(Am Beginn der Predigt wendete sich Kardinal Schönborn an den Chor, zu dem sich extra für diesen Gottesdienst mehr als 300 Menschen aus allen Teilen der Diözese zusammengefunden haben:
Ich möchte nicht beginnen, ohne einen Applaus für den größten Kirchenchor, den ich je in St.Stephan erlebt habe. Die ganze Diözese ein Chor, um Gott zu loben: ein wunderbares Symbol für den Weg unserer Diözese!
Und zu den Menschen, die das Evangeliar – einer dem anderen – weitergereicht haben, vom Altarraum bis zu einem Ambo in der Mitte des Doms:
Danke auch Ihnen, Euch allen, die jetzt das Evangelium weitergegeben haben, von Hand zu Hand. So geht es, so einfach - aber immer nur von Person zu Person. So geht das Evangelium weiter durch die Jahrhunderte.)
Die Predigt nimmt Bezug auf die Tageslesung, Buch Sacharja 2,5-9.14-15a.: Ich blickte hin und sah: Da war ein Mann mit einer Messschnur in der Hand. Ich fragte: Wohin gehst du? Er antwortete mir: Ich gehe, um Jerusalem auszumessen und zu sehen, wie breit und wie lang es sein wird. Da trat der Engel, der mit mir redete, vor und ein anderer Engel kam ihm entgegen und sagte zu ihm: Lauf und sag dem jungen Mann dort: Jerusalem wird eine offene Stadt sein wegen der vielen Menschen und Tiere, die darin wohnen. Ich selbst - Spruch des Herrn - werde für die Stadt ringsum eine Mauer von Feuer sein und in ihrem Innern ihr Ruhm und ihre Ehre. Juble und freue dich, Tochter Zion; denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte - Spruch des Herrn. An jenem Tag werden sich viele Völker dem Herrn anschließen und sie werden mein Volk sein und ich werde in deiner Mitte wohnen. Dann wirst du erkennen, dass der Herr der Heere mich zu dir gesandt hat.
Liebe Schwestern und Brüder!
„Wohin gehst Du?... Ich gehe, um Jerusalem auszumessen und um zu sehen, wie breit und wie lang es ist.“ Das heißt doch: um zu sehen, wie viel Platz da ist in Jerusalem. Aber warum wollte dieser Engel, dieser Bote Gottes, wissen, wieviel Platz in Jerusalem ist? Warum hat er es ausgemessen? Nach dem Exil war Jerusalem arm und schäbig. Die Heimkehrer hatten die Stadt dürftig, notdürftig wieder aufgebaut. Der Tempel war armselig, nicht zu vergleichen mit der Pracht des Tempel Salomons. Gestern haben wir in der Lesung aus dem Buch des Propheten Haggai gehört (Hag 2,3), wie dort die Frage gestellt wurde: „Ist unter euch noch einer übrig, der diesen Tempel in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und was seht ihr jetzt? Erscheint er euch nicht wie ein Nichts?“
Diese Frage bewegt mich. Wie war die Kirche früher, wie ist sie jetzt? Manche erinnern sich an frühere Herrlichkeit. In den 70 Jahren meines Pilgerwegs ist sie schon recht armselig geworden. Volle Kirchen wie in meiner Jugend sind selten geworden – es gibt schöne Ausnahmen, wie heute. Jedes Jahr in meiner Amtszeit sind über ein Prozent der Katholiken unserer Diözese ausgetreten, zumindest beim Magistrat – also in 20 Jahren mehr als 20 Prozent weniger! Wenn ich das in einem Wirtschaftsbetrieb in eine Leistungsbilanz schreibe, dann ist das sofort meine Entlassung. Ein ziemliches Verlustgeschäft. Gewiss: Durch Zuzug von Katholiken aus anderen Ländern ist die Zahl ein wenig abgemildert worden. Aber wir sind kleiner geworden, an Maßen und Zahlen sind wir geschrumpft. Und, Brüder und Schwestern, seien wir ehrlich: Die Pfarre Neu, die uns so beschäftigt in den letzten und den kommenden Jahren, hat schon auch damit zu tun.
