Weihbischof Stephan Turnovszky über die Bedeutung des Todes für das Leben selbst.
In seiner Bedeutung für das Leben nämlich. Der Tod ist nicht einfach das Ende des Lebens, sondern seine Vollendung. Wenn der Tod zu früh kommt, und das Leben noch nicht vollendet ist, fehlt die Stimmigkeit. Vergleichbar einer Frühgeburt, deren Schwangerschaft noch nicht vollendet ist.
Freilich kann das ein materialistisches Lebenskonzept nicht so sehen: Wer hinter dem Leben keinen höheren Sinn erkennt, für den ist alles Zufall und damit Sinn-los. Für den hat weder Leben noch Sterben eine sinngebende Bedeutung. Wer aber mit der Sinnhaftigkeit des Lebens rechnet, sei er/sie Christ oder nicht, für den ist der Tod bedeutend. Denn an ihm enden sowohl Freiheit als auch Leben, die beide die Würde des Menschen ausmachen.
Der Österreichische Verfassungsgerichtshof hat sich im Namen der Würde des Menschen für den Vorrang der Freiheit vor dem eigenen Leben entschieden. Wer in Zukunft einem Menschen beim Suizid hilft, darf nicht dafür bestraft werden. So weit so klar. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass das, was zwar straflos, aber dennoch unerwünscht ist (nämlich, dass ein Mensch aus dem Leben gerissen wird,), sich mit der Zeit als salonfähig etabliert, zu Beginn als Kavaliersdelikt, später als liberale Option unter anderen, noch später als neue Norm.
Ich halte dagegen, dass ich davon überzeugt bin, dass der eigene Tod fürs eigene Leben wichtig ist. Wie oft habe ich schon Menschen beim Sterben begleitet: Immer hatte ich den Eindruck, dass die letzte Lebensphase dazu dient, Unerledigtes zu „verdauen“ und abzuschließen: Manches noch zu bedenken, auszusprechen, zu bereuen, zu verarbeiten. Vieles davon bewusst, mehr davon unbewusst und dennoch wesentlich.
Als gläubiger Mensch rechne ich damit, dass meine Existenz nicht mit dem Tod enden wird. Im Gegenteil, meine Zukunft wird von diesem Leben beeinflusst und geprägt, ich gestalte jetzt mein Leben nach dem Tod. Was immer vor dem Tod unbewältigt geblieben ist, wird „drüben“ zu bewältigen sein. Die Tradition der Kirche nennt das „Fegefeuer“ und meint damit nicht einen heißen Ort, sondern einen Zustand der letztlich befreienden Selbsterkenntnis, die einem die Schamesröte „feuerrot“ ins Gesicht treibt. Umgekehrt ist das Sterben eines Menschen nicht nur sein eigenes Thema, sondern berührt und beschenkt auch sein Umfeld, seine Angehörigen.
Am 1. Juni begehen wir jedes Jahr den „Tag des Lebens“. Ich träume von einem Leben, das auch den Tod ernst nimmt – und damit das ganze Leben!