Saturday 28. May 2016

Eine Zeit großer Umbrüche

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium, 15. November 2015 (Mk 13,24-32)


In diesem Sommer hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr betroffen gemacht hat. Ich war zu einer Konferenz nach Kalifornien eingeladen. Zum ersten Mal flog ich mit dem riesigen zweistöckigen Airbus 380, einem technischen „Wunderwerk“. Die Flugroute ging über Grönland. Ich bin schon öfters über diese gewaltige Insel des ewigen Eises geflogen. Aber was ich diesmal sah, hat mich schockiert. Statt der gewohnten unendlichen weißen Schneedecke riesige Ströme von schmelzendem Eis. Hier eines der Fotos, die ich selber machte.

 

Niemand kann leugnen, dass die Erderwärmung hier sichtbar ist. Ist das alles nur Übertreibung, was an Warnungen ausgesprochen wird? Papst Franziskus ruft laut und deutlich zur Besinnung und Umkehr auf. Dramatisch sind seine Worte: „Die Schwester Erde schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat.“

 

Jesus spricht heute im Evangelium von der Endzeit und ihren Zeichen. Dazu gehören kosmische Katastrophen ebenso wie Kriege, Nöte, Bedrohungen aller Art: „So sollt ihr erkennen, wenn ihr alle das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht.“ Leben wir in einer Endzeit? Eines ist sicher: Es ist eine Zeit großer Umbrüche. Der Klimawandel lässt sich nicht länger leugnen. Wirtschaftlich wird es für viele enger. Die unaufhaltsamen Flüchtlingsströme wecken Sorgen, ja Ängste. Und von Kriegen hören wir tagtäglich, und deren Folgen wirken sich bis zu uns aus.

Ist Jesus deshalb ein „Unglücksprophet“? Hat er nur Warnungen zu bieten, Drohungen auszusprechen? Wer, wenn nicht er, kann gerade heute eine Botschaft der Hoffnung geben? Und was ist wichtiger als Hoffnung, begründete Hoffnung, in einer Zeit, in der so manche Hoffnung schwindet?

 

Worte der Hoffnung helfen nur, wenn sie ehrlich und glaubwürdig sind. Sonst vertrösten sie, helfen aber nicht. Jesu Hoffnungsworte sind nüchtern. Zuerst sagt er klar, dass alles auf Erden einmal ein Ende hat. Jedes Leben mündet ins Sterben. Jedes Wachstum hat Grenzen, kommt zum Stillstand und stirbt dann ab, damit Neues wachsen kann. Der Traum von unbegrenztem Wachstum ist deshalb eine Täuschung. Weder die Bäume noch die Wirtschaft können ewig weiter wachsen.

 

Jesus erinnert uns daran, dass wir an unser eigenes Ende denken sollen. Aber nicht nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut!“ Das Ende ist auch der Moment der Rechenschaft. Wie habe ich gelebt? Was hinterlasse ich denen, die nach mir kommen?

 

Ein Zweites sagt uns Jesus: „Den Tag und die Stunde kennt niemand.“ Gewiss ist, dass es ein Ende gibt. Keiner aber kann sagen, wann und wie es kommt. Das gilt für unsere eigene Todesstunde. Und ebenso für die Zukunft der Welt. Wir können sie nicht voraussagen. Wir können nur hoffen. Aber wir haben eine Zusage Jesu: „Himmel und Erde werden vergehen. Aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Bei allem Wandel bleibt etwas Sicheres. Alles kommt an ein Ende. Aber eines hat für immer Bestand: „Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Diesen Halt kann uns nichts und niemand nehmen. Mit dieser Sicherheit lässt es sich auch in Krisenzeiten leben und in Frieden sterben.

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn

Grönland:
"Ich bin schon öfters über diese gewaltige Insel des ewigen Eises geflogen. Aber was ich diesmal sah, hat mich schockiert. Statt der gewohnten unendlichen weißen Schneedecke riesige Ströme von schmelzendem Eis. Hier eines der Fotos, die ich selber machte." (Kardinal Christoph Schönborn)

Markusevangelium 13,24-32

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr all das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.


 


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