Samstag 23. Juni 2018
Katechesen von Kardinal Christoph Schönborn

5. Katechese 2003/04 am 1. Feb. 2004: Die Messe – ein Opfer?

Ganz selbstverständlich ist in der Eucharistie vom Opfer die Rede. Aber was bedeutet es, wenn die Eucharistie Opfer genannt wird? Was ist das Opfer, das die Kirche darbringt?

Vier Schlüsselworte zur Eucharistie stehen in der Mitte dieser Katechesen: Gedächtnis, Opfer, Wandlung, Gegenwart. Über das Wort „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ haben wir in der vergangenen Katechese ausführlich gesprochen. Heute geht es um die Frage: In welchem Sinn ist die Eucharistie Opfer? In der nächsten Katechese möchte ich das Thema Wandlung ansprechen: Was heißt es, dass Brot und Wein gewandelt werden? Schließlich folgt in der Aprilkatechese das Thema Gegenwart: Was heißt es, dass der Herr im Sakrament, in der Eucharistie wirklich, wahrhaft, real gegenwärtig ist? Die beiden letzten Katechesen möchte ich dann der Kommunion zuwenden, dem Empfangen des Herrn in der Eucharistie.

Wie gehen wir diese Themen an? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich wähle die, die ich bisher schon schrittweise zu gehen versucht habe: Indem wir auf das schauen, was die Kirche tut. Wenn wir wissen wollen, was die Kirche glaubt, dann müssen wir schauen, was sie feiert. Ein uraltes christliches Wort sagt: lex orandi, lex credendi. Die Kirche betet, die Kirche glaubt. Was sie betet sagt etwas über das, was sie glaubt. Das Gesetz ihres Betens ist auch das Gesetz ihres Glaubens. „Die Kirche glaubt so, wie sie betet“, fasst es der Katechismus zusammen (1124). Schauen wir also auf das Beten der Kirche, wenn wir uns fragen, in welchem Sinn die Messe ein Opfer ist. Im Beten der Kirche spricht die Kirche gewissermaßen ihr Herz aus, drückt sie ihr innerstes Herzensanliegen aus. Die Liturgie der Kirche sagt uns deshalb so viel über den Glauben der Kirche.

I.

Deshalb vorweg eine Bemerkung über das Feiern der Kirche, das uns alle betrifft, die der Eucharistie vorstehen und die mitfeiern. Es ist grundlegend wichtig, dass wir die Liturgie der Kirche feiern und nicht eigene, persönliche Ideen aufzuführen versuchen. Das gilt natürlich für den Vorsteher der Eucharistie, den Priester, den Bischof, das gilt aber auch für die Liturgieausschüsse in unseren Pfarrgemeinden. Sie sind nicht dazu da, Experimente mit der Liturgie zu machen, sondern diese würdig und ihrem innersten Sinn entsprechend zu gestalten und zu feiern. Manchmal sind allzu subjektive Anmutungen von Liturgiegestaltern eine Zumutung für die Gläubigen. Wie kommt eine ganze Gemeinde dazu, dass sie sich hineinzwängen muss in die sehr subjektiven, manchmal auch eigenwilligen Ideen von Liturgiegestaltern? Das gilt natürlich vor allem und ganz besonders von der Heiligen Messe. Sie ist das Herz der Kirche, das Herz der Liturgie, und hier ist größte Ehrfurcht gefordert. Das heißt nicht Starrheit, ängstliches Festhalten, sondern große Ehrfurcht. Es geht um das Allerheiligste der Kirche. Daher ist es so wichtig, dass wir die Liturgie der Kirche nicht freihändig, eigenwillig umgestalten. Aber auf der andern Seite heißt das nicht, dass wir ängstlich und starr Gottesdienst feiern müssen, sondern eher in dem Sinn, dass wir uns gewissermaßen loslassen, hinein geben in die Feier der Liturgie. Ich sehe das so, dass die Liturgie so etwas wie eine Mystagogie ist, eine Einführung ins Geheimnis. Wer sich von der Liturgie leiten lässt, wird gewissermaßen von der Kirche an der Hand genommen und hinein geführt in das Geheimnis des Glaubens. Das erfordert einerseits eine große Treue zum Ritus, zu dem, was uns als liturgische Gestalt überliefert ist, anderseits aber auch eine große Verfügbarkeit, sich von der Liturgie gestalten, formen, prägen zu lassen. Das setzt auch voraus ein gewisses Loslassen von der eigenen Subjektivität und ein Sich-hinein-Geben in den Gottesdienst. Ich gestehe, mir fällt das besonders deutlich in der ostkirchlichen Liturgie auf. Unsere lateinische Liturgie ist meist so kurz, geht so schnell, dass man kaum Zeit hat, sich wirklich loszulassen. Eine ostkirchliche Liturgie, die zwei, zweieinhalb, drei Stunden dauert, ist ein langsames Einschwingen in den Gottesdienst. Allmählich wird man mitgenommen, an der Hand genommen, hineingeführt, und die Seele hat Zeit, mit der Feier des Geheimnisses mitzukommen. Ich denke, hier haben wir in der lateinischen Liturgie und Kirche viel von der Ostkirche zu lernen.

