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22.09.2002

Neidlose Mitfreude

Sollte ich nicht dankbar sein?

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn 

für den 25. Sonntag im Jahreskreis,  22.9.2002,

(Mt 20,1-16a)

Arbeitslosigkeit war auch zur Zeit Jesu eine schreckliche Geißel. Viele kamen nie über gelegentliche Tagesjobs hinaus. Taglöhner nannte man sie, und auch heute gibt es sie, auch in Österreich. Ihre Rechtsunsicherheit setzt sie allen möglichen Ausbeutungen aus.

 

Der Gutsbesitzer im heutigen Evangelium ist ein gerechter Mann. Er vereinbart frühmorgens mit einer Reihe von Arbeitern den üblichen Tageslohn: einen Denar. Da die Weinlese viele Hände erfordert, geht er um neun, um zwölf, um fünfzehn Uhr nochmals auf den Marktplatz, um zusätzliche Arbeiter zu finden. Selbst um fünf Uhr am Nachmittag, eine Stunde vor Arbeitsende (denn die Nacht fällt im Orient schnell herein), findet er noch einige, die niemand angeheuert hat und holt sie für die kurze Zeit zur Arbeit.

 

Verständlich, dass sich die Arbeiter der ersten Stunde, die einen zwölfstündigen Arbeitstag hinter sich haben, darüber aufregen, dass die Letzten auch einen vollen Tageslohn bekommen. Der Gutsherr hätte ihren Protest einfach übergehen können. Seine geduldige Antwort, die er einem von ihnen gibt, sagt schon sehr viel über ihn selber aus. Drei Gründe nennt er dem Murrenden für sein ungewöhnliches Verhalten. Keinem ist Unrecht geschehen, denn der vereinbarte Lohn ist ausbezahlt worden; er ist frei, mit seinem Geld zu tun, was er will; er darf doch gütig sein und auch den Spätgekommenen, die nur kurz gearbeitet haben, einen vollen Tageslohn geben, damit sie nicht hungern müssen und auch ihre Familie zu essen hat. Gerecht wäre es auch gewesen, den Zuletztgekommenen nur einen kleinen Teil des Tageslohnes zu geben. Wenn er mehr tut als die bloße Gerechtigkeit fordert  - seid ihr deshalb neidisch?

 

Neid ist die Sinnspitze des Gleichnisses. Dem anderen nicht gönnen wollen, was ihm geschenkt wird; vergleichen, ob andere mehr bekommen, besser aussteigen, bevorzugt werden. Neid ist die Schlagseite des Gerechtigkeitsgefühls. Schon die Kinder kennen es: Warum bekommt meine Schwester ein schöneres Spielzeug, mein Bruder ein größeres Kuchenstück? Es ist gut, das Gespür für Gerechtigkeit zu entfalten und zu pflegen, besonders wenn es darum geht, dass den Anderen, den Schwächeren und Wehrlosen Gerechtigkeit widerfährt. Jesus preist sogar selig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten und sich dafür einsetzen.

 

Der Neid schaut nicht mehr auf die Gerechtigkeit, sondern auf das, was ich beim anderen sehe und ihm nicht gönne, weil ich es nicht habe. Es lohnt sich, darauf zu achten, wie viel in der Werbung und leider auch im politischen Kleinkrieg mit der Waffe des Neides gearbeitet wird. Meinen eigenen Neidpegel kann ich ganz einfach testen: Freue ich mich, wenn jemand anderer etwas Besonderes bekommt, gelobt wird, Erfolg hat, Begabungen zeigt?

 

Noch etwas hat Jesus mit diesem Gleichnis im Sinn: Unser ganzes Leben ist wie ein langer Arbeitstag. Manche sind von früh an fleißig, ordentlich, fromm. Andere werden es erst allmählich, manche erst in der letzten Stunde. Ich durfte es erleben, solche "Arbeiter der elften Stunde", die am Lebensende nach vielen Irrwegen und vertanem Leben ganz zu Gott finden. Auch ihnen wird Gott den ganzen Lohn, das ewige Leben schenken, unverdient, einfach weil er gut ist. Soll mich das ärgern? Sollte ich nicht dankbar sein, dass Gott mich schon früh in seinen Weinberg gerufen hat, zu einem sinnvollen, gläubigen Leben? War Gott nicht auch mit mir unglaublich gütig?

zurück

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:

 

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

 

Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.

 

Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.

 

Er sagte zu ihnen: geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.Und sie gingen. Um die sechste Stunde und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso.

 

Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, dir dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!

 

Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen von den letzten, bis hin zu den ersten.

Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.

 

Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren,und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.

 

Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir.Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?

 

So werden die Letzten die Ersten sein.

 


 

Weiterführende Informationen:

 

  • Mehr Informationen über Kardinal Schönborn.
  • Mehr Texte über die Heilige Schrift.

 

 

Fragen an Kardinal Schönborn?

 

  • per Video auf www.fragdenkardinal.at
  • an sein Sekretariat.

 

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