Kunst in der Kirche
Liebe Kirchengemeinschaft,
bis einschließlich Sonntag, den 5. Juli 2026, ist in unserer Kirche „Christus Hoffnung der Welt“ die Ausstellung POSITION + im Rahmen des UNPLATZ! Festivals 2026 zu sehen. Kuratiert von Architekt und Künstler Milan Mijalkovic und Galerie gezwanzig, und getragen von zahlreichen Künstlerinnen, Künstlern sowie Architekturstudierenden der TU Wien (Institut für Kunst und Gestaltung 1), lädt diese Ausstellung zu einem offenen, kritischen und durchaus herausfordernden Nachdenken über unsere Gegenwart ein.
Manches, was in dieser Ausstellung gezeigt wird, mag irritieren. Manches mag verstören. Vielleicht berührt es auch christliche Empfindlichkeiten. Doch gerade darin liegt eine wichtige Aufgabe von Kunst – und auch eine zutiefst christliche Dimension: nicht nur zu schmücken, nicht nur zu beruhigen, sondern aufzurütteln, sichtbar zu machen, Widerspruch zu wagen und Fragen zu stellen, denen wir im Alltag vielleicht lieber ausweichen.
Denn war Jesus Christus selbst nicht auch ein zutiefst unbequemer Geist seiner Zeit? Hat er nicht bewusst provoziert, wenn es notwendig war? Jesus hat nicht provoziert, um Menschen zu verletzen oder Aufmerksamkeit, um der Aufmerksamkeit willen zu erzeugen. Aber er hat provoziert, wenn religiöse Gewohnheit zur Selbstgerechtigkeit wurde, wenn Macht sich hinter Frömmigkeit versteckte, wenn Menschen ausgeschlossen, verurteilt oder übersehen wurden.
Er heilte am Sabbat und stellte damit ein starres Gesetzesverständnis infrage. Er setzte sich mit Zöllnern, Sündern und Ausgegrenzten an einen Tisch und stellte damit gesellschaftliche und religiöse Grenzen infrage. Er sprach mit einer Samariterin, verteidigte eine Ehebrecherin, kritisierte die Heuchelei der Frommen und warf im Tempel die Tische der Händler um. All das war nicht angepasst, nicht bequem und sicher nicht konfliktfrei. Es war provokant – aber im Dienst der Wahrheit, der Barmherzigkeit und der Umkehr.
Christentum ist daher nicht nur Trost, sondern auch Auftrag. Es darf nicht bloß bestätigen, was ohnehin alle hören wollen. Es darf fragen, widersprechen, stören und herausfordern. Ein Christentum, das nie irritiert, nie aneckt und nie gesellschaftliche Missstände benennt, läuft Gefahr, harmlos zu werden. Jesus selbst hat uns gezeigt, dass Glaube nicht Flucht aus der Welt bedeutet, sondern wache Auseinandersetzung mit ihr.
Genau hier setzt die Ausstellung POSITION + an. Werke wie das Banner „DEMOKRATISCH GEKREUZIGT“, der Barockengel mit Maschinenpistole, der fragile UN-Helm oder die Arbeit „Only Slaves Go on Vacation“ stellen keine einfachen Antworten bereit. Sie öffnen vielmehr einen Raum des Nachdenkens: über Macht und Ohnmacht, Gut und Böse, Glauben und Zweifel, Demokratie und Manipulation, Frieden und Gewalt, Freiheit und moderne Abhängigkeiten.
Gerade im Kirchenraum erhalten diese Arbeiten eine besondere Spannung. Sie treten in Dialog mit einem Ort, der Hoffnung, Gebet und Gemeinschaft bedeutet. Aber Kirche ist nicht nur ein Raum der Stille. Sie ist auch ein Raum des Gewissens. Ein Raum, in dem die Zeichen der Zeit wahrgenommen und geprüft werden dürfen. Ein Raum, in dem wir uns fragen müssen, was uns abstumpfen lässt, was uns manipuliert, was uns gleichgültig macht – und wo wir als Christinnen und Christen wieder wacher, mutiger und klarer werden müssen.
Diese Ausstellung will niemandem den Glauben nehmen. Sie will ihn herausfordern. Sie will nicht zerstören, sondern zum Denken anregen. Sie ist ein Spiegel unserer Zeit – unbequem, vielschichtig und offen. Und vielleicht liegt gerade darin ihre geistliche Kraft: dass sie uns nicht fertige Antworten vorsetzt, sondern uns zum Hinschauen zwingt.
Lassen wir uns daher nicht vorschnell von Irritation abschrecken. Lassen wir uns ein auf diesen Diskurs zwischen Kunst, Glaube, Demokratie und Zeitgeist. Denn eine lebendige Kirche darf Fragen aushalten. Ein lebendiger Glaube darf herausgefordert werden. Und ein Christentum, das sich an Jesus orientiert, darf auch heute provokant sein – dort, wo Provokation der Wahrheit, der Menschlichkeit und der Hoffnung dient.
Gerade die Offenheit der Arbeiten macht POSITION + zu einem Ort des Diskurses – für Kunstinteressierte, Gläubige, Skeptiker, politisch Interessierte und alle, die sich mit den Herausforderungen der Gegenwart beschäftigen möchten.
Besuchen Sie auch das Begleitprogramm
Im Rahmen der Ausstellung finden weitere öffentliche Veranstaltungen statt, die den Kirchenraum, die ausgestellten Werke und die darin verhandelten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven erlebbar machen.
Freitag, 19. Juni 2026, 18:00 bis 20:30 Uhr – Interventionen
Der Abend beginnt mit einem Auftritt des New Chor unter der Leitung von Pavel Naydenov – sakral und experimentell zugleich. Anschließend folgen Interventionen von Architekturstudierenden aus der Klasse von Milan Mijalkovic und Prof. Christine Hohenbüchler in und rund um die Kirche. Ein Maskendialog mit der Clownin Miriam Strasser setzt einen weiteren performativen Akzent. Einige der Masken werden den Platz und die Kirche bespielen und beleben.
Den Abschluss bildet eine Rede des Studien- und künstlerischen Leiters des Festivals, Milan Mijalkovic, zum Thema „Das Demokratenlied“. Das Stück kritisiert den Verfall gesellschaftlicher Strukturen und die Verzerrung unserer Sprache. Mit selbstgebauten Masken bewegt sich die Performance zwischen Ironie und Dringlichkeit.
Freitag, 26. Juni 2026, 18:00 bis 20:30 Uhr – Finissage des Festivals mit Performances
Die Finissage bietet ein dichtes performatives Programm mit Architekturstudierenden von Milan Mijalkovic sowie der Theater- und Performancegruppe „Die Schweigende Mehrheit – Grenze des guten Geschmacks“. Danach folgen Performances von Time Gates, der Künstlerin Elisabeth Bakambamba Tambwe, von Ksenia Nechai und Victoriia Chupachina sowie von Lucie Strecker und Arina Nekliudova mit dem „Entscheidungstanz“. Den Abschluss bildet eine Rede von Milan Mijalkovic mit dem Titel „Der Demokratenstab“.