Eines ist auf jeden Fall dringend zu vermeiden, sowohl für die Gemeinde wie für den Vorsteher: die Versuchung der Selbstdarstellung. Es geht nicht darum, eine Liturgie möglichst originell zu gestalten, sondern Christus Raum zu geben, dass sein Wort hörbar wird, dass sein Kommen in der Eucharistie wirklich im Mittelpunkt steht. Er ist der eigentliche Liturge. Wir, der Bischof, der Priester sind Diener Christi oder, wie Paulus einmal sagt, „Verwalter der Geheimnisse Gottes“ (1 Kor 4,1). Auch die Gemeinde versammelt sich ja nicht um den Priester, erst recht nicht um sich selbst, sondern um Christus.

II.

Lassen wir uns in Frage nach dem Opfercharakter der Messe von der Feier der Liturgie leiten. Der Gottesdienst selber soll uns sagen, inwiefern die Messe ein Opfer ist, inwiefern es berechtigt ist, vom Messopfer zu sprechen, wie man es früher selbstverständlich getan hat – heute ist dieser Ausdruck etwas weniger vertraut. Ich nehme dazu einmal das dritte Hochgebet zur Hand, eines der neu gestalteten Hochgebete, das aber ganz aus traditionellen Elementen der altkirchlichen Liturgie besteht, eines jener Hochgebete, die nach dem Konzil in der Kirche Heimatrecht bekommen haben. Wahrscheinlich ist das dritte Hochgebet das, das man am häufigsten am Sonntag hört. Ich nehme also das dritte Hochgebet zur Hand und frage: Was sagt uns die Liturgie über das Messopfer?

Es beginnt gleich nach dem Sanctus: „Ja, du bist heilig, großer Gott, und alle deine Werke verkünden dein Lob.“ – Perspektive der Schöpfung. – „Denn durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, und in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllst du die ganze Schöpfung mit Leben und Gnade.“ – Dann folgt ein Wort, auf das wir heute noch zurückkommen werden, wir haben es oft gehört: –„Bis ans Ende der Zeiten versammelst du dir ein Volk, damit deinem Namen das reine Opfer dargebracht werde vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang.“ – Da wir alle das Alte Testament sehr gut kennen, ist uns vertraut, dass das ein Zitat aus dem Propheten Maleachi / Malachias ist. Der Prophet donnert gegen den verweltlichten, oberflächlichen Kult im Tempel. Er kündigt an, dass es einen Tag, eine Zeit geben wird, da Gott ein reines Opfer dargebracht werden wird bei den Völkern, vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang (Mal 1,11). Dieses reine Opfer, die oblatio munda, sagt der lateinische Text, ist, so deutet es uns die Liturgie, die Eucharistie. Die Eucharistie ist ein Opfer, das dem Namen Gottes überall vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang dargebracht wird. Nun haben wir aber, bibelfest wie wir sind, auch gehört: Es gibt nur ein Opfer. Ein für alle Mal hat Christus sich als das vollkommene Opfer dargebracht. Es gibt nur ein Opfer, und mit diesem einen Opfer hat er alle Opfer erfüllt, die es je gegeben hat. Was soll also das Messopfer?

