Dienstag 20. November 2018
Katechesen von Kardinal Christoph Schönborn

"Ich aber sage Euch …" Die Bergpredigt als Lebensschule Jesu

Wortlaut der 4. Katechese 2012 von Kardinal Dr. Christoph Schönborn am 8. Jänner 2012 im Wiener Stephansdom.

Lasset uns beten! Komm Heiliger Geist, Geist der Wahrheit und der Liebe! Erleuchte unseren Verstand, stärke unseren Willen, wohne in unserem Gedächtnis, führe uns in alle Wahrheit, die da ist Christus, unser Herr. Amen.

 

Es war im Jahr 391, als ein damals schon weithin bekannter Rhetor, Augustinus (†430), in der Hafenstadt Hippo (Nordafrika) zu Besuch war. Bischof Valerius war alt, kränklich und wünschte sich einen Helfer, einen Priester, der ihm beisteht. Da er hörte, dass der berühmte Augustinus in der Kirche war, beschloss er kurzerhand, ihm die Hände aufzulegen. Das Volk war begeistert und drängte Augustinus nach vorne. Er hatte keine Chance, sich dieser Begeisterung zu entziehen. So war er plötzlich Priester und sollte dem kränklichen Bischof helfen, indem er den Predigtdienst übernahm. – Solche Priesterweihen haben wir heute nicht mehr. Es war in der alten Kirche durchaus nicht unüblich, dass jemand kurzerhand die Hände aufgelegt wurden, wenn die Leute sich ihn dringend als Priester gewünscht haben.

Augustinus merkte, dass er für seine neue Aufgabe zu wenig vorbereitet war und erbat von seinem Bischof dafür einige Monate Zeit. Er schreibt in einem Brief: "Seelisch bin ich noch kraftlos. Was ich brauche, sind die Arzneien der Heiligen Schrift. Diese muss ich notwendig studieren, bis jetzt hatte ich keine Zeit dazu. Ich weiß jetzt aus erster Hand, was ein Mann benötigt, der den Dienst des Sakramentes und des Wortes Gottes verwaltet. Darf ich nicht zu erlangen versuchen, was ich noch nicht besitze?" (Ep. 21,3, Zit. Nach F. van der Meer, Augustinus der Seelsorger. Leben und Wirken eines Kirchenvaters, Köln 1958, S. 27). Augustinus zieht sich also zurück und nutzt die Zeit, um intensiv die Heilige Schrift zu studieren. Das hieß damals, sie weitgehend auswendig zu lernen. Es war bis in die Neuzeit durchaus keine Seltenheit, dass man die Heilige Schrift weitgehend auswendig konnte, so wie es heute noch viele Menschen gibt, die den Koran auswendig können, schon Kinder, die ganz stolz vorgeführt werden. Das Christentum kannte diese Tradition ebenso wie das Judentum.

Dann trat Augustinus seinen Predigtdienst an und hielt seine erste Predigtreihe über die Bergpredigt. (Es gibt eine deutsche Übersetzung dieser Predigten: Aurelius Augustinus, Die Bergpredigt, Ausgewählt und Übertragen von Susanne Greiner, Christliche Meister 54, Freiburg/Br. 2006). Einleitend sagt er: "Diese Predigt hielt unser Herr Jesus Christus auf einem Berg, wie wir im Matthäusevangelium lesen. Wer sie ehrfürchtig und nüchtern liest, wird in ihr, so glaube ich, die vollkommene Weise des christlichen Lebens (perfectum vitae christianae modum) finden, hinsichtlich dem, was zu den besten Sitten gehört (ad mores optimos pertinet)" (I,1, eigene Übersetzung). Man lernt also in der Bergpredigt das vollkommene christliche Leben.

Augustinus glaubte offensichtlich, dass er seinen großteils sehr einfachen Pfarrkindern in dieser Hafenstadt die Bergpredigt auch zumuten konnte. "Für Augustinus und die frühe Kirche richtet sich die Bergpredigt an das ganze Volk und damit an alle Christen" (S. Greiner in: Die Bergpredigt, S. 12, Anm. 10). Ist das wirklich so? Ist die Bergpredigt die Charta des christlichen Lebens und damit die Charta der Lebensschule Jesu? Zeigt sie den Weg, wie Jüngerschaft zu leben ist? Augustinus ist überzeugt, dass nirgendwo so deutlich das Fundament des christlichen Lebens gezeigt wird, wie in der Bergpredigt. Dass gerade hier die vollkommene Weise des christlichen Lebens vorliegt, schließt Augustinus aus den Worten Jesu, mit denen die Bergpredigt schließt: "Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut" (Mt 7,24-25). Jesus sagt ganz präzis: diese meine Worte! Für Augustinus liegt in den Worten der Bergpredigt und in ihrer Befolgung der Felsengrund, auf den das Haus des christlichen Lebens solid gebaut werden kann. Er sagt in der ersten Predigt: "Diese auf dem Berg gesprochenen Worte sollen das Leben all der Menschen, die sie befolgen wollen, so vollkommen prägen, dass sie zurecht mit einem, der auf Fels baut, verglichen werden können" (I,1). Die Bergpredigt ist also die Charta des christlichen Lebens.