In diesem Moment kommt ein anderer Engel und sagt zu dem einen: „Lauf schnell, und sag dem jungen Mann“ – es gibt auch junge Propheten, offensichtlich ist Sacharia ein junger Mann, ein junger Prophet – „sag dem jungen Mann dort: Jerusalem wird eine offene Stadt sein, wegen der vielen Menschen und Tiere, die darin wohnen“. Das heißt doch: Es wird Platz sein für viele in dieser Stadt, die so schäbig und armselig scheint. Offen wird sie sein, sie braucht keine Schutzmauern mehr, auch keine Zäune. Der Herr selber wird rings um sie eine Mauer aus Feuer sein, denn er selbst wird in ihrer Mitte wohnen. Er wird unter uns wohnen. Und der Engel hatte den Auftrag zu schauen, ob dieser neue Wohnplatz für den Herrn passend ist. Ausmessen, wie die Wohnung dem Herrn passt.
Mich hat dieses Bild sehr bewegt: Ein Engel kommt und misst die Maße unserer Diözese, um zu schauen, wieviel Platz da ist. Menschlich gesehen ist ja alles im Schrumpfen. Viel Platz ist da nicht –oder umgekehrt könnte man sagen: Es ist sehr viel Platz geworden, weil wir weniger geworden sind. Ist da viel Zukunft? Aber da kommt dieser andere Engel und sagt: Hört doch auf mit der Messerei! Mit euren Statistiken und euren Zahlen! Und euren Bilanzen! Lasst die Schrumpfpläne! Jerusalem, die Kirche, ihr als Gemeinden, ihr werdet eine offene Stadt sein wegen der vielen Menschen – und sogar wegen der vielen Tiere, was immer das für uns bedeutet, die Katzen, Hunde, Kanarienvögel und sonstige… Alle werden sie darin wohnen, und ich selber – sagt der Herr - werde in eurer Mitte sein. Das hebräische Wort für „eure Mitte“ ist das Wort: „Mutterschoß“: Ich werde in eurer Mitte wohnen wie ein Kind im Schoß seiner Mutter.
Brüder und Schwestern! Wir stehen in einer ernsten, spannenden Stunde. Wir haben uns vorgenommen: Mission first. Oder sagen wir ehrlicherweise: Ich habe es euch vorgeschlagen. Mission first! Mission an erster Stelle! Und dazu brauchen wir Jüngerschaftsschulen, das heißt: bei Jesus neu in die Schule gehen, in die Lebensschule. Wir haben viel darüber gesprochen, beraten, was wird das bedeuten, was heißt das, Ideen dazu gesammelt – und plötzlich sind wir ganz hart und real mit einer neuen Realität konfrontiert, die wir nicht erwartet haben, obwohl viele gesagt haben: Das wird kommen.
Unsere Stadt, unser Land, unser Europa ist Ziel von vielen Zigtausenden, die Schutz, Hilfe, bessere Zukunft, ein neues Zuhause suchen. Ja, der Prophet hat gesagt: Völker strömen herbei. So haben wir es nicht erwartet. Völker werden sich dem Herrn anschließen, sagt der Prophet. Werden Sie sich uns anschließen? Werden sie Christen sein? Oder wird der Herr, dem sie sich anschließen, der sein, der im Islam verehrt wird? Wird es umgekehrt so sein, dass wir dem Islam untergeordnet werden? Das ist die Angst, die umgeht, und in zahlreichen E-Mails, Postings, Briefen kommt mir diese Angst wie eine Welle entgegen. Wie damit umgehen? Wie sollen wir Brüder und Schwestern als Christen damit umgehen, als Diözese, als Kirche?
Ich habe mich gefragt: Muss ich davon bei meinem Jubiläum sprechen? Es gäbe doch viel anderes zu bedanken und auch zu bedenken. Aber gestern Abend stand mir im Gebet ganz stark und klar ein Bild vor Augen, ein inneres Bild vor den Augen des Herzens. Du bist der Hirt! Tröste mein Volk! Sprich ihm zu Herzen! Fürchte Dich nicht, hab Mut und schweige nicht!
Brüder und Schwestern: Ich weiß, der Herr ist unser Hirt, auch meiner. Aber vor 20 Jahren hat er in schwieriger Stunde mich mit dem Hirtendienst für diese Ortskirche betraut. Und wir durften gemeinsam einen schwierigen, aber auch einen schönen Weg gehen, mit schmerzlichen Konflikten und mit einem gesegneten Miteinander. Ich habe viel gelernt, ich habe nicht wenige Fehler gemacht, für die ich Euch und alle Betroffenen um Verzeihung bitte. Trotzdem ist doch sehr viel Schönes und Segensreiches geschehen und gewachsen. Aber heute müssen wir uns der Dringlichkeit dieser Wirklichkeit stellen: Was zurzeit geschieht, ist das Anzeichen eines Epochenwandels. Und wir haben die feste Zusage: Der Herr ist in unserer Mitte. Aber wir müssen die Wirklichkeit als Zeichen der Zeit lesen. So wie damals das jüdische Volk gelernt hat, die Zeichen seiner Zeit zu verstehen, das Drama von Exil, Vertreibung, Flucht und Heimkehr.
