Genau heute vor drei Wochen bin ich im Wiener Stephansdom zum Bischof geweiht worden und da hat sich dann schon sehr bald gezeigt: Es würden gerne mehr im Dom mitfeiern als möglich war, weil es dort nur begrenzte Sitzplätze gibt und ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt auch die Möglichkeit habe nicht nur in der Stadt Wien, sondern auch im Norden und im Süden der Erzdiözese Wien Eucharistie zu feiern. Zum ersten Mal offiziell als neuer Erzbischof. Ich war gestern im Dom in Wiener Neustadt im Vikariat Süd und heute bin ich hier in Wullersdorf, um mit den Weinviertlern und Marchfeldern im Vikariat unter dem Manhartsberg zu feiern.
‚Ich will, dass meine Freude in euch ist und dass eure Freude vollkommen wird.‘ – Diesen einen Satz aus dem heutigen Evangelium, das der Diakon gerade verkündet hat, möchte ich herausgreifen und dazu zwei Gedanken:
Von der Freude an Gott redet die Bibel immer wieder. Aber gegenwärtig sehen viele Menschen keinen Grund zur Freude und zur Fröhlichkeit. Es gibt globale Katastrophen, Kriege, viele Sorgen und Ängste. Und auch in der Kirche stehen wir vor großen Herausforderungen und Problemen.
Ich bin hier in dieser Pfarrkirche groß geworden. Ich habe hier meine Erstkommunion gefeiert, ich habe hier nach der Erstkommunion als Ministrant begonnen später hat mich dann mein Heimatpfarrer auch als Lektor, als Kommunionhelfer eingesetzt. Gelegentlich durfte ich auch Orgel spielen. Oder wir haben da oben – vielleicht sind einige noch da – Jugendmessen gemeinsam gestaltet und musikalisch mitgewirkt. Aber ich denke mir, wenn ich nur zurück schaue auf die paar Jahrzehnte, die ich jetzt lebe, was hat sich alles geändert seit damals in der Pfarre Wullersdorf?
Nicht nur im städtischen Bereich, sondern bis in die kleinsten Dörfern hinein merken wir: die Zeit der sogenannten Nachwuchskirche, wo Eltern ganz selbstverständlich den Glauben an die nächste Generation weitergeben, diese Zeit ist vorbei oder sie geht doch fast überall langsam zu Ende. Und auch die Zeit der Staatskirche in Österreich geht zu Ende, wo die Katholische Kirche die Mehrheit, Geld, Macht und gesellschaftlichen Einfluss hatte. – Das nimmt ab.
Noch deutlicher zeigt es ein Blick auf die Geschichte dieser Kirche: Im Jahr 1108 wurde hier die erste Kirche geweiht, vor mehr als 900 Jahren. In Zusammenarbeit mit dem Stift Melk wurde dann Wullersdorf zu einer Mutterpfarre im mittleren Weinviertel. Hier haben viele Benediktinermönche zusammen gelebt und von da aus einen großen Bereich seelsorglich betreut. So richtig geändert hat sich das im 18. Jahrhundert durch die Reformen von Josef II., der überall, auch in vielen kleinen Dörfern eigene Pfarren errichtet hat. Und jetzt sind wir kirchlich gesehen wieder in einer Umbruchssituation. Das heißt: Veränderungen, Aufbruch, Neubeginn aber auch Abbrüche und Dinge, die eingestellt werden mussten. Solche Dinge gab es in den vergangenen 2000 Jahren der Kirchengeschichte immer wieder.
Vielleicht kennen Sie das Sprichwort: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen bauen Windmühlen.
Ich lade alle ein, dass wir keine Mauern bauen, sondern dass wir diese Zeit des Umbruchs, in der wir jetzt leben auch als Chance sehen und als Herausforderung für uns alle. Dass wir mit Freude und mit Zuversicht im Hier und Heute leben. Denn wir verwalten nicht den Untergang der Kirche, sondern wir alle sind eingeladen, einen Übergang, eine Veränderung mitzugestalten.
‚Ich will, dass meine Freude in euch ist!‘ – Hat Jesus gesagt. Und wir haben Grund zur Freude, denn ich bin überzeugt: Gott lässt uns, Gott lässt seine Kirche nicht im Stich. Auch nicht in schwierigen Zeiten des Umbruchs. Gott wird mit uns gehen und deshalb wird es auch mit der Kirche gut weitergehen. Aber ganz anders als wir es gewohnt waren. Es entsteht eine neue Kirchengestalt. Sicher viel kleiner, demütiger, einfacher. Aber wenn wir ins Evangelium schauen: Jesus hat uns nie versprochen, dass wir die Mehrheit sein werden, dass wir Geld und Privilegien oder Macht haben werden in der Gesellschaft. Wenn Jesus von seiner Gemeinschaft redet, verwendet er das Bild vom Salz. Wir alle wissen, dass ein paar kleine Salzkörner schon viel bewirken können. Oder er redet auch vom Licht der Welt – und eine Kerze in einem dunklen Zimmer kann die Atmosphäre verändern und es ein wenig heller machen.
Ich danke heute allen, besonders natürlich den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unseren Pfarrgemeinden hier im Vikariat Nord in der kategorialen Seelsorge, den Priestern und Diakonen, den ReligionslehrerInnen und PastoralassistentInnen, die mitwirken und mithelfen die Botschaft der Freude, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden. Gemeinsam mit Weihbischof Stephan – ich bin dir sehr dankbar, dass du schon einige Jahre als Bischofsvikar wirkst und auch weiter bereit bist hier im Weinviertel mitzuwirken – seid ihr unterwegs auf dem Weg, der sich auch den Veränderungen und den Herausforderungen stellt. Freude und Hoffnung, diese Botschaft in die Welt bringen, das ist unsere Aufgabe. Denn dort, wo Gott im Zentrum steht, dort gibt es auch Freude. Wo wir uns um die Freundschaft mit Christus bemühen, sind wir an der Quelle der Freude.
