Thursday 26. May 2016

Pfingsten war entscheidend für das Kirche-Sein

Welche Bedeutung die Geistsendung zu Pfingsten  für das Kirche-Sein hat(te): Neutestamentler Roland Schwarz über die unterschiedliche Verfasstheit der Gemeinden des frühen Chistentums.


Wenn man sich heute mit der Kirche beschäftigt, setzt man sich nicht dem Verdacht aus, anderen vermeintlich wichtigeren Fragen auszuweichen?

Schwarz: Sicher ist zunächst festzuhalten, dass selbst Jesus nicht die Kirche verkündet hat, sondern die Gottesherrschaft. In drei der vier Evangelien ist von Kirche explizit keine Rede. Die beiden Bibeltexte, in denen bei Matthäus das griechische Wort Ekklesia begegnet (Matthäus 16,18;18,17), verdanken sich der speziellen Perspektive des Evangelisten, für den Jesu Jüngerschaft tendenziell Vorbild für die ideale Gestalt der Kirche ist. Dennoch ist auch beim historischen Jesus die Kirche bereits implizit vorhanden. Er verfasst ja kein Buch mit dem Titel „Wie werde ich Christ?", sondern er lebt seine Botschaft mit einem Kreis von Frauen und Männern.

 

Warum ist Pfingsten so etwas wie der „Geburtstag" der Kirche?

Schwarz: In der biblischen Darstellung des Pfingstfestes kommt das Wort „Kirche" nicht vor. Aber Lukas will in der Apostelgeschichte zeigen, dass der Geist Gottes der Jüngerschaft Jesu erst das volle Verständnis von Jesu Botschaft ermöglicht hat. Vor der Aufnahme Jesu in den Himmel fragen ihn seine Freunde noch, wann er das (politische) Reich für Israel wieder herstellen möchte (Apostelgeschichte 1,6). Erst nach der Geistsendung verkündet ihn Petrus als den Gekreuzigten und Auferstandenen (Apostelgeschichte 2,23f), also nicht als politischen Messias. In diesem Sinn ist Pfingsten eine grundlegende Erfahrung für das Entstehen von Kirche.

 

Was lernen wir aus der Vielfalt der Kirchenbilder des Neuen Testaments?

Schwarz: Versteht man unter „Kirchenbild" die strukturelle Verfasstheit einer Gemeinde, so existiert im Neuen Testament eine bunte Palette von kaum erkennbaren Strukturen (etwa in den johanneischen Gemeinden) über die so genannte charismatische Struktur in den paulinischen Schriften, in denen die gesamte Gemeinde die Verantwortung für notwendige Entscheidungen trägt, bis hin zu den Presbytern der Pastoralbriefe (1, 2 Timotheus, Titus), die autoritativ die rechte Lehre festlegen und entsprechende Verordnungen erlassen konnten. Es geht bei all dem nicht um Ämter um ihrer selbst willen, sondern um die Frage: Wie wird der Heilige Geist in den Gemeinden lebendig und authentisch gehalten? Für die Kirche gibt es in den einzelnen Schriften auch eine Reihe von Bildern: sie ist „Leib Christi", „Volk Gottes", „Tempel des Heiligen Geistes", „Brief Christi", „Familie Gottes", „Braut Christi" usw. Alle diese Bilder haben eines gemeinsam: in der Kirche soll Christus gelebt und erfahren werden.

 

Warum brauchen wir institutionelle Formen, die dem Wirken des Geistes nicht widersprechen?

Schwarz: Der Geist Gottes und amtliche Strukturen sind in der Bibel keine Widersprüche. Der Geist schenkt dem Amtsträger vielmehr das Charisma des Leitens und des Lehrens. Freilich passiert das nicht automatisch, sondern nur dann, wenn der durch Handauflegung Beauftragte sich immer neu auf diesen Geist hin ausrichtet. Die Verantwortungsträger bleiben Menschen mit Fehlern und Schwächen. Deshalb gibt es auch die Möglichkeit, gegen sie Klage zu erheben (1 Timotheus 5,19-22).

 

Was macht die ideale Sozialgestalt der Kirche aus?

Schwarz: Eine Konstante in den verschiedenen Texten über die Gemeinden ist die Solidarität der Mitglieder. Niemand sollte mit seinen Problemen allein sein. Geriet einer in Not, egal ob das materielle Armut oder Enttäuschungen waren, so haben die anderen nach Kräften versucht, ihm zu helfen. Für Paulus gilt: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit, wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle mit." (1 Korinther 12,26).

erstellt von: Redaktion der Sonntag / Stefan Kronthaler

Das Thema „Kirche“ prägt seit einigen Jahren wieder den Buchmarkt.


 

Pfarrer Dr. Roland Schwarz, u. a. Leiter des Referates Bibelpastoral der Erzdiözese Wien.

E-Mail: bibelpastoral@edw.or.at.

 

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