Neues Fasten-„Tuch“
Fastenzeit – ein Blick in den Spiegel
„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir über die Maßen machtvoll sind. Es ist unser Licht, vor dem wir uns am meisten fürchten, nicht unsere Dunkelheit.“
(Marianne Williamson)
An diesen Gedanken musste ich denken, als ich unsere Fastentuch-Installation zum ersten Mal betrachtete. Zunächst wunderte ich mich: Warum glänzt und glitzert es ausgerechnet in der Fastenzeit so auffällig im Altarraum? In der übrigen Zeit des Jahres – sogar an Hochfesten – ist die Gestaltung meist eher schlicht. Früher wurden am Faschingsdienstag sogar die letzten Blumen verschenkt, damit in den vierzig Tagen bis Ostern nichts von der inneren Besinnung ablenkt.
Doch je länger ich die Spiegel betrachtete, desto mehr begann ich ihre Botschaft zu verstehen.
Die Fastenzeit ist traditionell eine Zeit der Innenschau. Wir denken darüber nach, wo wir im Laufe des Jahres gefehlt haben: wo wir nicht geduldig genug waren, wo Konflikte ungelöst geblieben sind, wo Nachlässigkeit oder Sturheit unseren Alltag geprägt haben. Oft verbinden wir damit auch Verzicht – weniger Alkohol, weniger Zucker, vielleicht einen Suppentag pro Woche. Weniger Überfluss, mehr Bewusstsein.
Im Evangelium des ersten Fastensonntags begegnet uns die Versuchung Jesu. Der Teufel lockt ihn mit dem Angebot: „Du könntest doch, wenn du wolltest!“ Doch Jesus bleibt ruhig und klar – und sagt NEIN! Diese Ruhe und Klarheit sind Zeichen innerer Stärke.
Auch das Kunstwerk im Altarraum wirkt auf mich so: schwer und zugleich zerbrechlich, beweglich und doch stabil. Mehrere Spiegelplatten sind miteinander verbunden, sie reflektieren das Licht und werfen es in viele Richtungen zurück. Es ist etwas Kostbares – und zugleich verletzlich.
Vielleicht erinnert uns das an Menschen, die im Blickfeld anderer stehen: an jene, die Verantwortung tragen oder sich in den Dienst anderer stellen. Wer sichtbar ist, macht sich auch angreifbar.
Die Spiegel laden uns ein, uns selbst zu betrachten. Das ist keine leichte Aufgabe. Eine solche „Innenschau durch eine Außenschau“ führt zunächst zu dem, was wir oft lieber übersehen: zu unseren Sorgen, Ängsten, Spannungen und Schwächen. Doch gerade im ehrlichen Blick – im Gespräch mit Gott – kann sich etwas anderes zeigen.
Wenn wir den Mut haben, durch all diese Schichten hindurchzugehen, entdecken wir vielleicht ein kleines Licht in uns. Ein Licht, das wachsen kann, wenn wir ihm Raum geben. Ein Licht, das schließlich von innen heraus zu leuchten beginnt und in die Welt strahlt.
Das nennen wir dann Ostern.
(Warnung – im eigenen Interesse: Diese Spiegelmeditationen könnten Nebenwirkungen haben. Im Bedarfsfall wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an einen Priester oder eine Therapeutin.)
Karin Heimerl



