Wir feiern heute den 500. Weihetag dieser Kirche und das Patrozinium, das Fest des Hl. Othmar, und haben soeben apokalyptische Texte der Bibel gehört. Jetzt kann man natürlich fragen: Passt das? Was haben das feierliche Othmarhochamt und das Kirchenjubiläum mit dem Weltuntergang zu tun?
Nun zunächst einmal meine ich, wir leben doch in apokalyptischen Zeiten. Die im Lukasevangelium aufgezählten Zeichen der Endzeit Kriege, Naturkatastrophen, Seuchen, Hungersnöte, Verfolgung und noch viele andere Schreckensszenarien kennen wir gut. Aber darüber hinaus entdecke ich in der Endzeitrede des Evangeliums zwei Querverbindungen zum heutigen Jubiläum, die ich mit meinem Dank und mit meinen Wünschen für die Pfarre St. Othmar verbinden möchte.
Jesus schaut auf den prächtigen Tempel von Jerusalem und sagt: Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen werden. Wenn wir heute den 500. Weihetag dieser Kirche feiern, dann tut es gut, dass wir uns an die wechselvolle Geschichte dieses Ortes erinnern. Mit großer Wahrscheinlichkeit stand hier schon im Jahr 888, also vor mehr als 1100 Jahren eine Kirche. Der jetzige Bau ist die 7. Kirche an dieser Stelle. 69 Jahre – so lange hat der Hl. Othmar gelebt - wurde an der prächtigen gotischen Kirche gebaut. Vier Jahre nach der Weihe im Jahr 1529 wurde die Kirche bei der 1. Türkenbelagerung vollständig zerstört. Der Wiederaufbau war extrem mühsam und dauerte rund 100 Jahre. 1643 brach nach einem Blitzschlag ein Brand aus, 40 Jahre später wurde die Kirche im Zuge der 2. Wiener Türkenbelagerung wieder arg in Mitleidenschaft gezogen, im 18. Jh. barockisiert, im 19. Jh. regotisiert und zuletzt vor mehr als 40 Jahren im Geist der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils umgestaltet.
Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. - Niedergang und Zerstörung – Umgestaltung und Neubeginn: diese Bewegung zieht sich durch die Geschichte der 7 Kirchen, die an dieser Stelle gebaut wurden und darüber hinaus durch die gesamte Kirchengeschichte. Niedergang und Wiederaufbau - das gilt aber nicht nur für kirchliche Gebäude, sondern auch für die Glaubensgemeinschaft der Kirche. Die Kirche aus lebendigen Steinen ist als pilgerndes Gottesvolk immer in Bewegung.
Dass sich in unserer Zeit eine altvertraute Kirchengestalt und Kirchenstrukturen verändern, ist herausfordernd, aber nicht ungewöhnlich. Ein Blick in die Bibel zeigt: das Volk Gottes ist immer auf dem Weg, was bedeutet: nicht erstarren und stehenbleiben, sondern beweglich bleiben und die Zeichen der Zeit erkennen.
Zum heutigen 500. Weihejubiläum der Pfarrkirche ein großer Dank:
Ich danke allen, die nicht nur von der guten alten Zeit schwärmen, sondern sich den Herausforderungen der Zeit stellen und gerne im Heute leben.
Ich danke der Pfarre St. Othmar, dass hier eine gute Verbindung von Tradition und Aufbruch gelingt. In dieser Kirche haben feierliche Hochämter und Familiengottesdienste, Neues und Altes Platz, die Pfarre ist offen für Kirchentreue und Suchende.
Mein Dank gilt auch allen, die sich konstruktiv an der Neuordnung des pfarrlichen Lebens im Pfarrverband am Mödlingbach beteiligen und den Übergang in neue Strukturen mitgestalten wollen.
Und ein großes Danke auch an die Stadtgemeinde Mödling, die das Kirchenpatronat übernommen hat.
Noch ein Gedanke zum Evangelium, verbunden mit einem Wunsch für die Zukunft: Wie hat die Gemeinde des Lukas auf die apokalyptische Botschaft – kein Stein wir dauf dem anderen bleiben - reagiert? Erstaunlich entspannt, unaufgeregt und zuversichtlich. Der letzte Satz im heutigen Evangelium heißt ganz lapidar: Wer standhaft bleibt, wird gerettet!
Standhaft bleiben – ich bin überzeugt, dass ist unser Auftrag in einer Zeit, in der es drunter und drüber geht und viele ängstlich, frustriert oder auch aggressiv reagieren.
Standhaft bleiben, das meint zunächst und vor allem: fest verwurzelt sein im Glauben an Jesus Christus, verankert sein in der Gemeinschaft der Kirche; resilient, widerstandsfähig sein gegen negative und destruktive Kräfte, die spalten und verunsichern wollen und überall den Weltuntergang und das Ende der Kirche sehen.
Standhaft bleiben – das hat auch mit diesem Standort zu tun, wo seit mehr als 1100 Jahren Kirche präsent ist. Auch heute ist der Kirchenplatz Treffpunkt für viele Menschen und Ausgangspunkt für Wanderer. Sommertheater und Kabarett, und der Adventmarkt mit den vielen Angeboten im Advent und in der Weihnachtszeit – hier tut sich viel und die Kirche steht nicht nur da, sondern sie ist einladend offen für alle. Die Kirche lädt ein, innezuhalten, zu beten, eine Kerze anzuzünden und mit Gott in Kontakt zu treten. Mein 1. Wunsch für die Pfarre St. Othmar lautet daher: Standhaft bleiben im Glauben, in der Kirche bleiben und sie mitgestalten!
Mein 2. Wunsch hat mit der neuen Kirchenbeleuchtung zu tun, die wie ich höre geplant ist. In Fragen der Innenbeleuchtung und beim Anstrahlen der Kirchen von außen sind wir Weltmeister. Ich bin überzeugt, dass die Pfarre St. Othmar, auch wenn es finanziell herausfordernd ist, ein tolles Beleuchtungskonzept umsetzen wird. Entscheidend aber ist, dass wir als Kirche von innen leuchten und etwas ausstrahlen.
Ich wünsche der Pfarre St. Othmar und darüber hinaus dem ganzen Pfarrverband Am Mödlingbach und auch den christlichen Schwesternkirchen in Mödling, dass wir in ökumenischer Verbundenheit auch in herausfordernden Zeiten leuchten. Dass wir alle als lebendige Bausteine der Kirche nicht Weltuntergangsstimmung, sondern Freude, Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen.