Offene Türen und offene Herzen!

„Es tut mir weh, wenn Kirchentüren verschlossen sind. Für viele Menschen ist eine offene Kirche ein Raum der Stille, die uns heute so notwendig ist. Es tut gut, solche ‚Zufluchtsorte der Seele' zu haben. Da kann man zur Ruhe kommen, nachdenken, beten, Gottes Gegenwart spüren."
Kardinal Christoph Schönborn
Ein Haus, das auf einen wartet
Wer tagsüber eine Kirche betritt, sucht oft mehr als nur einen schönen Raum. Viele Menschen kommen auch nicht wegen eines Gottesdienstes, keiner Veranstaltung und auch nicht, um sich mit jemanden zu treffen. Sie kommen, weil sie Stille suchen. Einen Ort zum Durchatmen. Einen Moment des Gebets. Einen Platz, an dem Sorgen ausgesprochen werden dürfen – oder einfach einmal nichts gesagt werden muss.
Mitten in diesem Ort steht sie – die Kirche. Vielleicht geht man täglich an ihr vorbei. Vielleicht hat man sie schon lange nicht mehr von innen gesehen. Vielleicht hat man sich manchmal gewünscht, einfach eintreten zu können – ohne Anlass, ohne Gottesdienst, ohne dass man irgendjemanden treffen müsse. Und genau das ist möglich. Unsere Kirche steht offen. Für jedermann.
Gebauter Glaube – bewohnter Ort
Kirchenräume sind, wie der Vorarlberger Theologe Markus Hofer es treffend formuliert, „gebauter Glaube". Sie sind nicht nur kunsthistorische Denkmäler oder touristische Sehenswürdigkeiten. Im katholischen Verständnis sind sie das Haus Gottes – Orte, an denen Gott selbst gegenwärtig ist, oft auf eine Weise, die „Realpräsenz" genannt wird.
Kirchen sind mehr als historische Gebäude. Sie sind Orte gelebten Glaubens. Generationen von Menschen haben dort gebetet, gehofft, geweint und gedankt. Taufen, Hochzeiten, Begräbnisse und unzählige persönliche Gebete verbinden viele Menschen mit „ihrer" Kirche – auch jene, die nur selten einen Gottesdienst besuchen. Jahrhundertelang kamen Menschen in diese Räume mit ihren Freuden und Hoffnungen, ihrer Trauer und ihren Ängsten. Diese Wände haben alles gehört. Sie sind, wie Hofer schreibt, „Orte des Heiligen, die damit auch den Menschen heilig wurden" – und das spürt man, kaum dass man eingetreten ist.
Der weltbekannte Frère Roger Schütz schrieb einmal über die kleine romanische Dorfkirche von Taizé: „Dieser Ort ist bewohnt." Kardinal Schönborn kommentiert dieses Wort mit einer fast fordernden Frage: „Wie kann man ertragen, dass eine Kirche geschlossen ist, wenn der Meister selbst hier wohnt?"
Stille – das vielleicht kostbarste Gut unserer Zeit
Gerade in einer Zeit ständiger Erreichbarkeit und wachsender Unruhe werden offene Kirchen zu kostbaren Orten der Stille. Wir leben in einer Welt des permanenten Lärms, der Erreichbarkeit, der Reizüberflutung. Umso mehr sehnen sich viele Menschen – bewusst oder unbewusst – nach einem Ort, der einfach anders ist.
In dieser schnelllebigen Zeit, in der alles ständigem Wandel unterworfen zu sein scheint, sind Kirchenräume wohltuend unveränderliche, steinerne Zeugen unserer Geschichte und Kultur. Manchmal merken das weniger religiös sozialisierte Menschen noch stärker als jene, die regelmäßig in der Kirche tätig sind.
Selbst der erklärte Atheist und Poet Wolf Wondratschek beschreibt die Wirkung eines Kirchenraums mit unerwarteter Tiefe:
„… am besten eine leere, menschenleere Kirche. Nicht reden müssen, nicht glauben müssen, nichts sein müssen. […] Ich spüre Erleichterung. […] Alle Zeichen deuten darauf hin, dass alles schon da war, vor mir."
Was dieser Autor beschreibt, suchen viele, ohne es benennen zu können: einen Ort außerhalb der Beschleunigung, außerhalb der Erwartungen und Rollen. Einen Ort, der schon da war, lange vor uns, und der bleiben wird.
Ein Raum für alle – ohne Bedingungen
Nicht jeder, der eine Kirche besucht, möchte Teil einer Pfarrgemeinde werden. Viele Menschen betreten Kirchen außerhalb der klassischen Gottesdienstzeiten. Manche kommen auf dem Heimweg kurz vorbei, andere während einer schwierigen Lebensphase. Wieder andere suchen schlicht einen stillen Ort mitten im Lärm des Alltags.
