Weihbischof Stephan Turnovszky mit dem Appell, mit dem Sterben und dem Tod reifer umzugehen.
Laut Umfragen in Österreich und Deutschland wollen nur 4% der Befragten im Spital sterben, die allermeisten zu Hause. De facto sterben jedoch die meisten Menschen im Spital, nur die allerwenigsten zu Hause, nicht nur in der Pandemie.
Das Sterben ist das Gewisseste in der sonst ungewissen Zukunft eines jeden Menschen. Wieso schaffen wir es als aufgeklärte Gesellschaft nicht, darüber besser ins Gespräch zu kommen? Noch immer wird der Tod in der Öffentlichkeit tabuisiert und anonymisiert. Das ist nicht gesund!
Wieso hören wir denn nie, wie Menschen in der Coronakrise sterben? Wieso erzählen die Medien keine Geschichten, wieso werden uns keine Gesichter gezeigt? Der Tod wird nur in Form von Statistiken und Diagrammen präsentiert, anonymisiert, unpersönlich. Dabei geht es doch um Personen, um Schicksale, und nicht um Dinge!
Ein reifer Umgang mit dem Thema bestünde darin, das Sterben zu einem Teil unseres gesellschaftlichen Lebens zu machen, es zu thematisieren und vor allem zu begleiten und gestalten, Geschichten darüber zu erzählen und nicht es zu verdrängen. Das hatten wir als Gesellschaft nach den Schrecken des 2. Weltkrieges doch ein wenig gelernt, und es brachte gute Früchte hervor, wie z.B. die Hospizbewegung! In der Pandemie hingegen kehrt die alte Sprachlosigkeit zurück, dabei geht es gerade jetzt besonders darum, Sterbende nicht alleine zu lassen!
Erschütternder Weise entflammt hingegen gerade jetzt die Debatte um den assistierten Suizid: So als wollte man es salonfähig machen, dass einem der Tod des anderen nichts angingen, als wäre der Tod reine Privatsache.
Das Gegenteil ist wahr: Der Tod ist eine soziale Angelegenheit (so wie das ganze Leben), er betrifft menschliche Beziehungen wie sonst kaum ein Geschehen. Die (zurecht zu schützende) Autonomie des Menschen ist doch nur in Beziehung zu anderen Menschen lebendig: Ist nicht jeder Suizidgedanke ein Hilferuf nach Zuwendung, Nähe, Aufmerksamkeit und Verstehen? Jeder Suizid ist einer zu viel!
Finden wir uns doch nicht mit dem Tod ab, als ginge er uns nichts an. Es ist sinnlos, gegen den Tod einen Krieg zu führen! Frieden schließen mit dem Tod bedeutet: Für einander sorgen, einander nahe sein, aber nicht einander vorbeileben. Leben und Sterben sind soziale Prozesse. Wie mutig und wohltuend wäre es, offener darüber ins Gespräch zu kommen und die Nähe zuzulassen, die sich Menschen wünschen, wenn sie sich in überwältigender Mehrheit danach sehnen, bei denen zu sterben, mit denen sie gelebt haben.