Hören wir weiter. Nach den Einsetzungsworten, den Wandlungsworten, über die wir nächstes Mal sprechen werden, folgt die so genannte Anamnese, das Gedenken. Wir haben letztes Mal darüber gesprochen: Die Kirche gedenkt der großen Taten Gottes, besonders derer, die mit Jesus Christus zu tun haben. „Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis deines Sohnes. Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten seine Wiederkunft.“ – Und jetzt heißt es im Text weiter: „So bringen wir dir mit Lob und Dank dieses heilige und lebendige Opfer dar.“ – Wovon redet die Liturgie hier: dieses heilige und lebendige Opfer? Die Liturgie sagt: Wir bringen es dar. Aber im Neuen Testament haben wir doch gelesen, dass Christus ein für alle Mal das Opfer dargebracht hat. Hier heißt es: Wir bringen das Opfer dar. Dann geht das Gebet weiter: „Schau gütig auf die Gabe deiner Kirche.“ – Lateinisch noch deutlicher: „in oblationem Ecclesiae tuae“ – Das Opfer, die Opfergabe deiner Kirche. Es ist also doch ein Opfer der Kirche. – „Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde“ – Christus, das Lamm, das geopfert wurde – „und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat …“ – Hier ist wieder die Rede vom Opfer. Lateinisch heißt es: „… agnoscens hostiam cuius voluisti immolatione placare“ – „Erkenne das Opferlamm, durch dessen Darbringung du versöhnt werden wolltest“.

Dann geht das Gebet noch weiter: „Er mache uns auf immer zu einer Gabe, die dir wohlgefällt …“ – jetzt sollen wir ein Opfer werden: „Ipse nos tibi perficiat munus aeternum“ – Er mache uns zu einer ewigen Opfergabe. Es war also die Rede vom Opfer Christi, von dem, was die Kirche darbringt, und jetzt sollen wir selber ein Opfer werden.

Und dann kommt, fast wie eine Zusammenfassung, ein gewaltiges Wort: „Barmherziger Gott, wir bitten dich: Dieses Opfer unserer Versöhnung bringe der ganzen Welt Frieden und Heil.“ – „Haec Hostia nostrae reconciliationis“ … Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Wenn ich diesen Text spreche oder höre in der Feier der Eucharistie, dann reißt es mich manchmal. Wenn man versucht, zu bedenken was für eine gewaltige Dimension die Eucharistie hier bekommt, die der ganzen Welt Frieden und Heil bringt. Entweder wird hier furchtbar übertrieben, oder es ist ein Opfer von einer unvorstellbaren, gewaltigen Kraft. Welche Kraft muss ein solches Opfer, ein solches Geschehen haben, dass man ihm eine solche Wirkung zusprechen kann. Worum handelt es sich? Was ist mit diesem „Opfer unserer Versöhnung“ gemeint, das Opfer Christi, das Messopfer, unsere Hingabe? Es heißt hier nur: „dieses Opfer“.

Das ist hier nur an einem Hochgebet gesehen. Wir könnten, wenn wir viel Zeit hätten, die anderen Hochgebete anschauen, es ist dort nicht anders. Ganz selbstverständlich ist vom Opfer die Rede: das Opfer Christi, das Opfer der Kirche, jeder von uns soll Opfer werden. Dieses Opfer, was immer damit gemeint ist, soll der ganzen Welt Frieden und Heil bringen.

III.

Jetzt stellt sich die Frage: Was heißt überhaupt Opfer? Was heißt Opfer bringen? Verlangt Gott Opfer? Sofort kommen uns Missbrauchsmöglichkeiten in den Sinn. Die Opferhaltung kann ein Vorwand sein, Problemen auszuweichen, sich nicht zu bemühen, sie zu lösen. Man bringt eben Opfer. Ist das Opfer nicht eine Flucht vor der Tat, in eine Opferhaltung zu gehen, statt die Dinge zu ändern? Kann das Opfer nicht Ausdruck von Selbstgerechtigkeit sein: Schaut, was ich leiste, welche Opfer ich bringe, wie ich mich für euch aufopfere? – Es gibt durchaus die Gefahr, dass Mütter, manchmal auch Väter, ihre Hingabe für ihre Familie als Druckmittel verwenden: Seht, was ich für euch alles tue! Was tut ihr für mich? Das kann bis hin zur seelischen Erpressung gehen: „Ich opfere mich auf für dich, und du liebst mich nicht…“ – Ist Opfer nicht ein Ausdruck von Lebensverneinung, Leben ablehnender Haltung? Ist das nicht Ausdruck einer Furcht vor dem Leben? Diese psychologischen Einwände sind vielfach bekannt und uns vielleicht auch schon selber begegnet. Statt Opfer sollte ich mich selber durchsetzen.

