Kennen Sie das auch? Bei einem Empfang sehe ich jemanden, dessen Namen ich vergessen habe. Es fällt mir das Gespräch deutlich schwerer. Deshalb habe ich mir inzwischen angewöhnt, meine Vergesslichkeit einzugestehen und noch einmal nach dem Namen zu fragen. Der Name ist wie eine Brücke zwischen zwei Personen; ihn zu kennen, schafft vertiefte Begegnungsmöglichkeiten. Jesus hat zu beten gelehrt „Geheiligt werde Dein Name“. Jedes christliche Gebet beginnt „im Namen des Vaters…“. Im Philipperbrief rühmt Paulus den Namen Jesu (Phil 2,9f). Freilich geht es bei all dem um Gott, aber dahinter steht auch ein Hinweis auf die Bedeutung von Namen an sich. Der Name schafft Kontakt zur Person, denn er gibt der Person Kontext und Identität. Der Namenlose ist nicht fassbar.
Natürlich kann das Verbergen des Namens in der Anonymität vermeintlich schützen, etwa wie das Tragen von Masken Kriminelle vor Beweisfotografien schützt. Ein grimmsches Märchen erzählt davon, wie „Rumpelstilzchen“ die Not einer jungen Frau durch seine Anonymität ausnützt. Für einen belanglosen „Meinungsaustausch“ (verräterisches Vokabel!) braucht man keine Kenntnis von Namen und Person des anderen – es reicht, mit „jemandem“ im Austausch zu sein. Für echte Begegnung braucht es Interesse an der Person des anderen.
Nicknames wie „SunnyGirl92“, „TechWizard“, „IronHorse“, „PixelPirat“ oder „Mondschein“ dienen dazu, die Identität zu verbergen oder einen bestimmten Persönlichkeitstyp vorzustellen. Sie ermöglichen einen Austausch ohne das Risiko der Selbstoffenbarung. Das führt dazu, dass aus der Deckung heraus Worte in den öffentlichen virtuellen Raum geworfen werden. Und allzu oft wird auch Schmutz mitgeworfen in Form von Vorwürfen, Herabwürdigungen, Beschimpfungen und Beleidigungen.
Ich bin für die Meinungsfreiheit, und deshalb soll man auch zu seiner Meinung stehen und es nicht nur dürfen. Aus diesem Grund wünsche ich mir eine Klarnamensverpflichtung in Österreich und in der EU, die dazu führen würde, dass jeder Beitrag im Internet durch den realen Namen der veröffentlichenden Person gekennzeichnet ist. So ähnlich wie bei Leserbriefen.
Freilich sollte es weiterhin die Möglichkeit geben, sich im Internet anonym auszutauschen, aber nur auf speziell dafür eingerichteten Seiten, so ähnlich wie es im realen Leben anonyme Begegnungsmöglichkeiten gibt (von Babyklappe bis zu Anonymen Alkoholikern).
Sollte es nicht ein Anliegen sein, dass man sich zeigt, wenn man kommuniziert? Jedenfalls für Menschen mit christlichem Hintergrund, die daraus leben, dass das Wort Fleisch geworden ist? Für die ein Nein ein Nein und ein Ja ein Ja sein soll und die wissen, dass jede öffentliche Äußerung ein Zeugnis ist. Und Zeugnisse aus der Deckung der Anonymität, ohne die Qualität einer Begegnung von Mensch zu Mensch sind nutzlos.
Freilich wären dazu viele Detailprobleme zu lösen, aber ich bin mir sicher, dass das Einstehen mit Namen und Identität die Qualität unseres öffentlichen Diskurses im Netz drastisch verbessern würde. Auch im Sinn der Haltung der Synodalität, die die Kirche nicht nur für sich selbst als wichtig erkannt hat, sondern auch als einen Beitrag zum Wandel der Gesprächskultur in der Gesellschaft propagiert.
+ Stephan Turnovszky
Stephan Turnovszky ist in der Erzdiözese Wien Weihbischof und Bischofsvikar für das Vikariat Nord.