„Hört und ihr werdet leben“, ermahnt uns die heutige Lesung. Auf die Stimme Gottes hören und auf seine Gebote achten, umkehren und sich neu auf Gott hin ausrichten - darum geht es jetzt in der österlichen Bußzeit, auf dem Weg hin zum Osterfest.
Zur Zeit Jesu gab es im Judentum viele Vorschriften und Regeln. 248 Gebote und 365 Verbote haben das Leben der Gläubigen geregelt. Was tut man beim Aufstehen in der Früh? Was ist am Sabbat erlaubt oder verboten? Vorschriften für das Gebet, für Küche und Essen, für Waschungen und Kleidung – alles ist für orthodoxe Juden geregelt. Jeder Handgriff soll an Gott erinnern und auch die alltäglichen Dinge sollen dadurch eine religiöse Tiefe erhalten.
Wenn also Jesus in der Bergpredigt sagt: Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen und wenn er es ablehnt, auch nur einen kleinen Buchstaben der Vorschriften zu verändern, dann könnte leicht der Eindruck entstehen, dass er ein Paragraphenreiter oder ein moralischer Erbsenzähler war.
Ich komme mit dem heutigen Tagesevangelium besser zurecht, wenn ich noch einen Satz weiterlese. Denn der nächste Satz im Evangelium, den wir heute nicht gehört haben, lautet: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“
Damit stellt Jesus klar, dass Gottes Gebote wichtig sind und nicht verändert werden dürfen, dass aber eine rein äußerliche Befolgung wie er es bei den Pharisäern und Schriftgelehrten oft kritisiert hat, zu wenig ist, denn es geht nicht um den Buchstaben, sondern um unser Herz und um den Sinn der Gebote.
Dazu ein Beispiel: Der Sinn einer Geschwindigkeitsbegrenzung besteht bekanntlich nicht darin, dass alle Autofahrer wie dressiert an derselben Stelle abbremsen und ihr Tempo verringern, sondern diese Vorschrift will Sicherheit und Rücksichtnahme unter den Verkehrsteilnehmern fördern und Leben retten. Analog dazu darf es bei religiösen Geboten nie um bloße Äußerlichkeiten gehen, sondern um das Leben, um das Heilwerden der Menschen. Gott liegen ja nicht die Buchstaben der Gesetze, sondern wir Menschen am Herzen, genauer gesagt immer der einzelne, konkrete Mensch. Dem gilt es gerecht zu werden. Nur dem Gesetz oder einer religiösen Tradition gerecht zu werden, ist zu wenig.
Was mit der Erfüllung des Gesetzes und mit der größeren Gerechtigkeit gemeint ist, hat Jesus auch dadurch gezeigt, dass er immer wieder einmal Vorschriften und Gebote übertreten hat, um ihren Sinn zu erfüllen. Er hat sich z.B. über die Sabbatgebote hinweggesetzt, um Kranke zu heilen. Er hat mit Sündern gegessen, was verboten war und ihn kultisch unrein gemacht hat, weil er das Leben dieser Menschen verändern und die verlorenen Schafe sammeln wollte.
Nicht nur die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu, sondern alle Religionen und natürlich auch wir als Kirche sind immer in Gefahr, dass Vorschriften sich verselbständigen, Traditionen sinnentleert weiterbestehen und Gebote bloß äußerlich erfüllt oder werden. Die größere Gerechtigkeit suchen und der Sinn eines Gebotes erfüllen - was kann das für uns bedeuten?
Ich beginne mit einem ganz einfachen Beispiel. Viele von uns kennen das Freitagsgebot in der Form, dass man kein Fleisch essen darf. Den Sinn des Fastens am Freitag erfüllen wir allerdings nicht, wenn wir uns mit Fisch oder einer Süßspeise den Bauch voll schlagen. Denn beim Freitagsgebot geht es darum, im Blick auf den Kreuzestod Jesu auf etwas zu verzichten, zu fasten, oder etwas aus Liebe zu tun: teilen, helfen, einen kranken oder einsamen Menschen besuchen, Zeit schenken oder für andere beten. Dann erfüllen wir nicht nur den Buchstaben, sondern den Sinn des Freitagsgebots.
Natürlich hat die Bergpredigt mit der Forderung nach der größeren Gerechtigkeit auch für unsere Kirche Konsequenzen.
Dass es im Leben der Kirche Regeln, Gebote und Vorschriften braucht, ist unbestritten, doch sie dürfen nicht Selbstzweck werden und sie dienen nicht einer bloßen Reglementierung, sondern dem „Heil der Seelen“, das bedeutet: sie sollen helfen, dass Menschen Gott begegnen können und tiefer in ein Leben nach dem Evangelium geführt werden.
Ich denke an geschiedene Wiederverheiratete oder an Partnerschaften, die nicht dem Ideal des katholischen Eherechts entsprechen. Für diese Menschen gibt es im Kirchenrecht Vorschriften und Verbote. Doch ein bloßer Dienst nach Vorschrift ist zu wenig.
Vielmehr geht es darum, mit dem konkreten Menschen seine Lebens- und Glaubenssituation zu besprechen und eine pastorale Lösung zu finden, die weiterhilft und heilt. Das hat mit der größeren Gerechtigkeit zu tun.
Ein anderer Themenbereich: Wir Bischöfe tagen noch bis morgen im wunderschönen „Haus der Frauen“ und haben gestern das neue Dokument aus Rom über die „Teilhabe der Frauen am Leben und an der Führung der Kirche“ erhalten. Dieses Dokument erinnert an die großen Frauengestalten der Bibel und an das Verhalten Jesu, der in vielerlei Hinsicht nicht den damals üblichen patriarchalen Umgangsformen entsprochen hat. Frauen waren in seinem Gefolge, eine öffentlich bekannte Sünderin durfte ihn berühren und nicht ein Apostel, sondern Maria von Magdala, eine Frau, war die erste Zeugin der Auferstehung.
Ich vertraue darauf: Unsere Kirche wird jesuanischer und evangeliumsgemäßer, wenn wir synodal - gemeinsam auf dem Weg – sind, mehr auf die Stimmen der Frauen hören und sie in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Freilich müssen dafür kirchliche Vorschriften und jahrhundertealte Traditionen geändert werden.
Aber der Blick auf Jesus, der sich wenn notwendig über jüdische Gebote und religiöse Traditionen hinweggesetzt hat, um den Willen Gottes erfüllen zu können, sein Umgang mit Frauen und die feste Überzeugung: Was vom Heiligen Geist kommt, kann das Kirchenrecht nicht aufhalten!, machen mir Hoffnung.
Ich schließe mit einem Verweis auf meinen Namenspatron, den Heiligen Josef, von dem es im Evangelium heißt, dass er gerecht war. Wäre er nur gesetzesgerecht gewesen und hätte bloß das Gesetz erfüllt, dann wäre seine schwangere Verlobte durch Steinigung gestorben. Josef war gerecht, nicht weil er dem Gesetz, sondern weil er seiner Verlobten gerecht geworden ist.
Hört und ihr werdet leben! Wenn wir als Kirche auf die Forderungen der Bergpredigt hören und auf das Beispiel Jesu schauen, werden Aufbruch und Veränderungen möglich. Wenn wir in der Fastenzeit Tag für Tag versuchen, nicht nur Dienst nach Vorschrift zu machen, sondern die Liebe zu leben, dann wird es Ostern in uns.