Aber es gibt nicht nur psychologische Einwände gegen das Opfer, auch theologische, massive Einwände: Hat Christus nicht gegen die Opfer polemisiert? Hat er nicht ganz klar gesagt, dass viel wichtiger als alle Opfer die Barmherzigkeit ist (vgl. Mt 9,13; 12,7)? Was soll das Opfer bringen, wenn die Liebe fehlt? Hat Jesus nicht die Opfer des Alten Bundes durch das Gebot der Liebe ersetzt? Ein anderer theologischer Einwand ist: Wenn Christi Tod ein Opfer ist, dann ist es das einzige Opfer, ein für alle Mal. So sagt es zum Beispiel der Hebräerbrief: Er hat sich ein für alle Mal für uns dargebracht (7,27). Dann braucht es aber doch nicht neue Opfer, Messopfer, dass man Messen „bestellt“, Messopfer feiern lässt. Die Reformation polemisiert heftig gegen das Messopfer, gegen die Messopferpraxis, dass man 30 Messen hintereinander bestellt, eine so genannte „gregorianische Messe“. Das Mittelalter war tief überzeugt davon, dass das Messopfer wirksam ist, besonders für die Verstorbenen, daher die vielen, vielen Messstiftungen. Viele solcher Messstiftungen für Verstorbene hat es hier im Dom gegeben, damit ihnen das Messopfer zugute kommt. In meiner Jugend war es noch sehr viel selbstverständlicher, dass man für die Verstorbenen Messen lesen hat lassen. Heute habe ich größte Schwierigkeiten, wenn mir ein Bischof aus einem armen Land schreibt: Haben Sie nicht Messstipendien für uns? Unsere Priester haben nichts zu essen, zu leben. Sie leben von den Messstipendien, und ich muss ihnen sagen, in Österreich werden viel weniger Messen bestellt. Manche Theologen sagen: Gott sei Dank! Das war ein Missbrauch. Dazu kommt dann noch die ganze Polemik über den Ablass, der auch mit dem Messopfer verbunden ist. Alle diese Themen hat die Reformation kritisiert, zum Teil zu Recht, zum Teil müssen wir auch sagen, von unserem Standpunkt aus, zu Unrecht. Martin Luther hat massiv gegen das Messopfer gekämpft. Er hat das als, wie er einmal sagt, „fast der ergist mißbrauch“ bezeichnet: Der ärgste Missbrauch ist, dass „nu fast alle Welt auß der messe hatt ein opffer gemacht“ (WA 6,365). Luther polemisiert heftig dagegen, dass die Messe ein Opfer sein soll. Ein wenig möchte ich zitieren, es ist die kräftige Sprache des 16. Jahrhunderts, seien sie unbesorgt, die katholischen Polemiker haben nicht weniger polemisch zurück geschossen. Luther bezeichnet das Messopfer als einen „Trachenschwantz“, „viel unzifers und geschmeis mancherlei Abgoetterey“ habe das Messopfer „gezeugt“ (WA 50,204). Und als es dann um die Frage ging: Könnte man sich vielleicht doch wieder einigen? Könnte man vielleicht doch ein Konzil miteinander machen? Da hat Luther ganz klar und deutlich gesagt: In dieser Frage „sind und bleiben wir ewiglich gescheiden und widereinander. Sie fuelens wol, wo die Messe fellet, so ligt das Bapsttum“ – mit der Messe fällt auch das Papsttum (ebd.; vgl. W. Averbeck Der Opfercharakter des Abendmahls, Paderborn 1967, 33). Für ihn war es klar, dass er nicht darauf verzichten kann, die Messopferidee abzulegen. Das war nicht eine billige Polemik, auch wenn es sehr polemisch vorgetragen wurde, sondern dahinter stand eine tiefe Überzeugung. Luther war überzeugt: Was uns erlöst hat, ist nicht Menschenwerk. Gott hat uns erlöst. Christus hat uns erlöst. Sein Opfer ist nicht Menschenwerk, sondern Gotteswerk. Die Idee, dass wir teilnehmen am Opfer Christi, dass wir selber etwas darbringen, opfern können, das würde ihm etwas Wesentliches wegnehmen von dem, was für ihn der Kern des christlichen Glaubens ist, dass Gott es macht und nicht der Mensch. Das Messopfer ist für ihn deshalb Menschenwerk. Der Mensch tut etwas, bringt Gott etwas dar. Die Gefahr, die er wittert, ist, dass der Mensch dann selbstgerecht wird, sich etwas auf seine Leistungen einbilden könnte.

