Monday 23. September 2019
Texte von Kardinal Christoph Schönborn

29. September 1991 - 29. September 2011, Die Bilanz: Glaube, Hoffnung, Liebe

29. September 1991: Christoph Schönborn wird zum Bischof geweiht - ein Interview in "Der SONNTAG" zum Jubiläum



Wenn Sie auf die 20 Jahre zurückblicken – wie sahen, wie sehen Sie Ihr Bischofsamt?

Kardinal Schönborn: Als Hirtenamt! Kurz nach meiner Bischofsweihe habe ich in der Wollzeile einen Herrn getroffen, der mir gesagt hat, er wünsche mir eine „eiserne Faust“, das sei heute notwendig. Ich habe gesagt: „Ich habe in der Bibel eher gelesen, dass der Hirt den Schafen nachgeht und sie, wenn sie verletzt sind, auf die Schulter nimmt.“ Das war für mich damals ein kleines Schockerlebnis. Ein Hirt muss sicher eine feste Hand haben, eine klare Stimme, ein waches Auge und ein sorgendes Herz. Er soll klug sein, Verstand haben, aber er soll nicht meinen, dass alles von ihm abhängt.


Mir fällt noch ein zweites Erlebnis ein. Ich erhielt zu meiner Bischofsweihe auch einen Brief eines ehemaligen Studenten aus der Schweiz. Er war aus den Walliser Bergen und in seiner Kinder- und Jugendzeit oft tage-und wochenlang allein mit der Schafherde in den Bergen. Er schrieb mir: Vergiss eines nicht: Als Hirt musst du der Herde vorangehen, aber manchmal bemerkt der Hirt, dass die Herde in eine Richtung geht, die ihn überrascht. Dann folgt er ihr etwas besorgt und stellt fest, die Herde hat eine Weide gefunden, an die er nicht gedacht hat. Und so geht er hinter der Herde her.  Er hat mich daran erinnert, dass der Hirt nicht nur vorangeht, sondern manchmal auch von der Herde lernt. Das ist mir ein wichtiges Wort geworden.

Wie sehen Sie das Spannungsfeld „Vatikan-Weltkirche“ und „Ortskirchen-Diözesen“?

Kardinal Schönborn: Das Spannungsfeld wird oft sehr einseitig gesehen. Es ist ganz selten ein Spannungsfeld zwischen Vatikan und Volk, es ist sehr viel mehr ein Spannungsfeld zwischen gewissen Richtungen in der Kirche, die quer durch laufen. Und auch da muss man sich vor Etiketten oder Vereinfachungen hüten, etwa „die Progressiven“ und „Konservativen“ – das ist sehr viel komplexer.


Ich muss sagen, schon in meinen jungen Priesterjahren habe ich Rom oft wirklich als „rettend“ erlebt. Was haben wir nicht von Papst Johannes Paul II. an Orientierung, nicht nur an Warnung vor Gefahren, sondern an Perspektiven, Horizonterweiterung gelernt. Natürlich gilt das für mich in besonderer Weise von Papst Benedikt XVI., den ich schon als Student erleben und mit dem ich viel zusammenarbeiten durfte. Es hat mich immer wieder fasziniert, wie er meinen Horizont geweitet und in einen größeren Horizont gestellt hat.

 

Ich kann nicht einfach sagen: „Der Vatikan“. Da sind ganz großartige, hingebungsvolle, dienstbereite Menschen; natürlich gibt es auch Karrieristen, und es gibt Leute, die engstirnig sind, und wieder andere von einer unglaublichen Weite und Großherzigkeit.

 

Als Verantwortlicher einer großen Diözesankurie bin ich sehr vorsichtig mit der Kritik an Rom. Was aus den Gemeinden an Kritik an uns „da drinnen am Stephansplatz“ kommt, klingt dem ähnlich, was man gelegentlich  als Kritik der Ortskirchen an Rom lesen kann. „Die da oben“ oder „die da drinnen“, die „verstehen unsere Probleme nicht“. Ich kann nur sagen: Ich habe beglückend erlebt, dass es viel komplexer ist, Licht und Schatten sind überall ziemlich gleich verteilt.

Wenn Sie noch Professor wären, was wäre heute „Ihr“ Thema?

Kardinal Schönborn: Eigentlich hat mich von Anfang meines Studiums, von den beiden Dissertationen bis zum Ende meiner Professorenzeit, das Thema Christologie, die Ausformulierungen der Lehre über Christus, am meisten interessiert.

 

Eine ganz große Freude war, gestehe ich, dass Papst Benedikt in seinem 2. Band „Jesus von Nazareth“ neben den beiden großen Christologien von Pannenberg und Walter Kasper auch meine Christologie als Handbuch/ Standardbuch für heute erwähnt hat. Natürlich gab es auch viele andere faszinierende Themen, die Kirche, die Sakramente, die Lehre vom Menschen ...

