Dienstag 10. Februar 2026
Unsere Broschüre "Aufmerksamkeiten"

Vierte Aufmerksamkeit gegenüber treuen Ehepaaren

Vierte Aufmerksamkeit
gegenüber treuen Ehepaaren

 

Die Situation

 

Eine Ehe hat nicht nur für die Partner*in und die Kinder Bedeutung, sondern auch für die Gemeinschaft, die Pfarrgemeinde, die Ortsgemeinde, die Gesellschaft. Manche Ehen halten viele Jahre auch durch schwere Krisen hindurch, oft auch unter großen Opfern der Ehepartner*in. Sie verdienen großen Respekt. Selbstverständlich ist nicht in allen Situationen eine solche Hingabe möglich. In aller Regel wollen Geschiedene und Wiederverheiratete durch ihre Existenz das Ideal der unauflöslichen Ehe nicht verwässern. Sie wollen aber am Leben der kirchlichen Gemeinden teilnehmen, weil sie – wie alle anderen Menschen auch – den Beistand und die Stützung einer gläubigen Gemeinde suchen, und weil auch ihre Kinder in der Kirche leben sollen.

 

Belastender Lebenskontext


Ein schwieriger Punkt ist die Reaktion der Gemeindemitglieder zu Personen aus gescheiterten Beziehungen, weil es Standpunkte gibt, die aus einer bestimmten Blickrichtung durchaus richtig aber auch gegensätzlich sind (Polarisierung). Für die betroffenen Personen ist es nicht hilfreich, wenn es zur Parteiung (= Bestätigung des Verhaltens und damit auch des Fehlverhaltens eine/s Partner*in) oder zur Ablehnung kommt (Ausschluss aus der Gemeinschaft). Fest steht, dass die aufrechte sakramentale Ehe unauflöslich ist. Sie hat vor Gott die höchste Würde.

 

Aufrichtigkeit als Schlüssel


Die Beständigkeit der Ehe verlangt von den Partner*innen auch die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Wenn dies nicht geschieht, aus Bequemlichkeit oder persönlicher Abhängigkeit, kann auch ein schuldhaftes Verhalten vorliegen. Nur den Schein zu wahren, ist ein Fehler. Die Kinder sind die ersten, die merken, dass sich die Beziehung der Eltern verändert hat. Sie haben ein Recht auf Klarheit.

 

Neubeginn in der Kraft vom Segen Gottes


Für Menschen, deren erste Ehe zerbrochen ist, soll ein „zweites Gelöbnis“ möglich sein. Dadurch erhält diese neue Verbindung eine entsprechende Würde und hebt sich von einer nur standesamtlich geschlossenen Zivilehe ab. Dieses ist nicht mit einer kirchlich geschlossenen Ehe gleichzusetzen! Das Gelöbnis beinhaltet das Einbekenntnis der Schuld auch gegenüber der Gemeinde, die Bereitschaft zur Versöhnung und den Vorsatz, es besser zu machen.

 

Was uns wichtig bleibt

 

Besonders wichtig ist es, die unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde (Alleinstehende, Verheiratete, Geschiedene, Wiederverheiratete…) nicht gegeneinander auszuspielen, sondern dort, wo Not und Unterstützung gesucht wird, diese anzubieten. Im seelsorglichen Bereich werden hier die Priester und Pastoralassistent*innen gefordert sein.

 

In der solidarischen Gemeinschaft der Gläubigen sind es wohl die Pfarrangehörigen, die hier immer wieder eine große Sensibilität, offene Augen und Ohren für das Leid, für die Einsamkeit der Mitmenschen haben werden. Jede menschliche Beziehung verdient Beachtung und Pflege. Pflege ist ein Prozess, der im Zusammenhang mit den gegebenen Möglichkeiten steht. Beziehungen unterliegen immer auch Missverständnissen, Verletzungen und Störungen.

 

 

Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben. (Röm 15,1)

 

 

Worauf wir achten

  • Was sagt der Ruf Jesu nach Umkehr für meine Situation?
  • Wie erlebt Gemeinde meine/unsere Situation?
  • Wie reagieren Freund*innen, Nachbar*innen, Gemeindemitglieder?
  • Welche Ansprüche stelle ich an die Kirche?
  • Habe ich das echte Bedürfnis, die Sakramente der Buße und der Kommunion zu empfangen?
  • Habe ich darüber mit einem Priester/Seelsorger*in gesprochen?
  • Habe ich Angst vor der Verweigerung oder solche Situationen schon selbst erlebt?

Was uns wichtig bleibt

 

Hier stellt sich auch die Frage nach der Theologie des Scheiterns. Wie könnte sie aussehen und vor allem, wie kann sie praktiziert werden. Sie hat sich an der Haltung Jesu und an der Haltung seines geliebten Vaters zu orientieren.

 

 

Worte einer Betroffenen
Oft habe ich eigene Bedürfnisse und Interessen hintan gestellt. Ich nehme mich selbst als Person nicht wichtig genug, definiere meine Persönlichkeit an der des Partners, fühle mich allein, also ohne ihn klein und schwach. Ehepaare, die einander unter Opfern treu geblieben sind, gab es früher unter anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen (oftmals wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frau vom Mann) und gibt es auch noch heute vor allem aus Rücksicht gegenüber den Kindern. Ich denke, es ist ein Fehler, den Schein zu wahren, den Kindern vorzuspielen, es sei alles in Ordnung, denn die Kinder sind die ersten, die spüren, dass etwas nicht stimmt. Mir fällt auf, dass ich Paarbeziehungen anders betrachte: Einerseits freue ich mich, dass es in meinem Freundeskreis gute Beziehungen gibt, andererseits bin ich in Augenblicken der Einsamkeit auch ein wenig neidisch, denn der Wunsch nach einer dauerhaften, gelingenden Beziehung ist da.


 

begegnung.LEBEN | Seelsorge in Beziehungen, Ehen und Familien

Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche (WIGE)
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