er bräuchte doch nur dies und das zu tun und dann wäre es wieder gut. Die Kunst des Zuhörens besteht vor allem auch im Respekt vor dem, wie ein anderer Mensch sein Leben gestalten möchte.

Zuhören kann ich aber auch mir selber gegenüber. Wie bei jedem Zuhören brauche ich dafür Zeit und Ruhe. Dann kann ich meinen Gedanken nachgehen. Ich kann einen inneren Monolog führen, Tagebuch schreiben oder einfach nur still sein und mich auch einfach einmal darüber freuen, dass es mich gibt.

 

 

 

Die Grenzen des Zuhörens

Sie kann´s nicht mehr hören. In einer Kampagne der Wiener Linien für mehr Rücksichtnahme, wird dafür geworben, das laute Telefonieren in den öffentlichen Verkehrsmitteln sein zu lassen.

Tatsächlich kann es sehr nervend sein, wenn man in der U-Bahn oder im Zug etwas lesen möchte und nicht umhin kann, gleichzeitig der raumfüllenden Kommunikation eines Fremden zuhören zu müssen. Ich kann´s nicht mehr hören – ist ein Satz, der wohl auch in vielen persönlichen und beruflichen Kontakten gedacht oder gesagt wird.

 

Die Stopp-Taste drücken

Zuhören hat seine Grenzen. Bei unserer Arbeit in der Telefonseelsorge haben wir viel Toleranz und Verständnis. Aber es geht nicht, dass mich jemand beschimpft. Ich brauche, so sage ich dem Anrufer, ich brauche, wenn wir miteinander reden wollen, von ihnen ein Minimum an Respekt. Zuhören ist grundsätzlich auch schwierig, wenn jemand grenzenlos in seinen Ansprüchen ist, wenn sie oder er kein Ende findet und noch und noch etwas erzählen will. Schwer ist es auch, wenn jemand ganz andere Werte vertritt.

Manchmal bleibt nichts anderes übrig, als deutlich zu sagen: Da denken wir verschieden. Und manchmal ist es besser, einem Menschen aus dem Weg zu gehen. Bei einem Freund oder in der Familie ist es aber auf jeden Fall lohnend, das Störende anzusprechen und nicht nur zu erdulden. Dazu ist es gut, um ein kurzes Innehalten zu bitten. Innerlich die Stopp-Taste zu drücken und zu sagen: Entschuldige, ich möchte kurz etwas sagen. Ich hab dich gern und ich möchte dir auch gerne zuhören. Aber wenn du mich gar nicht zu Wort kommen lässt, wenn du mich gar nicht wahr nimmst oder wenn du so unglaublich angibst, dann geht das nicht. Du bist mir aber wichtig und deshalb möchte ich dich fragen, ob wir auch anders miteinander reden können. Dann kann sich der Satz am Anfang vielleicht verändern: Ja, ich kann dich gut leiden und ich mag es, dir zuzuhören.

 

Zuhören an bestimmten Orten

Wir Menschen sind Beziehungswesen und wir brauchen Kommunikation und Austausch. Wir wollen uns mitteilen, besonders dann, wenn uns etwas gefühlsmäßig nahegeht, wenn wir uns über etwas geärgert haben oder auch besonders gefreut. Dann, wenn wir Angst haben, wenn uns etwas Schlimmes passiert ist oder wenn wir einen schmerzhaften Verlust erlitten haben.

Aber auch scheinbar banale Dinge möchte man gerne teilen, z.B. wie der letzte Urlaub war, welchen Kinofilm man gesehen hat oder wie das Wetter wird. Wer etwas mitteilen will, braucht eine Zuhörerin oder einen Zuhörer, der sich interessiert und aufmerksam ist und Zeit hat. All das ist heutzutage nicht so selbstverständlich zu haben.

Von der Bassena zum Friseur

Vor langer Zeit gab es in den alten Häusern in Wien die Bassena, bei der sich die Menschen beim Wasserholen getroffen haben und ein wenig plaudern konnten. Noch vor gar nicht langer Zeit sprach man mit dem Bankangestellten beim Geldabheben ein paar Worte, wurde mit dem Namen angesprochen, wurde gekannt. Heutzutage muss man zum Automaten gehen. Ebenso ist es bei den Bahnhöfen und häufig schon bei den Supermärkten.

Zu würdigen sind an dieser Stelle Menschen, die uns noch immer ihr Ohr schenken. Das sind zum Beispiel Friseurinnen und Friseure. Sie sind sehr gute Zuhörerinnen und sie tun auch insgesamt der Seele gut. Zwischen Kopfmassage und neuem Haarschnitt hören sie – gefragt oder ungefragt - den Alltagsgeschichten und Sorgen ihrer Kunden zu.

Das gleiche gilt für viele andere Dienstleistungsberufe, ob es sich um die Kosmetikerin, die Fußpflegerin, den Mann an der Bar oder den Taxifahrer handelt. Sie tragen in unserer Gesellschaft in dieser Hinsicht unbemerkt zu mehr Menschlichkeit bei. Wir können ihnen dankbar sein und sollten ihnen das vielleicht auch hin und wieder einfach einmal sagen.

 

zum Nachhören

Telefonseelsorge
Stephansplatz 6
1010 Wien

E-Mail schreiben
Darstellung: Standard - Mobil