Mittwoch 24. Juni 2026

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Predigt zur Priesterweihe im Stephansdom im Juni 2026
Erzdiözese Wien/Stephan Schönlaub / Predigt zur Priesterweihe im Stephansdom im Juni 2026
24.06.2026

Predigt zur Priesterweihe im Stephansdom am 20. Juni 2026

Die Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zur Priesterweihe, am 20. Juni 2026 im Stephansdom:

Sorgt euch nicht um euer Leben und macht euch keine Sorgen, ihr Kleingläubigen! – Diese Sätze aus der Bergpredigt stellen so ziemlich alles in Frage, was wir für gewöhnlich tun: Eltern sorgen sich um ihre Kinder, Kranke sorgen sich um die Gesundheit, Arbeitnehmer sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Viele Menschen sorgen sich in dieser Zeit der geopolitischen Veränderungen und des Klimawandels um die Zukunft. Auch wir in der Kirche stehen vor großen Herausforderungen. – Wie sollten wir uns keine Sorgen machen? Was nützen uns die Spatzen am Himmel und die Lilien auf dem Feld?

 

Übertriebene Sorgen und Ängste der Menschen deutet Jesus als eine Glaubensfrage: Traust du Gott etwas zu? Rechnest du mit ihm und mit seinen Möglichkeiten? Oder bildest du dir ein: Alles, sogar dein Leben, hänge allein von dir, deinem Planen und deinen Sorgen ab?

 

Natürlich wird auch ein gläubiger Mensch, der auf Gott vertraut, planen, vorsorgen und vermutlich manchmal auch ängstlich sein. Aber das Leben bekommt durch Gott eine andere, eine neue Qualität. Es wird zuversichtlicher, weniger verbissen, hart und quälend. Jesus lädt uns also heute ein: Kreist doch nicht ständig um eure Sorgen und Probleme, sondern rückt Gott und das Reich Gottes in den Mittelpunkt. Darum soll sich bei euch alles drehen. Habt Gottvertrauen ihr Kleingläubigen.

 

Diese Worte gelten uns allen, aber in dieser Stunde besonders euch, den fünf Weihekandidaten. Dabei seid ihr fünf heute alles andere als kleingläubig. Ihr setzt heute einen mutigen Schritt, stellt euch Gott zur Verfügung, seid bereit am Aufbau seines Reiches mitzubauen und stellt euch als Priester in den Dienst der Kirche. Das tut ihr nicht, weil ihr eure Berufung organisiert oder euren Weg zur Priesterweihe genau vorbereitet und geplant habt, sondern weil ihr euch von Gott rufen und führen habt lassen. Das tut ihr auch nicht, weil ihr euch für die besten, klügsten und frömmsten haltet, sondern weil ihr auf Gott vertraut. Euer Gottvertrauen ist das Fundament für eure Antworten, die wir dann gleich hören werden, wenn ihr sagt: „Ich bin bereit! Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.“

 

Euer ganzer Lebensweg hat mit Gottsuche und Gottvertrauen zu tun. Dazu meine erste Bitte an euch: Hört nie auf diese intime Beziehung zu Gott zu pflegen, die  Freundschaft mit Christus zu pflegen, im persönlichen Gebet, im Hören auf sein Wort. Nicht nur im Verkünden, sondern zuerst im Hören auf sein Wort, in der Feier der Sakramente und auch im seelsorglichen Dienst für die Menschen, in denen Christus euch begegnen will. Die Beziehung zu Gott, das Gottvertrauen, darf nie zur Routine werden. Es muss eine ganz persönliche, lebendige, intime Angelegenheit bleiben.

 

Nicht euer Sorgen, Planen und Organisieren, und auch nicht eure Person, eure Stärken und Schwächen, sollen im Mittelpunkt stehen. Denn nicht sosehr was ihr tut und leistet, sondern wer ihr seid und wie ihr euren Glauben lebt, euer Mut zum Gottvertrauen, eure Beziehung zu Christus, eure Suche nach dem Reich Gottes das macht euch als Priester glaubwürdig, wichtig, hilfreich und zum Segen. 

 

Ein zweiter Gedanke: „Jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott.“ – So haben wir es in der Lesung aus dem Hebräerbrief gehört.  Aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt.

