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Liebe Schwestern und Brüder hier im Dom
und über die Medien mit uns verbunden!
Das heutige „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ ist theologisch herausfordernd und viele Menschen tun sich damit schwer. Das liegt einerseits daran, dass im Festtitel die Worte „Erbsünde“ und „Empfängnis“ in einem Atemzug genannt werden und dem Aberglauben Vorschub leisten, der Sündenfall hätte mit der Sexualität des Menschen zu tun, was unsinnig ist.
Dazu kommt, dass das eben gehörte Evangelium von der Verkündigung der Geburt Jesu oft zu Verwechslungen führt. Denn es geht heute, genau neun Monate vor dem Fest Maria Geburt am 8. September, nicht um die Empfängnis von Jesus, sondern um den ersten Augenblick im Leben Mariens, um ihre Empfängnis im Schoß ihrer Mutter. - Diese beiden Klarstellungen vorab. Und nun lade ich ein, dass wir uns in drei Schritten dem Festgeheimnis des 8. Dezembers annähern.
Ein 1. Schritt: Vor 60 Jahren, am 8. Dezember 1965 beendete Papst Paul VI. auf dem Vorplatz zum Petersdom das II. Vatikanische Konzil. Es begann am 11. Oktober 1962, das war damals das Fest der Mutterschaft Mariens, und es fand seinen Abschluss am Tag der Unbefleckten Empfängnis. Das II. Vatikanische Konzil hatte also kalendarisch gesehen einen marianischen Rahmen, aber nicht nur das. Maria, die auf Gott hört und nach seinem Wort handelt, die Mutter, die auf ihren Sohn Jesus hinweist; Maria, die mutig und stark unter dem Kreuz steht; Maria mit den Aposteln im Gebet versammelt – im Blick auf Maria hat das Konzil das Wesen, den Auftrag und die Sendung der Kirche gesehen.
Es ist kein Zufall, dass es hier im Stephansdom rund 90 Bilder und Statuen der Muttergottes gibt. Maria und die Kirche gehören zusammen. Der 8. Dezember und alle Marienfeste sind Hoffnungszeichen für die ganze Kirche. Denn Maria zeigt uns das Urbild und das Ziel der Kirche in ihrer Vollendung: die mütterliche Kirche, die reine Braut Christi, heilig und makellos.
Der 2. Annäherungsschritt hat mit dem Österreichbezug dieses Marienfeiertags zu tun, der bis in die Zeit des 30-jährigen Krieges zurückreicht. Nachdem Wien damals von der Fremdherrschaft verschont blieb, erhob Kaiser Ferdinand III. aus Dankbarkeit Maria zur Schutzfrau Österreichs und führte bereits im Jahr 1647 den 8. Dezember als allgemeinen Feiertag in allen österreichischen Landen ein. Dieser Feiertag wurde in den Jahren der Naziherrschaft abgeschafft. Seit der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität im Jahr 1955, ist der 8. Dezember aufgrund der bislang größten Volksinitiative der 2. Republik wieder ein gesetzlicher Feiertag als Dank für unsere Freiheit.
Und damit komme ich zum 3. Annäherungsschritt: Der 8. Dezember ist nicht nur ein Hoffnungsfest der Kirche und ein Freiheitsfest mit Österreichbezug. Maria Empfängnis hat auch mit uns, mit unserer Erwählung und Freiheit zu tun. Seit Adam und Eva, also von Anfang an - so erzählt es die Bibel – gab es im Menschen einen Hang zum Bösen und eine innere Unfreiheit. Das Auseinandertriften von Schöpfer und Geschöpf führte zu einem vergifteten Klima. Das Misstrauen des Menschen gegenüber Gott ist die Urschuld, die Erbsünde. Und dieses Misstrauen hat sich ausgebreitet in Strukturen der Sünde, es steckt tief in uns und hat fatale Folgen: Streit und Hass, Gewalt und Kriege, Ungerechtigkeit und Gottvergessenheit. Wir alle kennen das: Wir wollen das Gute und tun trotzdem immer wieder Böses.
Die Kirche sagt, dass Gott Maria von dieser Beziehungsstörung vom ersten Augenblick ihrer Existenz befreit hat, weil sie erwählt war die Mutter des Erlösers zu werden. Den Hang zum Bösen und das Misstrauen gegenüber Gott hat Maria nicht gekannt.
Mit Maria hat Gott neu angefangen, sie ist die neue Eva. Was sie auf einzigartige Weise gelebt hat, wurde auch uns in der Taufe geschenkt. Gott hat uns aus dem Netz des Bösen befreit und erwählt, als Kinder des Lichtes zu leben, heilig, untadelig und makellos. Der heutige Marienfeiertag ist so gesehen nichts Abgehobenes oder Elitäres, Maria Empfängnis hat mit unserer Taufe, mit unserer Freiheit und Erwählung zu tun.
Befreiung vom Bösen und Neubeginn statt alter Trott, Vertrauen statt Misstrauen, „Mir geschehe nach deinem Wort“, statt „Ich will nicht dienen“ – was Maria ausgezeichnet hat, soll auch im Leben der Getauften sichtbar werden.
Das Wort „Credo“ kann uns dabei helfen. Wir werden dieses Wort gleich unzählige Male hören, oft viermal hintereinander: zweimal kräftig und überzeugt, und dann als leises Echo unsicher, fragend. Ich sehe in diesen Credo-Rufen mehr als ein musikalisches Motiv, das Mozart verwendet hat, um den langen Text des Glaubensbekenntnisses zu gliedern. Für mich bedeuten die lauten und leisen Credo-Rufe:
Vielleicht kann ich nicht jedes einzelne Wort des Glaubensbekenntnisses mit voller Überzeugung bestätigen. Vielleicht betrachte ich die eine oder andere Lehraussage der Kirche auch fragend oder zweifelnd. Doch das entscheidende Wort meines Lebens soll immer „credo“ heißen: Gott, ich glaube dir. Ich vertraue auf dich. Das Wort „credere“ – glauben kommt von „cor dare“ – das Herz geben.
Aus meinem Herzen das Misstrauen gegenüber Gott verbannen, dem Bösen keinen Raum lassen, mich für Gott, sein Licht und sein Wort öffnen - das möchte ich von Maria lernen und mit ihr sagen:
Credo – Gott, ich schenke dir mein Herz!