Als seit inzwischen gut einem halben Jahr amtierender Erzbischof von Wien freue ich mich sehr, nun auch den Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich als ihr neuer Ordinarius dienen zu dürfen.
Zuallererst danke ich für das Wohlwollen Gottes, das jedem Menschen gilt, und das liturgisch und auch sprachlich auf so vielfältige Weise gefeiert werden kann, wie das in diesem Gottesdienst erlebbar war. Wir spüren: Es reicht nicht aus, Gott in nur einem Ritus zu ehren, oder um es musikalisch zu formulieren: Die Melodie des Evangeliums ist umfassender und vielfältiger als wir Menschen es mit unseren begrenzten Möglichkeiten wahrnehmen können, und deshalb ist es schön, wenn wir unseren Lobpreis und Dank auf unterschiedliche Weisen, in verschiedenen Tonarten, Melodien und Riten, die symphonisch zusammenklingen, zum Ausdruck bringen.
Ich danke Papst Leo, der heute Geburtstag feiert und mir diese große und wichtige Aufgabe übertragen hat. Ich danke dem Apostolischen Nuntius in Österreich für seine Begleitung und Ermutigung. Mein Dank gilt in besonderer Weise dir, Herr Kardinal, allen Mitbrüdern im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst und auch den Vertretern der Ökumene, die zu meiner Amtseinführung gekommen sind. Über alle nationalen, sprachlichen und zwischenkirchlichen Grenzen und Differenzen hinweg verbindet uns die eine Taufe und der Glaube und das Bekenntnis zu unserem Herrn Jesus Christus.
Im Vertrauen auf Ihr Wohlwollen, liebe Schwestern und Brüder, wage ich nun den Schritt hinein in dieses für mich neue Amt. Ich bitte um Geduld und verspreche, mich nach Kräften darum zu bemühen, die Herausforderung anzunehmen, die die doppelte Aufgabe als Ordinarius für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich und als Erzbischof von Wien für mich bedeutet, und zu versuchen, beide Ämter bestmöglich unter einen Hut oder besser gesagt unter einen Pileolus zu bringen.
Ich bin vor wenigen Tagen aus Rom vom sogenannten „Baby-Bischofskurs“, den alle neuernannten Bischöfe besuchen müssen, zurückgekehrt. Dort habe ich immer wieder gehört: Der Bischof muss ein Vater sein, er muss seine Priester und Diakone wie Söhne und alle Menschen wie Freunde behandeln. Ein Bischof kann nur lehren, wenn er bereit ist zu lernen. Er hat nur dann etwas zu sagen, wenn er vorher gut zuhört. So verstehe ich meinen Dienst als Bischof in der EDW und für die katholischen Ostkirchen und ich bin überzeugt: ich kann von der Vielfalt und vom Reichtum der katholischen Ostkirchen noch vieles lernen.
Dass der Wiener Erzbischof auch Ordinarius für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen ist, hat in Österreich eine lange und gute Tradition. Prägend waren dabei vor allem meine Vorgänger Kardinal Franz König und Kardinal Christoph Schönborn, die beide jeweils ungefähr drei Jahrzehnte lang in dieser doppelten Verantwortung standen. Daher möchte ich Dir, lieber Herr Kardinal, für Dein langjähriges und stetes Engagement und Deine väterliche Sorge für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen, von der auch Deine heutige Predigt erneut Zeugnis gegeben hat, von Herzen danken. Bei meiner Bischofsweihe im Jänner konnte ich zu deinem Geburtstag gratulieren, heute darf ich zu deinem Weihetag gratulieren, denn am 14. September 1995 wurdest du hier zum Bischof geweiht.
Danken möchte ich allen Priestern und Mitwirkenden im Ordinariat und in den verschiedenen Seelsorgestellen, allen voran Dir, lieber Herr Generalvikar. Ohne Deine und Eure langjährige und engagierte Sorge und die umsichtige Koordination der vielfältigen Aktivitäten wäre das Ordinariat heute nicht das, was es ist – eine wertvolle Anlaufstelle und Stütze für das Glaubensleben von inzwischen deutlich über 20.000 Christinnen und Christen aus den katholischen Ostkirchen, denen das Ordinariat in unserem Land eine kirchliche Heimat bietet. Heimat bieten – das ist eine große Aufgabe, die nicht leicht zu erfüllen ist, gerade in dieser Zeit, die von Konflikten und Kriegen in mehreren Ursprungsländern der katholischen Ostkirchen geprägt ist.
Ich denke vor allem an die Ukraine, aber auch an Konflikte in verschiedenen Ländern in Afrika und Asien, vor allem auch im Nahen Osten, die viele Menschen gezwungen haben, ihre Heimat zu verlassen, auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit und einer neuen Heimat hier bei uns.
Nicht wenige auch von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, die heute hier sind, haben auf die eine oder andere Weise Bedrängnis, Verfolgung oder Vertreibung erfahren. Sie wissen, was es heißt, ein Kreuz zu tragen. Sie alle sollen auch wissen und spüren: Sie sind hier willkommen und die Glaubensgemeinschaft der Kirche will ihnen helfen, in unserem Land Heimat, Wertschätzung und Hoffnung zu finden.
Von Herzen danke ich allen, die sich in den Gemeinden und Seelsorgestellen des Ordinariats mit großer Hingabe dafür engagieren, dass die neu hier ankommenden Menschen Unterstützung erfahren, und ebenso denen, die Enormes leisten für die Menschen, die trotz großer Bedrängnis weiter in den Kriegs- und Konfliktgebieten ausharren. Ich danke auch allen, die auf vielfache Weise in Beruf und Ehrenamt, in Familie und Gemeinde wertvolle Beiträge für das Zusammenleben in unserem Land leisten. Danke für Ihr tiefes Zeugnis unseres Glaubens, dass auch in der Dunkelheit des Kreuzes hindurch die Liebe leuchten lässt und den Hass überwindet.
„Nehmt Gottes Melodie in Euch auf!“ – So lautet mein Wahlspruch, der auch unser Zusammen-Wirken und Zusammen-Klingen im Ostkirchen-Ordinariat, das Miteinander von Ost- und Westkirche und die Ökumene prägen kann. Ich lade alle ein: Hören wir gemeinsam auf Gottes Melodie in unserem Leben, und bringen wir sie zum Klingen in uns selbst und in unseren Mitmenschen.
Das Evangelium ist unsere Partitur, und der Heilige Geist unser Dirigent. Seien wir achtsam, hören wir aufeinander, und bringen wir unsere vielfältigen Stimmen ein in das symphonische Lob Gottes! Singen wir gemeinsam und vielstimmig das Lied des Friedens auf Erden, der dort möglich wird, wo Menschen Gott in der Höhe die Ehre geben.