Tuesday 10. December 2019
Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht
Joh. 12, 24
Predigten von Kardinal Christoph Schönborn

Predigt zum Ostersonntag 2019

Predigt von Kardinal Christoph Schönborn, zum Ostersonntag am 21. April 2019, im Dom zu St. Stephan, im Wortlaut:

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Was hat sich eigentlich geändert seit der Auferstehung Jesu?  Diese Frage hat mich schon bei der Vorbereitung dieser Predigt bewegt, aber sie ist noch einmal schärfer geworden, zugespitzter durch die Ereignisse von heute Früh in Sri Lanka. Was hat sich eigentlich geändert durch die Auferstehung Jesu? Ich erinnere mich an ein Wort von Papst Benedikt in einer Osterpredigt, wo er gesagt hat: „Die Auferstehung Jesu, - wenn man das in Worten der Evolutionslehre sagen kann, dann müsste man sagen -, das ist die größte Mutation in der Evolutionsgeschichte“. Ein gewaltiger Sprung. Tatsächlich bekennen wir im Glauben: Tod, wo ist dein Sieg? Die Auferstehung Jesu ist der Sieg über den Tod. Das bekennen wir, das sagen wir und das glauben wir.

 

Aber ist es auch so? Hat nicht der Tod überall die Vormacht, unsere eigene Sterblichkeit? Aber viel tragischer, als dass wir alle sterben müssen, dass viele so gewaltsam sterben müssen, unschuldig, von Krankheiten, Seuchen, von Katastrophen, von Kriegen, Attentaten heimgesucht, so wie heute in Sri Lanka. Es weinen viele Eltern, Ehemänner, Ehefrauen, Freunde. Vorhin hat mich der liebe Kardinal von Colombo in der Sakristei angerufen, ein Freund seit vielen, vielen Jahren und ein Freund von unserem Land, der so oft hier war, Kardinal Malcolm Ranjith, mit Tränen in der Stimme, zu Ostern auf drei Kirchen blutige, gezielte, gewollte Attentate, gerade am Ostersonntag in der St. Antonius Kirche von Colombo, die beliebteste Kirche von Sri Lanka.

 

Ich war selber dort vor vielen Jahren. In diese Kirche kommen nicht nur Katholiken, nicht nur Christen, auch Buddhisten und Muslime, Hindus, um den heiligen Antonius zu verehren und das Prager Jesulein, das dort besonders geliebt und verehrt wird. Scharen von Menschen kommen täglich in die Kirche, und dort geschah am Ostersonntag ein blutiges Attentat. Was ist mit der Auferstehung, was hat sich geändert in der Welt, seit Christus auferstanden ist?

 

Brüder und Schwestern, diese Frage hat mich schon in der Vorbereitung auf diesen Sonntag bewegt, aber jetzt bewegt sie mich noch mehr. Was hat sich geändert? Eines hat sich sicher geändert: „Frau, warum weinst du?“ Mich bewegt das immer, dass das erste Wort des Auferstandenen, das erste Wort der neuen Schöpfung, denn mit Christus beginnt die neue Schöpfung, beginnt eine neue Welt, in der der Tod überwunden ist und der Hass besiegt ist. Das erste Wort des Auferstandenen ist: Frau, warum weinst du? Nicht eine große Erklärung in den Medien, nicht eine triumphale Manifestation in Jerusalem, sondern eine weinende Frau, die ihn sehr, sehr geliebt hat und die nicht weggegangen ist vom Grab. Jesus sieht ihre Tränen und fragt sie: Frau, warum weinst du?

 

Brüder und Schwestern, das, was sich geändert hat durch die Auferstehung Christi, ist, dass die Liebe und das Mitgefühl gesiegt hat und immer wieder siegen wird. Ob es die Menschen wissen oder nicht, wo immer Mitgefühl gelebt wird, wo immer compassion, Barmherzigkeit, gelebt wird, - und sie wird an so vielen Orten gelebt, in Familien, in der Nachbarschaft, bei Tausenden Gelegenheiten, dort ist die Auferstehung am Werk, verborgen, oft ganz unscheinbar, aber wirklich. Papst Franziskus hat neulich eine Pfarre in Rom besucht und da hat ein Kind geschrien, dann hat der Papst gesagt: „Wenn es jemanden stört, soll er rausgehen“. Freuen wir uns, dass es Kinder unter uns gibt, die auch ihr Leben durch Quieken und Quaken bezeugen.

 

Schwestern und Brüder, die Auferstehung zeigt sich zweitens durch die unvergleichliche Anziehungskraft Jesu. Jesus siegt nicht mit dem Schwert, auch wenn wir Christen oft zum Schwert gegriffen haben, er siegt durch die Anziehung. Was ist das Geheimnisvolle, das wir in dieser Osternacht an vielen Orten in der Diözese und in der ganzen Welt erlebt haben, dass Erwachsene um die Taufe bitten? Wir haben in den letzten Tagen Zeugnisse von über 200 Erwachsenen in der Erzdiözese gehört, die um die Taufe gebeten haben.

 

Was hat sie bewogen? Warum in einer Gesellschaft, in der Christsein zu sein gar nicht mehr so etwas Begehrenswertes oder gar Lobenswertes ist, wo man so viel Kritik bekommt als Christ? Was ist das? Sie fühlen sich angezogen von Jesus, etwas an ihm, etwas an seiner Gestalt zieht sie an und bewegt sie, sich auf ihn zuzubewegen und mit ihm in Verbindung zu sein. Die Auferstehung zeigt sich in der Anziehung Jesu. Diese Anziehungskraft ist stärker als aller Hass und alles Böse in dieser Welt.

 

Schließlich das Geheimnis seiner Gegenwart. Er hat gesagt: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Wie wirkt der Auferstandene? Indem er da ist, gegenwärtig, heute, jetzt, real, wirklich, als Auferstandener. Wir sehen ihn nicht wie Maria von Magdala ihn sehen konnte, aber wir berühren ihn im Glauben. Und diese Zuversicht ist stärker als alle widrigen Kräfte dieser Welt. Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.

 

Brüder und Schwestern, so frage ich mich: Warum ist das so, dass die Auferstehung Jesu nicht manifester ist? Sie ist nicht manifester, weil sie geheimnisvoll wirkt. Sie wirkt in den Herzen der Menschen, sie wirkt in der compassion, im Mitgefühl, sie wirkt in der Anziehung, die von Jesus ausgeht und sie wirkt in der Erfahrung seiner Gegenwart. Das ist der Friede, von dem er gesprochen hat und den er uns geschenkt hat. Unbesiegbar ist sein Friede. Amen.

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