Das erinnert mich an einen Heiligen, der heute im Kalender steht: Valentin, Valentinstag. Valentin heißt: Der Starke, der Gesunde, der Blühende. Dort, wo wir die Freude an Gott nicht verlieren, bleibt die Kirche stark und gesund, bleibt die Kirche im Dorf lebendig und wird nicht zum Museum, das verstaubt. An dieser Kirche bauen wir mit und wir sagen: Glaubenslust statt Kirchenfrust! Die Freude an Gott ist unsere Kraft.
Ein zweiter Gedanke: Kardinal Schönborn hat in den vergangenen 20 Jahren gebetsmühlenartig einen Satz immer und überall wiederholt: „Mission first!“ – Das heißt: Zuerst kommt die Mission! Mission bedeutet: Ich stehe zu meinem Glauben, ich verstecke meinen Glauben nicht, ich kann über meinen Glauben Auskunft geben, ich rede darüber. Wie ich mich verhalte, daran merkt man, dass ich ein Christ bin und zur Kirche gehöre. Das meint Mission.
Ich glaube, dass das wirklich ein Gebot der Stunde ist und auch das trifft sich mit dem heutigen Tag gut. Denn im Heiligenkalender der Kirche stehen heute zwei ganz große Missionare, die auch als Schutzpatrone Europas verehrt werden, weil sie hier in Europa, besonders auch in den östlichen Nachbarländern missioniert haben. Cyrill und Method – Die beiden waren ihr Leben lang unterwegs. Sie sind in andere Länder gegangen, haben neue Sprachen gelernt, haben sogar eine neue Schrift erfunden, um den Menschen das Evangelium nahe zu bringen.
Mein Dank gilt heute auch allen, die sich einzeln oder vielleicht auch als ganze Pfarrgemeinde schon auf den Weg gemacht haben. Die nicht zu Hause sitzen bleiben und darüber jammern: ‚Wir werden am Sonntag immer weniger in der Kirche.‘ Sondern die hinausgehen, andere ansprechen, Kontakt suchen. Zu den Vereinen, die es in unseren Dörfern und Städten gibt und Allianzen bilden mit allen Menschen guten Willens.
Dabei müssen wir nicht so wie Cyrill und Method ferne Länder bereisen, wenn wir missionarisch sein wollen. Im Weinviertel und im Marchfeld genügt es da manchmal schon über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen und mit der Nachbarortschaft Kontakt aufzunehmen. Ich weiß, das ist nicht selbstverständlich. Manchmal gibt es da jahrhundertealte Grenzen, die unsichtbar sind. Oder manchmal auch Streitereien, die noch irgendwo nachwirken. Ich lade herzlich ein, aufeinander zuzugehen. Und ich erzähle bei diesem Gedanken immer gerne das, was Kardinal Schönborn oft gesagt hat.
Er ist in Schruns in Vorarlberg aufgewachsen und er hat erzählt als er ein Kind war, haben die Erwachsenen und auch seine Mutter ihm immer gesagt: ‚Du pass auf, die Einwohner vom Nachbarort, die san alle deppert.‘ Und der Kardinal hat gesagt, er hat sich als Kind eingebildet, man sieht ihnen an, dass sie deppert sind. Auch die Bewohner in der Nachbarschaft, sind Menschen wie du und ich. Gemeinsam unterwegs sein, vielleicht auch in größeren Einheiten, anfangen Feste miteinander zu feiern, gemeinsam Aktionen zu starten, voneinander lernen und einander auch beistehen.
Es gibt keinen Grund, liebe Schwestern und Brüder, dass wir uns in die Sakristei zurückziehen oder unseren Glauben verstecken. Fenster und Türen auf! Mission first! Aufeinander zugehen, hinausgehen zu den Menschen, denn wir haben mit dem Evangelium die beste Botschaft, die es gibt. Eine Botschaft der Hoffnung, der Liebe und des Friedens. Und was bräuchte unsere Welt notwendiger? Ja, wir werden weniger aber die Botschaft des Evangeliums wird deswegen nicht weniger wichtig.
Liebe Schwestern und Brüder, nun zum Schluss:
Bei meiner Bischofsweihe habe ich den Hl. Augustinus zitiert, der gesagt hat: ‚Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ!‘ – Gerne bin ich als euer Bischof mit euch auf dem Weg, um die Freude an Gott – nicht so sehr die Freude an der Kirche, manchmal muss man sich über die Kirche ärgern, vielleicht sogar über den eigenen Pfarrer oder den Erzbischof. Wo Gott im Mittelpunkt steht und nicht der Pfarrer und nicht der Bischof oder Kirchendebatten, da bleibt der Glaube stark und gesund. So wie der Heilige Valentin, der Starke, der Kräftige, der Gesunde war.
Die Missionare Cyrill und Method, die heute auch gefeiert werden, erinnern uns daran: die Kirche blüht und bleibt lebendig und freudig unterwegs, wenn sie sich nicht abschließt und zurückzieht, sondern wenn sie hinausgeht. Synodal, missionarisch, gemeinsam auf dem Weg ist.
Ich lade alle herzlich ein, dass wir diesen Weg hier im Vikariat Nord und in unserer Erzdiözese Weg gemeinsam gehen.