Liebe Schwestern und Brüder,
der Gründonnerstag lebt von einer großen Spannung. Festlich hat die Messe vom letzten Abendmahl, begonnen, denn wir feiern heute und wir danken dafür, dass Christus ein Gedächtnis gestiftet hat. Es ist eine göttliche Stiftung: in Brot und Wein bleibt er bei uns. Der Gründonnerstag-Abend erinnert aber nicht nur an das Abendmahl, sondern auch an die Fußwaschung, an die Ölbergnacht, an den Verrat des Judas, an die Verleugnung durch Petrus und dass alle Jünger Jesus im Stich gelassen haben. Johannes stand dann als einziger beim Kreuz. Ich wäre vorsichtig den Judas als Verräter überzubewerten. Die zwölf Apostel, seine engsten Freunde haben versagt in der Passion des Herrn. Wir stehen jetzt aber noch am Beginn dieser Feier und ich lade ein, dass wir auf das letzte Abendmahl und die Fußwaschung schauen.
Wir kennen alle eines der berühmtesten Bildern der Kunstgeschichte: „Das Letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci. Eine große Tafel, Christus in der Mitte und links und rechts seine zwölf Apostel. Im Laufe der Zeit wurde dieses Bild immer wieder kopiert und manchmal auch verfremdet. Und das dürfen wir jetzt nicht reflexartig in die Schubladen „Verunglimpfung der Religion“ oder „Blasphemie“ geben. Denn manche dieser Verfremdungen sind sehr interessant und es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Zwei möchte ich vorstellen.
Ich denke da zum Beispiel an „Das brennende Abendmahl“ von Julia Bornefeld aus dem Jahr 2012. Jesus sitzt mit den Aposteln, Menschen aus der heutigen Zeit, bei Tisch und der Tisch brennt. Damit wollte die Künstlerin sagen, dass Eucharistie immer dann besonders wichtig ist, wenn die Welt brennt und in Flammen steht und dass sich der Funke der Eucharistie in jedem Augenblick neu entzünden kann und soll. Wer die Eucharistie empfängt, empfängt „Feuer und Geist“ - das haben schon die Kirchenväter so formuliert.
Eine anderes, verfremdetes Bild vom Letzten Abendmahl stammt von einer Künstlergruppe aus München und trägt nicht den Titel „Letztes Abendmahl“, sondern „Last SMS“. Darauf ist in der Mitte Christus zu sehen, doch er ist allein und er schaut ins Leere. Links und rechts sitzen seine Apostel, doch sie schauen nicht auf Christus, sie starren in ihren Laptop oder auf ihr Smartphone. Sie sind gar nicht richtig da, sondern in den sozialen Medien unterwegs.
Jetzt kann man natürlich dieses Abendmahlbild komisch oder befremdlich finden, aber es verweist doch auf den Kern der Eucharistie. In der Heiligen Kommunion geht es um reale Begegnung, um wirkliche Kommunikation und Gemeinschaft mit Jesus Christus und untereinander. Das Bild „Last SMS“ zeigt Menschen, die zwar virtuell verbunden sind, aber sich dadurch nicht menschlich näherkommen. Genau darum aber geht es in der Feier der Eucharistie und beim Empfang der heiligen Kommunion. Es geht um communio, um real erfahrbare Gemeinschaft mit Christus und unseren Schwestern und Brüdern.
Hier und jetzt, liebe Schwestern und Brüder, in der Feier der heiligen Messe soll sich also der Funke der Eucharistie wieder neu in uns entzünden. In der heiligen Kommunion will Christus uns das Feuer seiner Liebe schenken. Hier und jetzt will er mit uns kommunizieren und nicht nur Brot und Wein, sondern uns alle verwandeln.
Wie macht er das? - Das Evangelium von der Fußwaschung hat es uns gezeigt: Zunächst heißt es: Jesus stand auf. Er bleibt nicht sitzen, unbeweglich und festgenagelt. Er verlässt nach dem Mahl seinen Platz, um seinen Jüngern nahe zu sein. Er geht zu ihnen.
Dann ein Zweites: Er legt sein Obergewand ab, kniet sich vor seinen Freunden auf den Boden und schaut zu ihnen auf. Es geht also nicht nur um einen Ortswechsel, wenn er vom Tisch aufsteht, sondern es kommt zu einem geistlichen Standortwechsel, der schon mit der Menschwerdung Jesu begonnen hat und bis zum Tod am Kreuz führen wird: Der Sohn Gottes verlässt seine göttliche Herrlichkeit, wird Mensch, wird Diener und Sklave.
Jesus braucht keine Worte, um zu erklären, was ihm wichtig ist. In der einfachen Geste der Fußwaschung zeigt er uns: Mensch, weil ich dich von Kopf bis Fuß liebe, wasche ich dir die Füße und befreie dich von deinem Schmutz und deinem Dreck. Ich will dich, auch deine Abgründe und Schattenseiten, rein, schön und heilig machen.
Nach der Geste der Fußwaschung kommt dann aber doch ein Wort des Herrn, das wir uns ins Stammbuch schreiben sollten: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt wie ich.“ Dieser Auftrag gilt jeder und jedem einzelnen von uns und der Kirche im Ganzen.
Dem Beispiel Jesu folgen, das beginnt auch für uns mit dem Aufstehen: nicht bequem sitzenbleiben, sondern zu den Menschen hingehen, um ihnen nahe sein.
Wir brauchen kein Obergewand abzulegen, aber von Dünkeln und Vorurteilen, von Bequemlichkeit und Egoismus sollen auch wir uns befreien damit wir nicht gönnerhaft von oben herab helfen. Die Fußwaschung zeigt uns, dass Nächstenliebe immer ganz unten bei den Füßen beginnt, im Schmutz, im Elend und in der Not der Welt.
Liebe Schwestern und Brüder!
In diesem verfremdeten Abendmahlsbild mit dem Titel „Last SMS“ sehen wir, wie trostlos es ist, wenn Menschen nur mit sich selbst beschäftigt sind und nebeneinander leben. Dieses Bild ist aber zugleich ein Impuls in echter, realer Gemeinschaft mit Christus zu leben und uns unseren Brüdern und Schwestern zuzuwenden.
Und das „brennende Abendmahl“ erinnert uns daran: Wer die Eucharistie, die heilige Kommunion empfängt, der empfängt Feuer und Geist. Die Kommunion in der Kirche empfangen und einen festlichen Gottesdienst feiern, das ist das eine. Die Eucharistie auch leben, brennen im Geist der Liebe, der Gemeinschaft und Versöhnung, beitragen zu einer Wandlung im Guten, das ist das andere. Beides gehört zusammen.
Ich schließe mit einem Text von Andreas Knapp, der das Letzte Abendmahl mit der Todesangst Christi am Ölberg in Verbindung bringt, sich auf das Neue Testament, auf den neuen, ewigen Bund mit uns Menschen bezieht und erinnert: Tut dies zu meinem Gedächtnis – mit diesen Worten wurde die Eucharistie als Gottes Stiftung eingesetzt. Es ist eine Stiftung für mehr Wandlung zum Guten, für mehr Frieden und mehr Leben:
im schweiße seines angesichts - essen wir sein brot
todernst - schenkt er uns reinen wein ein
sein testament - mit seinem blut unterschrieben
andenken an eine große liebe - gegen den gedächtnisschwund
grundlage einer stiftung - für mehr leben
(A. Knapp: Heller als das Licht, Seite 69, gekürzt)