Am 24. Jänner wurde ich hier zum Bischof geweiht. Leider war es damals nicht möglich, dass auch alle Religionslehrerinnen und Religionslehrer mitfeiern. Umso mehr freue ich mich, dass wir heute – genau ein Monat später – miteinander Eucharistie feiern, und es trifft sich gut, dass wir das am Festtag des Apostels Matthias tun. Ich sehe da drei Querverbindungen:
Erstens:
„Matthias“ heißt übersetzt „Geschenk Gottes“. Für mich ist der schulische Religionsunterricht ein großes und wertvolles Geschenk, und ich sehe auch sie/euch alle, liebe Schwestern und Brüder, als Geschenke Gottes für die Kirche! Oft haben Kinder und Jugendliche heute keinen Zugang mehr zu Gesprächen über „Gott und die Welt“, weder in der Familie noch in einer Gemeinde. Der schulische Religionsunterricht wird mehr und mehr zum ersten und einzigen Berührungspunkt mit religiösen Fragen und Themen und damit ein immer wichtigeres pastorales Feld im kirchlichen Leben.
Ich vergleiche den Religionsunterricht gern mit dem „Fuß in der Tür“ zum Leben junger Menschen. Manchmal kostet es Nerven und viel Kraft, diesen kleinen Spalt offenzuhalten. Manchmal schlagen Kinder und Jugendliche uns auch die Tür vor der Nase zu. Doch oft gelingen Dialog und Begegnungen gut.
Unterschätzen wir nicht die Bedeutung des Religionsunterrichts und ihrer Arbeit! Dass es nicht immer möglich ist, sichtbare Früchte vorzuweisen, liegt auf der Hand, denn der Religionsunterricht kann und will nicht Katholikinnen und Katholiken „produzieren“ oder den Glauben „einimpfen“. Es sind die vielen guten Samenkörner und Impulse, Fragen und Denkanstöße, die Kinder und Jugendliche im Religionsunterricht erhalten - das zählt.
Mit dem Religionsunterricht ist es dabei ähnlich wie beim Apostel Matthias: Wir wissen nicht genau, wann und wo er gewirkt und das Evangelium verkündet hat. Die Überlieferungen sind sehr unterschiedlich und die historische Faktenlage ist dünn. Was bei wem vom Religionsunterricht hängenbleibt und Wurzeln schlägt, wissen wir auch nicht genau. Aber eines ist gewiss: Der Religionsunterricht öffnet einen Raum für Lebensfragen, weitet den Horizont vom Ich zum Du und Wir, hin auf Gemeinschaft und Schöpfung, auf Ökumene, andere Religionen und Kulturen, und er hält wie ein „Fuß in der Tür“ einen Spalt offen für Gott, für sein Wort und für den Glauben. „Matthias/ Geschenk Gottes“ - Danke für das Geschenk des Religionsunterrichts und für ihren Dienst!
Zweitens:
Aber nicht nur der Name dieses Apostels ist besonders, sondern auch die Art und Weise, wie er zum Apostel wurde: durch das Los. Nachdem Judas aus dem Zwölferkreis ausgeschieden war, suchten die Elf einen Ersatz. Bevor sie das Los entscheiden ließen und zum Heiligen Geist beteten, stellten sie eine Bedingung auf: Apostel kann nur jemand werden, der Jesus kennt und seit der Taufe im Jordan, also vom Beginn seines öffentlichen Wirkens, bis zu seiner Himmelfahrt dabei war.
Ich sehe darin einen Fingerzeig für Religionslehrende und für alle, die haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche tätig sein wollen. Jesus, seine Worte und seinen Lebensweg kennen, über ihn Bescheid wissen und verlässlich Auskunft geben können – das ist eine Bedingung. Apostel sein, eine Gesandte/ein Gesandter sein, mit der „missio canonica“ im Auftrag der Kirche unterwegs sein kann ich nur, wenn ich so wie Matthias den historischen Jesus kenne und den auferstandenen und erhöhten Christus verkünde.
Drittens:
Dass es jedoch nicht reicht, über Leben und Lehre Jesu Auskunft zu geben, daran erinnert uns das Evangelium (Joh 15,9-17). Da war die Rede von Liebe, Freundschaft und Erwählung. Die Beziehung und Freundschaft mit Christus pflegen, im persönlichen Gebet und in der Gemeinschaft, sich bewusst sein, dass Jesus Christus uns erwählt und gerufen hat! Er braucht uns, unsere Stimme, unsere Ideen, unseren Einsatz!
Wer Kindern und Jugendlichen gute Quellen für ihr Leben zeigen und erschließen möchte, muss auch dafür sorgen, dass die eigenen spirituellen Quellen nicht versiegen. Es geht im Religionsunterricht nicht nur um Sachkompetenz, sondern auch um Glaubwürdigkeit und Authentizität.
Papst Paul VI. hat gesagt: „Der moderne Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Lehrer. Wenn er auf Lehrer hört, dann deswegen, weil sie Zeugen sind“ (Evangelii nuntiandi, 41). Jedes Unterrichtsfach lebt von der Authentizität des Lehrers. Für den Religionsunterricht gilt das in ganz besonderer Weise.
Ich schließe mit einem Hinweis auf meinen Wahlspruch: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ – Die Melodie Gottes ist das Evangelium. Das Instrument, das diese Melodie immer neu zum Klingen bringen soll, ist die Kirche mit der ganzen Bandbreite ihrer pastoralen Angebote. Den schulischen Religionsunterricht und den gesamten kirchlichen Bildungsbereich sehe ich als wichtiges Instrument der Verkündigung.
Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie „Gottes Melodie“ nicht nur unterrichten, sondern dass Sie als Person mit ihrem ganzen Leben authentisch und stimmig ein Ton in Gottes Melodie sind, nicht nur als Lehrerin/Lehrer, sondern als Zeugin und Zeuge des Glaubens!