Dr. Wolfgang Kimmel
Pfarrvikar
Wie ungläubig ist der „Ungläubige Thomas“?
Thomas hatte den Mund sehr voll genommen: er wollte nur glauben, wenn er seinen Finger in die Wundmale und seine Hand in die Seitenwunde des Herrn legen könne. Nun, Jesus fordert ihn auf, genau das zu tun. Und, trotz vieler bildlichen Darstellungen, auf denen Thomas das wirklich tut, berührt er den Auferstandenen nicht, sondern bekennt: „Mein Herr und mein Gott“. Darauf sagt Jesus zu ihm: „… und sei nicht ungläubig, sondern gläubig“.
Diese Formulierung findet sich in der Einheitsübersetzung genau so wie in der Lutherbibel. Die interkonfessionelle Gute Nachricht Bibel formuliert anders: „Hör auf zu zweifeln und glaube!« Eine viel leichter verständliche Formulierung!
Denn was heißt „ungläubig“? Völlig a-religiös? Heidnisch? Nicht in unserer Glaubensgemeinschaft? Misstrauisch? Ungläubig staunend?
Die lateinische Vulgata (größtenteils ein Werk der Hl. Hieronymus) wurde seit dem 7. Jahrhundert in der lateinischen Kirche allgemein gebräuchlich und blieb es über viele Jahrhunderte. Sie gibt das Wort mit „incredulus“ wieder, was im Kirchenlateinischen tatsächlich „ungläubig“ bedeutet. Aber in nicht-kirchlichen Texten ist „incredulus“ das Gegenteil von „credulus“, und das bedeutet nicht gläubig, sondern leichtgläubig oder vertrauensselig. Hieronymus drückt „gläubig“ mit einem anderen Wort aus: noli esse incredulus sed fidelis, und dieses Wort bedeutet treu, aufrichtig oder zuverlässig.
Im Englischen ist der Kontrast noch größer: umgangssprachlich wird Thomas als „doubting Thomas“ bezeichnet, der „zweifelnde Thomas“, nicht der ungläubige. Die aktuelle Standardbibel sagt: do not disbelieve, but believe. Aber die King James Bible aus dem Jahr 1611, die immer noch einflussreichste Übersetzung, sagt be not faithless but believing, und faithless heißt treulos. Schlimmer kann man einen Zweifler nicht verurteilen.
Eva R.
Hinweis: Lesungen und Evangelium finden Sie gemeinsamit mit Tagesgebet und Psamlen über https://www.vaticannews.va/de/tagesevangelium-und-tagesliturgie/2025/03/23.html