Antwort des Brückenbauers:
Zunächst gratuliere ich zu der Frage. Wer sich solche Fragen stellt, ist schon einmal nicht auf dem falschen Weg. Es ist gut, wenn einen das Gewissen im Blick auf die Armen beunruhigt. Papst Franziskus hat immer wieder angeprangert, dass sich die Gesellschaft viel zu schnell mit dem angeblich unabänderlichen Schicksal der Armen und Migranten abfindet.
Daher der erste Schritt: Sich vom eigenen Gewissen ansprechen und auch alarmieren lassen: „Hier ist etwas nicht in Ordnung!“
Zweiter Schritt: die eigene Lebensweise hinterfragen: Wo verfestige ich mit meinem Verhalten strukturelle Armut? Zahle ich gerechte Entlohnung? Beachte ich beim Einkauf sozialökologische Kriterien? Wie lege ich mein Geld an – wer profitiert davon, wer leidet darunter? Hinterziehe ich Steuern, die dann dem Staat zur Armutsbekämpfung fehlen? Etc.
Dritter Schritt: selbst etwas gegen Armut unternehmen. Ich selbst bevorzuge beim Spenden große und kleinere Hilfsorganisationen, weil sie Fachleute vor Ort haben. Mir hilft dabei, dass ich mir jährlich ein Spendenbudget überlege, auf das ich dann anlassbezogen zurückgreifen kann und das ich bis Jahresende verbrauche. Bei Bettlern auf der Straße mache ich es ähnlich: Ich stecke mir immer, wenn ich das Haus verlasse, einen Betrag Münzen ein, als Tagesbudget. Die verteile ich gerne, danach gibt es dann leider (meistens) nicht mehr.
Eine weitreichendere Form von Almosen besteht darin, eine arme Person auszuwählen und für diese einen wesentlichen Unterschied zu machen, z.B. durch Beratung und Begleitung bei Behördenwegen. So kann einem Menschen durch das Schenken von Zuwendung, Zeit und Energie nachhaltig geholfen werden.
Aber auch wer nicht so weit geht, kann Wert auf menschliche Begegnung legen: Ich versuche, kurz ins Gespräch zu kommen, den Namen zu erfragen, das Herkunftsland, oder einfach einen schönen Tag zu wünschen. Papst Franziskus hat mich auf die Idee gebracht, und ich habe seitdem rund um den Stephansplatz tatsächlich ein paar nette Bettlerbekanntschaften. Manchmal denke ich mir, dass sie nach meinem Tod möglicherweise für mich Fürsprache halten könnten. Wer weiß, wer einmal auf wen angewiesen sein wird…
Der Umgang mit Armut / den Armen ist ein uraltes Thema, es ist wichtig, sich ihm zu stellen: „Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem notleidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.“ (Dtn 15,11)