Dienstag 25. September 2018
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Befreiender Ein-Gott-Glaube

(6.5.2012) Interview mit Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück den „Gewaltverdacht“ des Monotheismus.


 

 

Univ.-Prof. Dr. Jan-Heiner Tück, Ordinarius für Dogmatische Theologie an der Universität Wien.

 


 

Der biblische Monotheismus steht seit einigen Jahren unter „Gewaltverdacht“. Warum?

Tück: In der Tat, der biblische Monotheismus steht im Verdacht, gewaltsam und intolerant zu sein. Dabei sind es in der Öffentlichkeit vor allem nicht-theologische Stimmen, welche den biblischen Ein-Gott-Glauben, der bislang als Ausdruck aufgeklärter Religion galt, kritisieren.

 

So forderte schon vor Jahren der Philosoph Odo Marquard eine Gewaltenteilung des Absoluten und sprach sich keck für ein „Lob des Polytheismus“ aus. In jüngerer Zeit haben vor allem die „neuen Atheisten“ Aufmerksamkeit erregt. Richard Dawkins meint in seinem Buch „Gotteswahn“, den biblischen Gott als „blutrünstiges Ungeheuer“ demaskieren zu können. Dabei reißt er Stellen aus dem Zusammenhang und liest die Bibel geradezu fundamentalistisch, ohne zu beachten, dass innerhalb des Christentums schon früh entsprechende Lesetechniken ausgebildet wurden, um solche Stellen angemessen zu deuten.

 

Die aktuelle Kritik am Monotheismus hängt sicher auch mit dem Phänomen des gewaltbereiten Islamismus zusammen. Die Terroranschläge des 11. September 2001 haben  jedenfalls nicht nur für eine neue Sichtbarkeit der Religion in den Medien gesorgt, sondern zugleich der Frage nach der friedlichen Koexistenz der Religionen in der globalisierten Welt eine bedrängende Aktualität verliehen.

 

Welche These vertritt in diesem Zusammenhang der Ägyptologe Jan Assmann? Wie beschreibt er das Verhältnis von Monotheismus und Polytheismus?

Tück: Unter den Stimmen, die das Unbehagen am Monotheismus artikulieren, verdient der Ägyptologe Jan Assmann besondere Aufmerksamkeit. Er sagt, dass der Monotheismus eine neue Form von Hass in die Welt gebracht habe, nämlich einen Hass, der durch religiöse Wahrheitsansprüche motiviert werde. Die „Mosaische Unterscheidung“ – so bezeichnet er die Unterscheidung zwischen wahr und falsch im Bereich der Religion – habe eine revolutionäre Zäsur gesetzt: Im Namen des einzigen wahren Gottes würden alle anderen Götter als falsch verworfen und deren Verehrer als Götzendiener gebrandmarkt.

 

Wenn Sie an den Propheten Elia und seinen Opferwettstreit mit den Baalspriestern auf dem Berg Kamel denken, ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es in der Bibel erläuterungsbedürftige Gewaltaussagen gibt.

 

Für friedfertiger und toleranter hält Assmann den Polytheismus. Hier seien die Götter nach Name, Gestalt und Zuständigkeit unterschieden worden. Man habe Übersetzungstechniken entwickelt, um die eigene Religion auf die andere hin durchlässig zu machen. Die Götternamen waren zwar verschieden, die Funktionen der einzelnen Götter aber vergleichbar: Zeus und Jupiter sind für Donner und Blitz, Poseidon und Neptun für das Meer, Athene und Minerva für die Weisheit zuständig.

 

Diese Übersetzbarkeit der Götter würdigt Assmann als große kulturelle Leistung des Polytheismus. Dabei gewichtet er zu wenig, dass das Götterpantheon alles andere als ein friedliches Götter-Biotop gewesen ist. Im Olymp herrschten Eifersucht, Rivalität und Krieg.

 

Antike Philosophen, aber auch die Kirchenväter haben daher auf die Gewaltträchtigkeit des Polytheismus hingewiesen und die Götter als Projektion menschlicher Leidenschaften entlarvt. Der Übergang zum Ein-Gott-Glauben ist von vielen gerade als befreiend erfahren worden.

 

Interview: Stefan Kronthaler




Theologische Kurse

Ägypten, Moses und der Gewaltverdacht

 

11.5., 15-17h: „Religio duplex“ – Ägyptische Mysterien und europäische Auflärung, mit Prof. Dr. Jan Assmann.

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12.5., 9-13h: „Monotheismus – Politik – Gewalt“, mit Prof. Dr. Jan Assmann, Univ.-Prof. Dr. Rüdiger Lohlker und Univ.-Prof. Dr. Jan-Heiner Tück.

 

Anmeldung: 01/51552-3708, oder E-Mail: wienerkurs@theologischekurse.at

 

 

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