Sonntag 18. Januar 2026
Unsere Broschüre "Aufmerksamkeiten"

Zweite Aufmerksamkeit gegenüber dem getrennt lebenden Partner / der getrennt lebenden Partnerin

Zweite Aufmerksamkeit
gegenüber der/m getrennt lebenden Partner*in

 

Die Situation


Für die/den verlassenen bzw. nunmehr getrennt lebende/n Partner*in ist es schwierig, im Alltag mit den Gefühlen fertig zu werden. Die Scheidung ist ein massiver Einschnitt, der eine schwere Stresssituation darstellt. Für den einen Teil bedeutet die veränderte Situation mit den Kindern weitgehend alleine viel emotionale Unterstützung aufwenden zu müssen, damit diese die Trennung der Eltern verkraften, für den anderen Teil bedeutet es, eine neue Form der Beziehung mit den Kindern zu finden.

 

Orientierung in einer neuen Realität


Aus der Notwendigkeit einer autonomen Lebensführung ergeben sich viele Probleme praktischer Art. Durch die Bereitschaft, Neues dazu zu lernen und Hilfe anzunehmen, können diese bewältigt werden. Die Konfrontation mit Gerichten, Rechtsanwält*innen und Ämtern ist für die meisten ungewohnt und die Spielregeln im Umgang damit müssen erst erarbeitet werden. Es gilt, eine neue Identität aufzubauen, um die psychische Stabilität aufrechtzuerhalten.

 

Vom Ringen…


Manche kämpfen mit Minderwertigkeitsgefühlen und Neid gegenüber glücklich Verheirateten. Große Schwierigkeiten verursacht das Ringen mit der Sehnsucht nach einer neuen Beziehung einerseits und andererseits mit dem Misstrauen gegenüber einer/m neuen Partner*in. Zusätzliche Umstellungen infolge einer Scheidung ergeben sich durch Übersiedlung und/oder Arbeitsplatzwechsel bzw. auch Arbeitsverlust. Dazu kommen oft psychosomatische Erkrankungen während und nach der Scheidung. Die Gefühle sind noch längere Zeit auf die/den Expartner*in fixiert, egal ob man verlassen wurde oder ob man selber den entscheidenden Schritt zur Trennung getan hat. Man kann sich schwer vorstellen, wie es weitergehen wird.

 

Beim Zerbrechen jeder Beziehung gibt es einen Trennungsprozess: In der Phase der Verleugnung will man den Trennungsprozess nicht wahrhaben. Man versucht so zu leben, als ob noch der alte Zustand wäre. Man braucht Zeit, um sich dem Trennungsschmerzstellen zu können. Diese Phase hat dadurch ihre Berechtigung. Dann gibt es die Phase der aufbrechenden Gefühle. Wut und Hass auf die/den Partner*in werden deutlich, man beschäftigt sich damit, wie man sich rächen kann. Selbstvorwürfe führen auch oft zu Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Schließlich verfallen viele in Verzweiflung und würden sich am liebsten in der Wohnung verkriechen, weil sie an nichts mehr Interesse finden und viel weinen. Einsamkeits- und Angstgefühle treten oft dann auf, wenn nicht schon früher gelernt wurde, allein und selbstständig zu leben.

 

Ziel ist hier, zu lernen, „sich selbst genug zu sein“ und das Leben auf eigenen Beinen stehend zu bewältigen. Aus solcher Grundeinstellung heraus wird es erst möglich, zu entscheiden, in welcher Lebensform die Zukunft gestaltet werden soll.

 

…ins Vertrauen kommen


Vieles muss wohl durchlebt und durchlitten werden, bis man in die Phase der Neuorientierung eintreten kann, in der die Entwicklung eines neuen Selbstwertgefühles möglich wird, wo Freundschaft mit sich selber geschlossen werden kann und neue Freundschaften eingegangen werden. In der Phase eines neuen Lebenskonzeptes wächst dann auch die neue Stabilität. Die Scheidung wird als Tatsache akzeptiert, das neue Lebenskonzept gibt die Möglichkeit zu einer befriedigenden Gestaltung des Alltagslebens. Es gibt ein neues Vertrauen zu sich selbst. Es entwickelt sich oft eine neue Liebe und Partnerschaft. Die Verantwortung für das eigene Leben ist gestärkt.

 

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder/deine Schwester etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder/ deiner Schwester, dann komm und opfere deine Gabe! (Mt 5,23-24)

 

Worauf wir achten

  • Wie ist das Verhältnis zur*m getrennt lebenden Partner*in?
  • Ist die/der getrennt lebende Partner*in imstande die neue, sogar voraussichtlich endgültige, Situation zu meistern? Braucht sie/er Hilfe? Ist sie/er bereit Hilfe zur Selbsthilfe anzunehmen? 
  • Gibt es genügend Kontakt?
  • Ist der Kontakt abgebrochen?
  • Welche Vorstellungen herrschen beiderseits über den notwendigen Lebensunterhalt?
  • Werden Verpflichtungen eingehalten?
  • Wird Gutes, Wertvolles in der vergangenen Beziehung gewertet, angesprochen?

Was uns wichtig bleibt

  • Das Bemühen um eine korrekte Gestaltung der neuen Beziehungen zu Kindern, Verwandten, Freund*innen, Berufskolleg*innen…
  • Die Information über Beratungsstellen und andere Einrichtungen, die hilfreich sind.
  • Eventuell Vermittlung zu einer Selbsthilfegruppe, zu einem Arztbesuch z.B. bei Depression.
  • Einzelgespräch mit beiden Ehepartner*innen/mit einem Paar, das wieder heiraten möchte.
  • Das Selbstwertgefühl darf und will gestärkt werden.
  • Wir ermutigen zu einem vertrauensvollen Blick nach vorne

 

 

Worte einer Betroffenen
Mein Selbstwertgefühl war im Keller, zunächst ohne Partner ein Gefühl wie „amputiert“, weil an ihm / mit ihm sich vieles orientiert hat. Tagesablauf, Wochenenden, Feste, Konflikte, Schönes mit den Kindern, alles ist nun allein zu meistern. Doch wenn man Weihnachten und Geburtstage allein „geschafft“ hat, was kann noch passieren? Neuen Stellenwert bekommt die Herkunftsfamilie, der alte Freundeskreis, und ein neuer Freundeskreis entsteht. Übrig geblieben fühlte ich mich die längste Zeit, weil ich ja keinen neuen Partner hatte, er aber in einer Beziehung lebte. Ich musste erst lernen, mit einer nicht selbst gewählten Einsamkeit zurecht zu kommen. Und ich habe allmählich gespürt, dass das Alleinsein auch Vorteile haben kann. Und dennoch leide ich und empfinde Trauer für das nicht Gelungene. Erst seit ich voll dazu stehe, mich scheiden zu lassen und mir der Konsequenzen bewusst bin, bin ich auch fähig, Schuldanteile zu übernehmen und Schuldgefühle zu benennen. Körperlich bin ich oft erschöpft und ausgelaugt, da mir viel abverlangt wird, gerade auch im Umgang mit den Kindern. Auf der anderen Seite spüre ich eine neue Kraft und Zufriedenheit, sobald ich etwas allein bewältigt habe.

begegnung.LEBEN | Seelsorge in Beziehungen, Ehen und Familien

Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche (WIGE)
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