Oft genügt es, einige Minuten still in einer Bank zu sitzen, eine Kerze anzuzünden oder ein Stoßgebet zu sprechen. Gerade darin liegt die besondere Kraft offener Kirchen: Sie drängen sich niemandem auf und stehen dennoch allen offen. Für den Theologen Rainer Bucher sind Kirchenräume deshalb „konkrete Orte unaufdringlicher Antreffbarkeit für die reale Gegenwart des Christlichen heute". Sie sind da. Sie warten. Sie verlangen nichts.
Vielleicht ist es jemand, der drei Ortschaften weit gefahren ist, weil er in einer persönlichen Krise niemanden treffen möchte, den er kennt – und in der Stille der Kirche sein schweres Herz vor Gott ausschüttet. Vielleicht kommt jemand kurz vor einem Arzttermin, um fünf Minuten durchzuatmen. Vielleicht ist es jemand, der sich einfach vorgenommen hat, in offenen Kirchen immer kurz auf ein Stoßgebet hineinzuschauen.
Markus Hofer stellt deshalb eine provokante, aber wichtige Frage: „Trauen wir Gott in seinem Haus noch etwas zu? Oder trauen wir nur unserer eigenen Predigt, unseren eigenen Ideen, Projekten und Aktivitäten? Vielleicht müssen wir für viele moderne Menschen einen Schritt zurückgehen, etwas behutsamer und unaufdringlicher werden – und zuerst das Haus Gottes für die Menschen öffnen. Gott wirkt auch selbst in seinem Hause.“
Trotz aller Schwierigkeiten: offen bleiben
Natürlich bringt eine geöffnete Kirche auch Herausforderungen mit sich. Pfarren kennen Sorgen um Diebstahl, Vandalismus oder Verschmutzung. Manche Kirchen wurden beschädigt, beschmiert oder zweckentfremdet. Und dennoch entscheiden sich viele Pfarrgemeinden bewusst dafür, ihre Türen offen zu halten.
Warum? Weil die Kirche nicht nur für wenige Stunden am Sonntag da ist. Sondern für die Menschen – jeden Tag.
Denn selbst, wenn nur einzelne Menschen kommen: Jeder stille Besucher, jedes entzündete Licht, jedes kurze Gebet zeigt, wie wichtig solche Orte bleiben. Oft wissen Pfarrgemeinden gar nicht, wie viele Menschen tagsüber ihre Kirche aufsuchen, weil diese Besuche leise und unscheinbar geschehen. Es sind Begegnungen zwischen einem Menschen und Gott – und die brauchen keine Zeugen.
Mehr als 90 Prozent der Katholiken kommen nicht zu den regulären Gottesdiensten. Das bedeutet nicht, dass sie gleichgültig wären. Es bedeutet, dass viele von ihnen einen anderen Weg suchen. All diese Menschen brauchen keine Predigt. Sie brauchen eine offene Tür.
Papst Franziskus hat gefragt: „Der Herr klopft an die Tür unseres Herzens. Haben wir vielleicht ein kleines Schild angebracht mit der Aufschrift: ‚Nicht stören'?" Diese Frage gilt auch für unsere Kirchen, für die Verantwortlichen der einzelnen Kirchstandorte.
Eine Einladung – persönlich und herzlich
Kardinal Schönborn träumt von „kleinen Gemeinschaften, die sich darum kümmern, dass die Kirche ihres Ortes geöffnet und belebt ist – und die selbst die Zeit zum Beten nutzen, die ihnen ihre Aufgabe lässt; und die im Hintergrund jenen zur Verfügung stehen, die Zuflucht, Trost und Hilfe von oben suchen."
Dieser Traum kann Wirklichkeit werden – auch hier, auch in dieser Gemeinde.
Darum die herzliche Einladung:
Zu Kommen. Einfach so. Eintreten. Verweilen.
Sich in eine der Bänke setzen, eine Kerze anzünden. Auf ein Gebet – laut oder nur im Herzen. Gott das ans Herz legen, was einen bewegt. Oder einfach in Stille,. loslassen, was einen bedrückt.
Man muss nichts mitbringen außer sich selbst. Eine offene Kirche kann mitten im Alltag zu einem Ort werden, an dem der Himmel für einen Augenblick spürbar wird.
Kardinal Schönborn ruft dazu auf: „Öffnet die Türen eurer Kirchen! Besinnt euch wieder darauf, was für einen Schatz eure Kirchen mitten unter euch bedeuten! Welch ein Trost ist es, in eine Kirche eintreten zu können, dort in Stille zu beten, sich Gott nahe zu fühlen und ihn uns nahe zu wissen!"
Das Haus ist offen. Der Hausherr ist da. Willkommen!





