Vor zwei Jahren vor dem Advent ahnte doch niemand, in welche Abgründe die Debattenkultur in Österreich innerhalb kurzer Zeit geraten sollte. So schnell kann es gehen, dass eine schmerzhafte Spaltung in der Bevölkerung aufbricht: Ungeimpfte fühlen sich durch Geimpfte genötigt, Geimpfte fühlen sich von Ungeimpften bedroht.
Das war vielleicht unvermeidlich, aber das Problem ist, dass man darüber nicht auf eine wertschätzende Art ins Gespräch kommt – ja, dass kaum Versuche dazu unternommen werden. Stattdessen liest und hört man von ungenierten Sagern wie „Daumenschrauben“, die es für Ungeimpfte fester anzuziehen gilt, und andererseits von Vorwürfen der Fahrlässigkeit oder Manipulation an die Adresse der geimpften Machtinhaber.
Bitte Schluss mit Folterrhetorik und auch unbelegten Vorwürfen! Warum gelingt es nicht, mit Ungeimpften über ihre Bedenken ins Gespräch zu kommen? Warum gelingt es nicht, sich die Zahlen gemeinsam (!) nüchtern anzusehen? Als Mann der Kirche mache ich mir weniger Sorgen um ein ganz und gar nicht harmloses Virus, als um das Virus der Spaltung unserer Gesellschaft, mit dem sich kaum jemand zu beschäftigen scheint. Ich bin geimpft. Nicht weil ich von der Impfung so überzeugt wäre (ich bin kein Fachmann und daher nicht in der Lage, sie zu beurteilen), sondern weil ich vertraue, vor allem mir bekannten Ärzten, auch dem Papst und den Regierungen der ganzen Welt.
Ungeimpfte scheinen dieses Vertrauen nicht zu haben. Übt man Druck auf sie aus, werden sie weiter im Misstrauen bestärkt. Das einzige, das hilft, ist Vertrauen aufzubauen, und das gelingt nur, wenn man ehrlich und interessiert zuhört. Vielleicht gelingt es im Advent? Vor zwei Jahren haben wir ihn jedenfalls nicht so dringend gebraucht wie heuer.