Saturday 22. February 2020
Unsere Broschüre "Aufmerksamkeiten"

Zweite Aufmerksamkeit gegenüber dem getrennt lebenden Partner / der getrennt lebenden Partnerin

Wie ist euer Verhältnis zum getrennt lebenden Partner, zur getrennt lebenden Partnerin?


Die Situation

Für den verlassenen bzw. nunmehr getrennt lebenden Partner ist es schwierig, im Alltag mit den Gefühlen fertig zu werden. Die Scheidung ist ein massiver Einschnitt, der eine schwere Stresssituation darstellt. Für den einen Teil bedeutet die veränderte Situation mit den Kindern weitgehend alleine viel emotionale Unterstützung aufwenden zu müssen, damit diese die Trennung der Eltern verkraften, für den anderen Teil bedeutet es, eine neue Form der Beziehung mit den Kindern zu finden.

Aus der Notwendigkeit einer autonomen Lebensführung ergeben sich viele Probleme praktischer Art. Durch die Bereitschaft, Neues dazu zu lernen und Hilfe anzunehmen, können diese bewältigt werden. Die Konfrontation mit Gerichten, Rechtsanwälten und Ämtern ist für die meisten ungewohnt und die Spielregeln im Umgang damit müssen erst erarbeitet werden. Besonders für Frauen gilt es, eine neue Identität aufzubauen, um die psychische Stabilität aufrecht zu erhalten. Manche kämpfen mit Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber glücklich Verheirateten. Große Schwierigkeiten verursacht das Ringen mit der Sehnsucht nach einem neuen Partner einerseits und andererseits mit dem Misstrauen gegenüber einer neuen Beziehung.

Zusätzliche schwerwiegende Umstellungen infolge einer Scheidung ergeben sich durch Übersiedlung und/oder Arbeitsplatzwechsel bzw. auch Arbeitsverlust. Dazu kommen oft psychosomatische Erkrankungen während und nach der Scheidung. Die Gefühle sind noch längere Zeit auf den Expartner fixiert, egal ob man verlassen wurde oder ob man selber den entscheidenden Schritt zur Trennung veranlasst hat. Er/Sie kann sich schwer vorstellen, wie es weitergehen wird.

Beim Zerbrechen jeder Beziehung gibt es einen Trennungsprozess: In der Phase der Verleugnung will man den Trennungsprozess nicht wahrhaben. Man versucht so zu leben, als ob noch der alte Zustand wäre. Man braucht Zeit, um sich dem Trennungsschmerz stellen zu können. Diese Phase hat dadurch ihre Berechtigung.

Dann gibt es die Phase der aufbrechenden Gefühle. Wut und Hass auf den Partner werden darin deutlich, dass man sich damit beschäftigt, wie man sich bei ihm rächen kann. Selbstvorwürfe kommen aus der Wut und dem Hass auf sich selber. Diese führen auch oft zu Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Schließlich verfallen viele in Verzweiflung und würden sich am liebsten in der Wohnung verkriechen, weil sie an nichts mehr Interesse finden und viel weinen. Einsamkeits- und Angstgefühle treten oft dann auf, wenn nicht bereits vor der Eheschließung gelernt wurde, allein und selbstständig zu leben.

Ziel ist hier, zu lernen, „sich selbst genug zu sein" und das Leben auf eigenen Beinen stehend zu bewältigen. Aus solcher Grundeinstellung heraus wird es erst möglich, zu entscheiden, in welcher Lebensform die Zukunft gestaltet werden soll. Diese Gefühlswallungen wirken sich nicht selten auch körperlich aus.

Vieles muss wohl durchlebt und durchlitten werden, bis man in die Phase der Neuorientierung eintreten kann, in der die Entwicklung eines neuen Selbstwertgefühles möglich wird, wo Freundschaft mit sich selber geschlossen werden kann und neue Freundschaften eingegangen werden.

In der Phase eines neuen Lebenskonzeptes wächst dann auch die neue Stabilität. Die Scheidung wird als Tatsache akzeptiert, das neue Lebenskonzept gibt die Möglichkeit zu einer befriedigenden Gestaltung des Alltagslebens. Es gibt ein neues Vertrauen zu sich selbst. Es entwickelt sich oft eine neue Liebe und Partnerschaft. Die Verantwortung für das eigene Leben ist gestärkt.