 

Priester sein heißt also zuerst: ein Mensch sein und ein Bruder der Menschen sein. Priester sein heißt zuerst ein Christenmensch sein. Einer, der glaubt und um seinen Glauben ringt. Einer, der auf Gott vertraut und sich doch auch manchmal Sorgen macht. Einer, der Erfolge und Niederlagen erlebt und  immer neu in der Feier der Eucharistie von Christus gereinigt, gestärkt und verwandelt wird. Aus den Menschen genommen für die Menschen eingesetzt.

 

‚Wir brauchen Priester mit dem Stallgeruch der Herde‘, so hat es Papst Franziskus formuliert. Wir brauchen Priester, denen die 4-M-Regel vertraut ist: Menschen muss man mögen. Menschen muss man mögen, dann kann man auch gut Priester sein. Ich wünsche euch ein weites Herz und eine große Liebe zu den Menschen. So, wie es in der Lesung geheißen hat: auch zu den Irrenden, zu den Schwachen und Suchenden, zu den Armen, Kranken und Kleinen.

Es stimmt: das Sakrament der Weihe ist etwas Großes und Heiliges. Aber es ist nie eine persönliche Auszeichnung für einen Hochwürden, sondern es ist die Beauftragung zum Dienst am Volk Gottes. Für mich ist die Priesterweihe geradezu das Sakrament der Immunisierung gegen jede Form des Klerikalismus. Denn wenn die Priesterweihe euch heute noch tiefer mit Christus verbindet und noch näher in seine Nähe holt, dann ganz sicher auch in dem Punkt, der im Hebräerbrief thematisiert wurde: So wie Jesus unser Hohepriester mit lautem Schreien, unter Tränen und Bitten die Haltung des Dienens und der Hingabe lernen musste, so wird es auch bei euch sein. So ist es bei mir und letztlich bei uns allen. Vielleicht nicht immer unter Tränen und Schreien, aber das Dienen, das Gehorchen und die Hingabe bleiben doch immer ein Kampf und eine lebenslange Anstrengung.

Nur in der Haltung des Dienens und der Fußwaschung können wir Priester die Eucharistie würdig feiern und würdig empfangen. Mut zur Menschennähe, Mut zum Dienen und zur Hingabe wünsche ich euch. Billiger geht das Priestersein nicht.

 

 

Nach dem Mut zum Gottvertrauen gegen alle Sorgen, nach dem Mut zur Menschennähe, zum Helfen und Dienen, noch ein dritter Wunsch:  Ich wünsche euch auch Mut zum Träumen und Mut neue Wege zu gehen. Lasst euch nicht von Sorgen und Problemen, sondern vom Wort Gottes und von den biblischen Visionen leiten! Ja, die Kirche steht vor großen Herausforderungen aber habt Mut, rechnet mit Gott und seinen Möglichkeiten.  Wagt es zu träumen, dass die Vision Gottes von seinem Reich der Gerechtigkeit Wirklichkeit ist und immer mehr Wirklichkeit wird.

Und ich denke da konkret an den Traum eines Papstes. Innozenz III. träumte, dass seine Kirche, die Lateranbasilika einstürzt, und er sah im Traum einen jungen Mann, der aufsteht, anpackt und die einsturzgefährdete Kirche stützt und aufbaut. Dieser junge Mann war Franz von Assisi, den wir in diesem Jahr besonders feiern. Ein wunderbares Fresko in Assisi zeigt diesen Traum des Papstes, der auch mein Wunschtraum ist:

Ich wünsche mir liebe Weihekandidaten, dass ihr fünf zu denen gehört, die aufstehen und sich am Wort Gottes ausrichten und das Evangelium glaubwürdig verkünden. Dass ihr zu denen gehört, die anpacken und durch den priesterlichen Dienst die Kirche stützen und die Gemeinden aufbauen. Dass ihr den Menschen Hoffnung und Orientierung aus dem Glauben schenkt und dass ihr in eurem Dienst als Priester glücklich werdet.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute, an diesem Festtag für unsere Erzdiözese, stehen nicht Kirchenkrisen, Sorgen und Probleme im Mittelpunkt, sondern Freude und Dankbarkeit, dass fünf Diakone bereit sind den priesterlichen Dienst zu übernehmen und sich in den Dienst Gottes und der Kirche zu stellen.

Seid mutig und zuversichtlich! Sorgt euch zuerst um das Reich Gottes, traut seinem Wort mehr als den Botschaften der Schwarzseher und der Unheilpropheten. Seid glaubende, hoffende, dienende und liebende Brüder der Menschen. Und geht auch neue Wege und nehmt viele mit auf eurem Weg in der Spur Jesu Christi.