So ist die Frage des Messopfers nicht nur in der Reformationszeit sondern im Grunde bis heute eine Frage, die uns in die Mitte unseres Glaubens hineinführt. Geht es beim Messopfer um menschliche Leistungen, um etwas, worauf wir uns etwas einbilden können? Macht das Opfer das Werk Gottes überflüssig? Müssen wir Gott überhaupt Opfer bringen? Braucht Gott das? Ist Gott nicht der, der unendlich viel größer ist, als alle unsere Opfer je sein können? Schließlich die Frage, die heute so viele Menschen stellen: Hat Jesus selber ein Opfer gebracht? Was ist das für eine Gottesvorstellung, dass Gott durch ein Opfer sich versöhnen lässt? Wir haben es eben im dritten Hochgebet gehört: „Schau auf die Gabe deiner Kirche“ – oblationem ecclesiae tuae – „sie stellt dir die Hostia, das Opfer, das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat.“ Du wolltest also durch ein Opfer versöhnt werden. Was ist das für ein Gottesbild? Braucht Gott wirklich Opfer, um uns wieder anzunehmen? Hat Gott uns nicht grundlos und bedingungslos geliebt und uns sein Erbarmen geschenkt, ohne dass wir etwas leisten? Das sind die großen Fragen, die auch heute im Raum stehen.

IV.

Gehen wir einmal einen Schritt zurück und fragen wir, wie es überhaupt mit dem Wort Opfer steht. Was sagt die Alltagssprache? Ich hoffe, dass wir morgen in der Zeitung nicht wieder von neuen Opfern des Terrors lesen werden. Opfer des Verkehrs. Das Wort Opfer kommt ständig vor und meint, dass jemand getroffen ist, durch Gewalt – wir hören immer wieder von Missbrauchsopfern und unterscheiden Opfer und Täter – das ist also offensichtlich etwas, was dem Menschen widerfährt als Gewalt, die ihn zutiefst betrifft, verletzt, bis hin zur Vernichtung des menschlichen Lebens. Das Wort Opfer kommt auch in einem Zusammenhang vor, von dem wir auch aus der Bibel wissen, der aber in der Alltagssprache durchaus auch vorhanden ist. Wenn ich sage, etwas kostet mich Überwindung, kann ich auch sagen: Es ist mir wirklich ein Opfer. Heute Abend hier im kalten Dom zu sein, statt gemütlich zu Hause zu sitzen, ist mir wirklich ein Opfer. Ich musste mich überwinden, mich auf den Weg machen. Es kostet mich etwas. Es ist ein Opfer. Wenn am Sonntag gesammelt wird, nennt man das das Kirchenopfer. Das Opfer wird eingezogen für diesen oder jenen Anlass, für dieses oder jenes Anliegen. Opfer hat also den Beigeschmack, es kostet etwas. Es fordert Überwindung. Ein Opfer bringen, das hat durchaus auch einen negativen Beigeschmack. Ich erinnere mich an eine liebe Bekannte, die erzählt hat, ihre Großmutter war eine strenge Puritanerin. Sie musste Klavier spielen lernen. Sie hat es gehasst. Als sie dann vierzehn war, hat sie am Klavierspielen Geschmack gefunden. Da hat die Großmutter, streng puritanisch, es ihr verboten, weil man doch nicht etwas tut, was Lust bereitet.