 

Stellungnahme einer Betroffenen

Mein Selbstwertgefühl war im Keller, zunächst ohne Partner wie „amputiert", weil an ihm / mit ihm sich vieles orientiert hat. Tagesablauf, Wochenenden, Feste, Konflikte, Schönes mit den Kindern, alles nun allein zu meistern. Doch wenn man Weihnachten und Geburtstage allein mit den Kindern „geschafft" hat, was kann noch passieren? Neuen Stellenwert bekommt die Herkunftsfamilie, der alte Freundeskreis, und ev. auch der Aufbau eines neuen Freundeskreises. Übrig geblieben fühlte ich mich die längste Zeit, weil ich ja keinen neuen Partner hatte, er aber sehr wohl eine Beziehung und mir gegenüber immer betont hat, wie „glücklich" er damit ist.

Ich musste erst lernen, mit einer nicht selbst gewählten Einsamkeit zurecht zu kommen. Und ich habe allmählich gespürt, dass das Alleinsein auch Vorteile haben kann.

Und dennoch leide ich, obwohl ich die Scheidung zum jetzigen Zeitpunkt für das einzig Richtige halte, unter der Situation und empfinde Trauer für das nicht Gelungene. Besser komme ich mit der Situation erst zurecht, seit ich den Entschluss zur Scheidung gefasst habe. Bis dahin war es ein langer Weg voller Widersprüchlichkeiten und Zweifel. Erst seit ich voll dazu stehe, mich scheiden zu lassen und mir alle Konsequenzen dazu bewusst sind, bin ich auch fähig, Schuldanteile zu übernehmen und Schuldgefühle zu benennen.

Die räumliche Trennung empfinde ich derzeit vor allem als Selbstschutz, um nicht mehr im Alltag mit der anderen Frau konfrontiert sein zu müssen (Telefonate, SMS). Die Scheidung wiederum ist ein ganz gutes Instrument, um wirtschaftlich abgesichert zu werden und die Verantwortlichkeiten schriftlich zu regeln.

Körperlich bin ich oft erschöpft und ausgelaugt, da mir viel abverlangt wird, gerade auch auf emotionaler Ebene im Umgang mit den Kindern. Auf der anderen Seite spüre ich eine neue Kraft und Zufriedenheit, wenn ich etwas allein geschafft habe.

Zuletzt habe ich eine neue Entdeckung gemacht: Ich habe lange Zeit gedacht, ich bin die „übrig Gebliebene". Aber im täglichen Umgang mit den Kindern und der damit verbundenen neuen Reichhaltigkeit meines Lebens habe ich erkannt, dass der eigentlich „übrig Gebliebene" mein Mann ist.

 

Zur Vorbereitung

Die Beurteilung, wer der nicht „übrig Gebliebene" ist, orientiert sich an der Gestaltung der nachehelichen Phase und nicht ausschließlich daran, dass er eine neue Partnerschaft eingegangen ist. Es geht darum, dass der jeweils andere Partner existenziell nicht gefährdet ist. Für die darüber hinaus gehende Qualität seines Lebens ist jedoch jeder selbst verantwortlich.

 

Fragestellungen

• Wie ist das Verhältnis zum getrennt lebenden Partner?
• Ist der getrennt lebende Partner imstande die neue sogar voraussichtlich endgültige Situation zu meistern? Braucht er Hilfe? Ist er bereit Hilfe zur Selbsthilfe anzunehmen?
• Gibt es genügend Kontakt?
• Ist der Kontakt abgebrochen?
• Welche Vorstellungen herrschen beiderseits über den notwendigen Lebensunterhalt?
• Werden Verpflichtungen eingehalten?
• Wird Gutes, Wertvolles in der vergangenen Beziehung gewertet, angesprochen?



Daraus ergibt sich

• Die Bemühung um eine korrekte Gestaltung der neuen Beziehungen zu Kindern, Verwandten, Freunden, Berufskolleg/inn/en...
• Die Information über Selbsthilfegruppen und Einrichtungen, die hilfreich sind.
• Eventuell Vermittlung zu einer Selbsthilfegruppe, zu einem Arztbesuch bei Depression.
• Selbstwertgefühl darf nicht verloren gehen.
• Einzelgespräch mit beiden Ehepartnern/ mit einem Paar, das wieder heiraten möchte.

Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche (WIGE)
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