Dr. Wolfgang Kimmel
Pfarrvikar
Einladung zum Missverständnis
Evangelium: Joh 10,1-10
Das Johannesevangelium ist das jüngste der vier Evangelien, entstanden erst am Ende des 1. Jahrhunderts, vermutlich zwischen 90 und 100. Die heutige Perikope kreist um die Frage: „Wer ist Jesus?“
Seine Antwort ist das erste seiner Ich-bin-Worte: „Ich bin die Tür zu den Schafen.“ So weit, so verständlich. Doch dann folgt ein Satz, der zu Missverständnissen Anlass gibt: „Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.“
Bei einem Satz, der mit „alle“ beginnt, sollten bei uns schon die Alarmglocken läuten. Alle Ausländer, alle Jugendlichen … da folgt fast immer ein negatives Vorurteil.
Aber in der Kirchengeschichte gab es über lange Zeit die Überzeugung, dass der scharfe Dualismus des Johannes-evangliums, der sich in Begriffspaaren wie Licht - Finsternis, oben - unten, Geist - Fleisch/Welt äußert, nicht reine Rhetorik waren, sondern dass die Welt tatsächlich in zwei deutlich getrennte Hälften zerfällt: wir (die Guten) und die anderen, die man daher bekämpfen muss.
Außerdem fragt man sich, wer diese Menschen waren, die „vor ihm kamen“. Ein naheliegender Schluss wäre, es handle sich um die Vertreter des alten Bundes. Aber kann man wirklich die Vorgänger Jesu, die Propheten bis zu Johannes dem Täufer, als „Diebe und Räuber“ bezeichnen? Das wäre doch absurd und widerspricht auch Jesu Umgang mit dem Ersten Testament, das er oft und gern zitiert.
Auch die behauptete Erfolglosigkeit dieser „falschen Hirten“ ist kein Argument. Erfolg ist kein Kriterium, nach dem man die Qualität einer Idee oder einer Gruppierung beurteilen kann - Jesus war nach menschlichen Maßstäben ja auch eher „erfolglos“, und wenn man nur nach dem Erfolg geht, wären manche evangelikale Gruppen viel „besser“ als die katholische Kirche.
Eva R.
Hinweis: Lesungen und Evangelium finden Sie gemeinsamit mit Tagesgebet und Psamlen über https://www.vaticannews.va/de/tagesevangelium-und-tagesliturgie/2025/03/23.html