Fünfte Aufmerksamkeit gegenüber dem Gewissen und Gott
Fünfte Aufmerksamkeit
gegenüber dem Gewissen und Gott
Die Situation
Manchmal fühle ich mich gescheitert, Herr,
und manchmal ist da ganz tief in mir eine neue Lebendigkeit.
Die Leute wissen nicht, wie lange ich gezögert habe,
den Trennungsstrich zu ziehen – aber Du weißt es.
Du kennst die Augenblicke, in denen ich ihm etwas schuldig geblieben bin –
aber Du kennst auch die Grenzen unserer Beziehung.
Du weißt um unsere Verletztheit.
Du bist ein Gott, der heil macht, der versteht und verzeiht.
Dafür danke ich Dir.
Ich bitte Dich für meine Kinder, Herr.
Für ihren Vater zu bitten, fällt mir schwer, zu tief sitzt die Kränkung –
doch da tauchen alte Szenen auf,
dann weiß ich, dass es auch eine gute Geschichte gab mit uns.
Ich brauche Mut für meinen Weg, Herr.
Manchmal stürzt zu viel auf mich ein,
und manchmal fühle ich mich ganz leer,
doch da wächst auch eine neue Kraft in mir.
Bleib bei mir, Herr.
In diesem Gebet formuliert die leider unbekannte Verfasserin in ihren Gedanken alle unter der „zweiten Aufmerksamkeit“ beschriebenen Phasen, die Menschen bei Trennung und/oder Scheidung durchleben. Wer auf diese Weise ehrlich betet, darf auch mit der Barmherzigkeit Gottes rechnen. Hier kommt eine Demut, aber auch eine Würde zum Ausdruck, der wir mit Respekt begegnen müssen. Die durchlebten und im Glauben reflektierten Phasen sind für das Gewissen eine harte Prüfung und es erhält dadurch eine Größe und Weite, die Kraft gibt für die künftige Lebensform und für das weitere Leben innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft. Eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit und eine Neuorientierung aus dem Glauben erscheinen möglich.
Hinhören und achtsames Wahrnehmen von Bedürfnissen
Vorsicht vor zu schnellen Urteilen und Ratschlägen! Der/die Betroffene selbst muss zur Einsicht kommen, dass er/sie allein seine/ ihre Situation einer Lösung zuführen kann. Halt geben, krasse Selbsteinschätzung hinterfragen.
Fragen für uns Christ*innen
- Es gab ein Eheversprechen „Vor Gottes Angesicht…“ Vertraue ich auf Gottes Barmherzigkeit?
- Ist die Bereitschaft da, mit Gottes Barmherzigkeit zu rechnen?
- Ist die Sehnsucht nach erfülltem Leben geblieben?
- Können Schritte der Versöhnung getan werden bis hin zur Vergebung?
Hierfür bedarf es einer achtsamen und feinfühligen seelsorglichen Begleitung.
Worauf wir achten
- Welche Rolle spielt jetzt der Glaube für mein Leben?
- Gibt es eine Glaubenskrise? Mit Gott hadern…?! (vgl. Hiob)
- Wie kann mir mein Glaube helfen?
- Kann ich in meiner Situation beten oder will ich andere darum bitten?
- Gibt es etwas, was mich trotz allem dankbar sein lässt?
Was uns wichtig bleibt
Die Hinführung zu einem neuen Gelöbnis: Wenn alle Phasen dieses Lebensabschnittes einer Trennung durchlebt und die hier angeführten Fragen reflektiert und aufgearbeitet sind, kann eine neue Verbindung besser gelingen. Wenn bereits standesamtlich in zweiter Ehe Verheiratete den Wunsch nach einem Segensgottesdienst zusammen mit ihren Familien und Freunden äußern, ist im Gespräch mit den beiden folgendes zu beachten:
- Jede Paarbeziehung ist einzigartig und muss individuell gesehen und beachtet werden.
- Jesus ist auf jeden Menschen persönlich eingegangen und hat Situationen erfasst und angesprochen.
- Seelsorger*innen bedürfen einer Information über die Situation.
- Sind beide geschieden oder nur einer von beiden?
- Sind Kinder da und wo leben sie jetzt und künftig?
- Sind Sorgerecht und Sorgepflicht einvernehmlich geregelt?
- Wo gab es Spannungen und wie werden sie einer Lösung zugeführt?
Worte einer Betroffenen
Es gibt immer wieder Situationen, da bin ich traurig, dass es uns nicht gelungen ist, in „guten und schlechten Tagen“ zusammen zu bleiben, einander die Treue zu halten. Derzeit strebe ich wieder nach „einem Leben in Fülle“ mit den Kindern, den Freunden, im Beruf. Ich habe gelernt, dass ich ganz alleine für mein Glück verantwortlich bin. Die schönen, freundlichen Tage überwiegen. Und ich kann Gott in meinen Gebeten für vieles dankbar sein.
(…) heiligt vielmehr in eurem Herzen Christus, den Herrn! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. (1 Petr 3,15-16)