Gab es in diesen Jahren einen Moment des Zweifelns, des Verzweifelns –  und was gab Ihnen wieder Kraft?

Kardinal Schönborn: Natürlich gibt es in 20 Jahren Momente, die besonders schwierig waren. Das Jahr 1995 war ein annus horribilis: die Anschuldigungen, Aufdeckungen von Missbrauchsfälle, Spannungen unter den Bischöfen, Kirchenvolksbegehren, Personalentscheidungen etc.

 

Was trägt, ist das persönliche Gebet, die Eucharistiefeier, die Rückkehr zum zentralen Geheimnis des Glaubens und auch die Ermutigung durch die Gläubigen, wo ich wirklich erfahren durfte, dass ich getragen werde, dass ich nicht alleine stehe.

Wie ist Ihre „Bilanz“?

Kardinal Schönborn: Wenn ich versuche, eine Verlust- und Gewinnrechnung dieser 20 Jahre zu machen, hat es zweifellos sehr schmerzliche Verluste gegeben, Kirchenaustritte, der immer noch nicht gestoppte Rückgang des Kirchenbesuches, auch der Rückgang des Ansehens der Kirche in der Öffentlichkeit, die schmerzlichen Prangererfahrungen, zum Teil auch ungerechte, die wir in der Öffentlichkeit erleben.

 

Aber gleichzeitig gibt es – in „weltlichen Kategorien“ gesprochen – starke Gewinnzonen, echte Wachstumsbereiche.


Zum Beispiel, dass sich die Tätigkeit unserer Caritas in meiner Amtszeit fast verdreifacht hat. Das zeigt, dass die soziale Not größer geworden ist, aber auch, dass die Caritas sich einer enormen Anerkennung und Wertschätzung  erfreut.


Auch haben wir in diesen 20 Jahren unseren Privatschulenbereich enorm ausweiten können. Die Erzdiözese hat 20 Schulen und ist der größte private Schulerhalter Österreichs. Wir haben das spannende Abenteuer mit der Pädagogischen Hochschule Krems-Wien – weltweit einzigartig: Lehrer/innenausbildung in ökumenischer Gemeinsamkeit. Die KPH Krems-Wien ist größer als alle staatlichen pädagogischen Hochschulen.


Wir haben eine starke Ausweitung im Kindergartenbereich (Kindertagesstätten). Die St.-Nikolaus-Stiftung ist ein wunderschönes Beispiel für das große Vertrauen, das der Kirche entgegengebracht wird, dass Kinder hier gut aufgehoben sind.


Und vor allem, das geistliche Wachstum: Nicht nur dass Österreich heute einen Boom an Jugendgebetsgruppen erlebt, von dem wenig die Rede ist. Wir erleben auch einen Boom an Klosterleben: In meiner Amtszeit sind allein in der Erzdiözese Wien vier neue Klöster gebaut worden. Es gibt Klöster, die eine nie gekannte Blüte erleben wie Heiligenkreuz: Es nie so viele Mönche in Heiligenkreuz gegeben wie heute.

Was kommt unterm Strich dabei heraus?

Kardinal Schönborn: Glaube – Hoffnung – Liebe.

Gibt es etwas, das Sie aus heutiger Sicht anders/besser gemacht hätten?

Kardinal Schönborn: Oh ja, vieles. Es ist nicht sinnvoll, darüber zu jammern, doch es ist wichtig, Fehler – bewusste oder unbewusste – als solche zu benennen.

 

Ein Punkt, der mir heute selber große Fragen aufwirft, ist, dass ich sehr lange wirklich davon überzeugt war, dass das, was man aus anderen Ländern hörte, uns nicht treffen wird. Ich habe vielleicht zu wenig – nicht zu spät, aber recht spät – gesehen, dass wir uns vorbereiten müssen auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die auch die Kirche treffen. Wenn wir in Wien nur mehr halb so viele Katholiken sind, aber immer noch die selbe Zahl von Pfarren haben (172), müssen wir uns die Frage stellen: Wie gehen wir damit in die nächsten Jahre, damit es nicht zu einem Crash kommt?

Der Blick in die Zukunft?

Kardinal Schönborn: Meine große Hoffnung und Sehnsucht für die kommenden Jahre ist die „Mission“ – von Mensch zu Mensch, von Gesicht zu Gesicht, die Evangelisierung in dem Wissen, dass das keine Einbahnstraße ist, dass, wer diesen Weg geht, sehr viel mehr bekommt, als er gibt. Aber wir müssen uns auf den Weg machen.

Wir danken für das Gespräch.

(Die Zeitung der Erzdiözese Wien "DerSONNTAG", Print-Ausgabe, 2.10.2011)

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