Opfer nur negativ – schauen wir einmal hinein in die christliche Tradition. Da gibt es eine große Überraschung. Der hl. Augustinus (†430) hat die klassische Definition des Opfers formuliert, die dem ganzen Abendland mitgegeben worden ist, leider oft vergessen wurde. Da klingt Opfer ganz anders. In seinem großen Werk „Über den Gottesstaat“ sagt er: „Ein wahres Opfer ist jedes Werk, welches dazu beiträgt, dass wir in heiliger Gemeinschaft Gott anhangen“ (De civitate Dei X,6). Eher überraschend, eine sehr weite und offene Definition des Opfers. Der Kern des Opfers ist das Herstellen einer Gemeinschaft. Opfer ist das, was uns – im religiösen Sinne – in sancta societate [heiliger Gemeinschaft] mit Gott verbindet. Das Lob ist in diesem Sinne ein Opfer. Deshalb sprechen die Psalmen ja auch vom Opfer des Lobes (50,23). Das Lob bringt uns mit Gott in Verbindung. Es schafft Gemeinschaft zwischen uns und Gott. Es ist nicht verwunderlich, dass in der Bibel das Mahl als Opfer bezeichnet wird, weil es als heiliges Mahl Gemeinschaft schafft mit Gott und unter den Menschen. Das kann auch den Charakter der Überwindung haben. Wo ein Hindernis ist muss ich ein Opfer der Versöhnung bringen, ein Opfer der Buße. Aber das ist nicht das Wesentliche am Opfer. Das Wesentliche ist, dass es Gemeinschaft stiftet. Wenn wir schauen: Was ist die Selbstüberwindung, das kleine tägliche Opfer der Aufmerksamkeit, der Freundlichkeit, des Lächelns, des Zuhörens, des Zeithabens? Das ist das, was Gemeinschaft stiftet. Das kann eine Überwindung bedeuten. Das kann sich aber auch als etwas sehr Freudiges erweisen. Die Freude ist oft viel größer als die Überwindung. Die Überwindung ist nur der erste Schritt, dann kommt die Freude. Opfer ist also alles, was uns in Gemeinschaft mit Gott bringt.

Fragen wir noch einmal zur Bibel zurück: Was ist eigentlich der Kern des Opfers? Denken wir an den Psalm 51, den großen Bußpsalm: „Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen“ (51,19). Ein Geist, der sich wieder Gott zuwendet, das ist das wahre Opfer. Das reine Opfer, von dem der Prophet Maleachi (1,11) spricht, ist nicht so sehr, dass wir möglichst viele äußere Opfer bringen. Es ist die Barmherzigkeit. Wenn Jesus sagt: Ich will nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit (vgl. Mt 9,13; 12,7), dann ist die Barmherzigkeit das wahre Opfer, das Jesus sucht, weil es Gemeinschaft stiftet.

Kommen wir zurück zur Eucharistie, zur Messe. Im dritten Hochgebet hat es am Anfang geheißen: Damit dir „vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang ein reines Opfer dargebracht werde“. Was ist dieses reine Opfer? Wir glauben, dass das die Eucharistie ist. Für die, die die ersten zwei Katechesen gehört haben, eine kleine Nebenbemerkung. In einem frühchristlichen Disput zwischen einem Rabbiner und einem christlichen Meister, Theologen, Justin dem Märtyrer († um 165), sagt der Rabbiner: „Das reine Opfer, das überall, vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang dargebracht wird, sind unsere jüdischen Segnungen.“ – Ich habe über die Berachot (Brochen) gesprochen. – Justin antwortet ihm: Nein, das reine Opfer, von dem hier der Prophet spricht, sind Brot und Wein, das ist die Eucharistie, die überall auf Erden dargebracht wird. Die Eucharistie als das reine Opfer, was heißt das? Ist die Eucharistie ein Opfer? Schauen wir uns einfach an, wie die Messe abläuft. Es gibt so etwas wie einen Opfergang. Bei feierlichen Gottesdiensten wird der feierlich gestaltet. Die Gaben werden gebracht. In Afrika habe ich das erlebt in einer sehr anschaulichen Weise. Da wurden ganze Säcke von Maniok, Früchte und mir zu Ehren sogar eine lebende Ziege zum Altar gebracht, Hühner und als Höhepunkt einmal sogar ein ganzes lebendes Kalb. Die Gaben werden zum Altar gebracht, konzentriert in den Gaben von Brot und Wein. Wir nennen diesen Teil die Gabenbereitung, das Offertorium. Es ist tatsächlich eine Darbringung von Brot und Wein. Aber wenn wir hineinhorchen in die Texte – wir haben es eben im dritten Hochgebet getan – dann sind auch wir selber Gabe: „Er mache uns auf immer zu einer Gabe, die dir wohl gefällt.“ Wir bringen uns ein. Aber allen voran ist es natürlich die Gabe: der Leib und das Blut des Herrn selbst.

Nun stellt sich die Frage: Ist das die Gabe, die wir darbringen? Können wir Brot und Wein gewandelt in Leib und Blut Christi Gott als Opfer darbringen? Oder ist es nicht umgekehrt so, dass der Vater uns das schenkt, dass Gott der Urheber dieser Gabe ist? Opfert die Kirche Christus? Dürfen wir in der heiligen Messe Christus als Gabe Gott zurück schenken? So versteht die Kirche jedenfalls ihr Beten. Wie immer die Diskussion mit Luther und mit der Reformation weitergeht, vom Sinn der Liturgie her ist klar: Die Kirche versteht sich als die, die Christus dem Vater darbringt. Aber wir haben doch gehört und sagen es noch einmal: Das Opfer Christi ist doch einmalig. Wird das jetzt wiederholt? Ist das Messopfer ein neues Opfer?