Lassen Sie mich einfach in drei Punkten – den üblichen drei Punkten – vorbringen, was ich Euch als Hirtenwort sagen muss, nicht von oben herab, sondern mitten unter Euch auf dem gemeinsamen Weg im gemeinsamen Schauen auf den Herrn.
1.
Die Flüchtlingsfrage ist nicht zuerst eine Frage von Statistiken. Sie ist auch, aber nicht zuerst eine Frage der Politik. Sie ist auch, aber nicht zuerst eine Frage der Wirtschaft. Sie ist auch, aber auch nicht zuerst eine Frage der Kriege und der Waffenhändler, „deren Geld von Blut trieft“, wie Papst Franziskus in Washington gesagt hat. Nein, es ist zuerst einfach eine Frage des Menschen. Es geht um Menschen! Auf Jiddisch sagt man: E Mensch is e Mensch.
Alles entscheidet sich daran, ob wir die persönliche Begegnung wagen oder ob wir ihr ausweichen. Ist das ein Fremder, ein Moslem, ein Anderer – oder ist er ein Mensch? Und wir alle wissen, wie beglückend es ist, einander einfach zu begegnen, als Menschen.
2.
Christsein ist nicht romantisch. Es ist sehr konkret. Jesus hat es so einfach gesagt, wie es nur irgendwie sein kann: Ich war nackt, und du hast mich bekleidet. Ich war hungrig, und du hast mir zu essen gegeben. Ich war fremd und obdachlos, und du hast mich beherbergt. Ich war gefangen, du hast mich besucht. Ich war krank, und du hast mich gepflegt.
Nächstenliebe ist kein Allerweltsgeschehen. Sie ist ganz handfest, praktisch, aufmerksam. Meine Sekretärin wird es mir verzeihen, wenn ich sie als eines unter hunderten Beispielen nenne: Sie ist einfach hinübergegangen zum großen Flüchtlingsquartier hier am Stephansplatz und hat von den Flüchtlingen Wäsche geholt und sie gewaschen. So einfach! Ich selber bin nicht auf diese Idee gekommen.
Christsein ist nicht romantisch. Es ist ganz praktisch und konkret.
Danke allen, die einfach und unromantisch helfen! Viele sind sogenannte Fernstehende, aber sie stehen Jesus nahe, auch wenn sie es nicht wissen – weil sie einfach da sind und helfen.
Und in diesen Dank packe ich jetzt einfach in ein großes Paket den Dank an Sie alle, an Euch alle, Brüder und Schwestern in der Diözese und weit darüber hinaus – für die vielfältige, großartige, manchmal – auch wegen mir – mühsame Zusammenarbeit. Ich nenne niemanden einzelnen, nicht einmal meinen Generalvikar und seine Vorgänger. Ich nenne einfach Euch alle, in großer, herzlicher Dankbarkeit.
3.
Und damit bin ich endlich beim dritten und wirklich letzten Punkt: Was wird aus uns? Was wird aus dem Christentum? Was wird aus unserer Kultur, was wird aus Europa?
Brüder und Schwestern: Es ist schon anders. Es ist schon sehr anders, und es wird sich noch viel verändern. Es wird nicht nur wirtschaftlich enger, es wird kulturell-religiös vielfältiger. Es wird pluraler. Und gewiss: Die goldenen oder fetten Jahre sind vorbei. Aber nicht vorbei ist das spannende Abenteuer, mit dem Herrn auf dem Weg zu sein.
Gestern hieß es in der Lesung aus Haggai: „Aber nun fasst Mut! Fasse Mut alles Volk des Landes, spricht der Herr, und geht ans Werk!“ (Hag 2,4) Brüder und Schwestern: Wir werden die Herrlichkeit des Herrn sehen! Nicht die grandiose Glorie einer mächtigen Kirche, aber die Freude, einfach mit ihm, mit Jesus dem Herrn, mit dem Vater im heiligen Geist, auf dem Weg zu sein.
Das wird unsere Freude, unsere Ehre, unsere Herrlichkeit sein.
Und jetzt gehen wir ans Werk! Amen.