Wir feiern einen Begegnungsgottesdienst. Alles wirkliche Leben ist Begegnung und das wissen wir. Begegnung mit Schwestern und Brüdern und Begegnung mit Gott soll jetzt stattfinden.
Ich freue mich sehr über unsere erste offizielle Begegnung: Sie, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Nikolausstiftung der EDW und ich als neuer Erzbischof. Die Nikolausstiftung, in der mehr als 6.000 Kinder im Alter von eins bis 10 Jahren gebildet, gefördert und betreut werden, ist eine der großen Stiftungen der Erzdiözese Wien. Einige von Ihnen durfte ich schon bei der vorweihnachtlichen Feier im Bischofshaus kennenlernen, heute sind Sie alle da: 1200 Frauen und Männer, die in rund 90 Kindergärten und Horten der Nikolausstiftung arbeiten. Ich habe mich sehr auf diese Begegnung gefreut!
Elementarpädagogik und die Begleitung und Betreuung von Kindern in der Primarstufe schaffen die Basis für die soziale Integration von Kindern und die weiteren Bildungsbiographien, fördern Talente, Selbstvertrauen, Kreativität und soziale Kompetenz in den ersten Lebensjahren.
Auch wenn Ihr Beruf manchmal – ich kann mir das vorstellen - anstrengend ist und gelegentlich auch überfordernd sein kann, bitte vergessen Sie nicht: Ihre Tätigkeit ist zutiefst sinnvoll und unverzichtbar für das Miteinander und eine gute Zukunft unserer Gesellschaft. Rund 6000 Kinder sind Ihnen anvertraut. Danke für Ihren Einsatz und ihr Engagement! Danke, dass Sie ihren Beruf als Berufung sehen!
Wir feiern diesen Begegnungsgottesdienst in Vielfalt und Verschiedenheit, denn die große Familie der Nikolausstiftung ist sehr bunt: verschiedene christliche Konfessionen und verschiedene Religionen sind hier vertreten.
Menschen, die im Glauben fest verwurzelt und in einer Glaubensgemeinschaft beheimatet sind und auch solche, die nach Gott suchen und fragen. Ich danke heute besonders allen Geschwistern aus den orthodoxen Kirchen, die an diesem Tag Karfreitag feiern, sich auf das Osterfest vorbereiten und heute hier sind.
Das Vorbereitungsteam hat für diesen Gottesdienst drei Texte aus der Heiligen Schrift ausgewählt. Mein Zeremoniär und ich haben dem Vorbereitungsteam gesagt, dass ein Text genügen würde. Aber Sie haben gesagt, dass Ihnen alle drei Texte wichtig sind. Das berühmte Bild vom Salz der Erde und vom Licht der Welt im Evangelium, oder auch der wunderbare Satz aus der 2. Lesung, dass Weisheit, Bildung und Liebe zusammengehören. Bemühung um Bildung ist Liebe.
Ich werde jetzt nur aus der 1. Lesung einen Satz herausgreifen und lade ein, dass wir darüber noch ein wenig nachdenken. „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir!“
Liebe Schwestern und Brüder, ich muss Ihnen nicht erklären, wie wichtig Urvertrauen ist. Es ist vergleichbar mit dem Fundament eines Hauses. Die ganze Existenz eines Menschen, das Lebenshaus, steht und fällt mit dem Urvertrauen.
Wir alle wissen auch, wie gut es uns tut, wenn wir nicht allein im Regen stehengelassen werden, wenn ein lieber Mensch, eine gute Freundin an unserer Seite ist, wenn auf einen Menschen Verlass ist, wenn wir auf jemand Tag und Nacht zählen können, der für uns da ist und mit uns durch Dick und Dünn geht. Das meint: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir!“ - Sehen Sie diesen Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja als Zusage und als Auftrag.
Zuerst die Zusage: Gott sagt uns: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin dein Sicherheitsnetz, wenn du abstürzt. Ich bin dein inneres Navi, wenn du vom Weg abkommst und im Leben Umwege oder Irrwege gehst. Ich bin das Licht, das dir in der Dunkelheit Hoffnung schenkt.
Liebe Schwestern und Brüder, so beginnt Religion, so fängt Glaube an. Nicht „Du sollst, du musst, du darfst nicht …!“ Nein: Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir! – Dieses Versprechen gibt Gott uns Menschen. Und ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Ihr eigenes Leben auf diese Zusage, auf diesem Fundament aufbauen können. Gott ist mit uns! Er sagt zu: Es ist gut, dass es dich gibt! Fürchte dich nicht, du bist nicht allein.
Das Prophetenwort ist aber auch Auftrag an uns alle: Denn so wie Gott dürfen auch wir zueinander sagen: Ich bin da für dich, ich bin an deiner Seite, du brauchst keine Angst zu haben. Dieses Urvertrauen können sie Kindern weiterschenken, Sie vermitteln es durch ihre Aufmerksamkeit, ihre Fürsorge und ihre Nähe, auch dann, wenn Vielfalt anstrengend wird oder eine inklusive Kindergruppe vieles komplizierter macht und manchmal nervenaufreibend sein kann.
Urvertrauen ist aber nicht nur für Kleinkinder und Volksschüler wichtig. Es soll die Grundstimmung in unserer Gesellschaft werden. Nicht Misstrauen, Ängste und Vorurteile, sondern Vertrauen, Wohlwollen und Hoffnung. Im anderen, im Fremden das Gute sehen – so hat es Pfarrer Martin Rupprecht in seinem Impuls formuliert.
Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, wir sind uns einig: Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung, Buntheit und Lebendigkeit sind ja Kennzeichen des Gottesgeistes. Mit Eintönigkeit, Uniformität und mit Grau in Grau hat der Geist Gottes nichts zu tun. Dort, wo es bunt ist, ist es auch spirituell und weht der Geist.
Ich danke für Ihren Einsatz und Ihren Dienst zum Wohl, zur Förderung und Betreuung der Kinder. Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Beruf Ihnen mehr Freude als Mühen bringt, wenig Frust, aber viel Sinn und Erfüllung, und dass Sie liebe Schwestern und Brüder für die Ihnen anvertrauten Kinder und für Ihre Mitmenschen zum Segen werden!