Wenn man ratlos wird, schaut man im Katechismus nach. Dazu hat man ihn ja, dass man nachschauen kann. Er sagt: Ja, die Eucharistie ist ein Opfer. Jetzt aber das Überraschende: Die Eucharistie ist ein Opfer, weil sie Gedächtnis des Opfers Christi ist (KKK 1365-1366). Gedächtnis und Opfer. Letztes Mal waren wir beim Gedächtnis. In welchem Sinne ist die Messe Opfer? Weil sie Gedächtnis ist. Ich zitiere noch einmal das dritte Hochgebet: „Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis deines Sohnes … So bringen wir dir mit Lob und Dank dieses heilige und lebendige Opfer dar.“ Im Lateinischen ist es noch klarer, es ist nur ein Satz: „Memores igitur“ (eingedenk, gedenkend) – „offerimus“ (opfern wir). Weil wir in der Messe des Opfers Christi gedenken, wird dieses Opfer gegenwärtig.

Sie erinnern sich, letztes Mal habe ich aus dem jüdischen Seder von dem Ritus erzählt, wie der Hausvater bei den sefardischen Juden die Mazzen um die Schulter nimmt und am Tisch eine Gehbewegung beginnt, um sichtbar zu machen: Wir, die wir jetzt den Seder feiern, ziehen mit aus aus Ägypten. Wir sind mit dabei. Wir, die wir des Abendmahls Jesu, seines Todes gedenken, sind mit dabei. Deshalb sagt der Katechismus in der nächsten Nummer: „Das Opfer Christi und das Opfer der Eucharistie sind ein einziges Opfer“ – damals und heute. Christus hat sein Leben gegeben, und wenn wir dessen gedenken, dann ist das jetzt Gegenwart. Und der Katechismus erklärt: „Denn die Opfergabe ist ein und dieselbe; derselbe, der sich selbst damals am Kreuze opferte, opfert jetzt durch den Dienst der Priester; allein die Weise des Opferns ist verschieden“, damals blutig, heute unblutig (KKK 1367).

Jetzt stellt sich zum Schluss noch die Frage: Ist das dann auch Opfer der Kirche? Da sagt wieder der Katechismus: Die Kirche Christi „nimmt am Opfer ihres Hauptes teil. Mit ihm wird sie selbst ganz dargebracht“ (KKK 1368). Die Kirche und Christus sind eine Einheit. Wenn Christus sich schenkt, für alle Menschen dem Vater, dann schenkt sich die Kirche mit. Ich lese zum Schluss einen wunderschönen Text aus einer Predigt des hl. Augustinus vor, der das so schön sagt, wie ich es sicher nicht selber sagen könnte: „Wenn also ihr der Leib Christ und seine Glieder seid, ist euer Mysterium auf den Tisch des Herrn niedergelegt. Ihr empfangt euer Mysterium [euer Geheimnis]. Auf das, was ihr seid, antwortet ihr: Amen … Du hörst nämlich: ‚Der Leib Christi‘ und du antwortest: ‚Amen‘. Sei ein Glied Christi, damit dein Amen wahr ist.“ Dann sagt er weiter: „Hört, was der Apostel sagt: ‚Ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen‘ (1 Kor 10,17). Versteht das und freut euch … Ein Brot! Wer ist dieses eine Brot? Ein Leib die vielen! Erinnert euch: Brot wird nicht aus einem Korn gemacht, sondern aus vielen! Ihr seid exorziert worden [in der Taufe], damals wurdet ihr sozusagen gemahlen. Als ihr getauft wurdet, wurde ihr gewissermaßen geknetet. Als ihr das Feuer des Heiligen Geistes empfingt, wurdet ihr gewissermaßen gebacken.“ Jetzt seid ihr Leib Christi, Brot Christi. Und Augustinus fügt hinzu: „Seid also, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid“ (Predigt 272). Ich lade Sie ein, dass beim Empfang des Leibes des Herrn zu bedenken: Seid, was ihr seht, Leib Christi! Empfangt, was ihr seid: Leib Christi!

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