Kann man an der Befolgung der Bergpredigt gewissermaßen messen, wie weit man in der Jüngerschaftsschule Jesu gekommen ist? Ich komme hier noch einmal auf die Frage zurück, die ich in der zweiten Katechese gestellt habe: Ist die Bergpredigt die Charta des christlichen Lebens oder ist sie der Ausdruck einer besonders radikalen Form? Ist die Bergpredigt Jesu eine Sondermoral für Elitechristen oder spricht sie alle Christen an, vielleicht sogar alle Menschen?

I. An wen richtet sich die Bergpredigt?

Ich setze eine ungefähre Kenntnis der Bergpredigt voraus. Sie umfasst drei Kapitel im  Matthäusevangeliums (5-7), beginnend mit den Seligpreisungen, dann folgen die sogenannten Antinomien – "den Alten ist gesagt worden, ich aber sage euch" –, danach Belehrungen über das Beten, Fasten und Almosengeben, das wir im Verborgenen tun sollen, damit es nur unser Vater im Himmel sieht und schließlich die großen Hinweise auf das Vertrauen in die Vorsehung Gottes: "Macht euch keine Sorgen"!

An wen richtet sich also die Bergpredigt? Am Beginn heißt es: "Als Jesus die Volksscharen sah, stieg er auf einen Berg und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm und er öffnete seinen Mund und lehrte sie"(Mt 5,1-2 wörtl.). Haben die Tausenden Menschen ihn nicht gehört, hat er nicht zu ihnen gesprochen? Jesus sieht die vielen Menschen, richtet sein Wort aber an die Jünger. Ist die Bergpredigt Jüngerbelehrung oder Volksbelehrung?

Ein anderer großer Prediger der frühen Kirche, der heilige Johannes Chrysostomos (†407), schreibt in seinen Predigten zum Matthäusevangelium zu dieser Stelle: "Seine Jünger traten zu ihm und er lehrte sie. Auf die Weise werden auch die übrigen weit mehr zur Aufmerksamkeit angeregt, als wenn er seine Rede auf alle ausgedehnt hätte" (Ds hl. Johannes Chrysostomus Homelien über das Evangelium des hl. Matthäus. Bd. I. Üs. Max Herzog von Sachsen, Regensburg 1910, S. 214). Vielleicht war es für Chrysostomos ein rhetorischer Trick, er redet zu einigen, unmittelbar um ihn, die anderen werden neugierig und hören umso genauer hin, was er diesen da sagt.

Papst Benedikt vertieft das in seinem Buch "Jesus von Nazareth": "Jesus setzt sich – Ausdruck der Vollmacht des Lehrenden. Er nimmt auf der ‚Kathedra‘ [dem Lehrstuhl] des Berges Platz." Jesus sitzt auf der Kathedra als Lehrer Israels und als Lehrer der Menschen überhaupt. "Denn", sagt der Papst, "mit dem Wort ‚Jünger‘ grenzt Matthäus den Kreis der Adressaten dieser Rede nicht ein, sondern weitet ihn aus. Jeder, der hört und das Wort annimmt, kann ein ‚Jünger‘ werden. Auf das Hören und Nachfolgen kommt es in Zukunft an, nicht auf die Abstammung. Jüngerschaft ist jedem möglich, Berufung für alle: So bildet sich vom Hören her ein umfassenderes Israel – ein erneuertes Israel, das das alte nicht ausschließt oder aufhebt, aber überschreitet ins Universale hinein" (Bd. 1, Freiburg/Br. 2007, S. 95). Alle können Hörer der Bergpredigt werden, und alle können deshalb Jünger werden. "Beides gilt: Die Bergpredigt ist in die Weite der Welt, Gegenwart und Zukunft hinein gerichtet, aber sie verlangt doch Jüngerschaft und kann nur in der Nachfolge Jesu im Mitgehen mit ihm verstanden und gelebt werden" (a.a.O. S. 98).

Die Bergpredigt richtet sich an alle Menschen aller Zeiten, aber unter der Voraussetzung der Jüngerschaft. Ich erinnere noch einmal kurz an die großen Themen der Bergpredigt: Sie beginnt mit den acht Seligpreisungen, der unerschöpflichen Charta der Jüngerschaft. Dann folgen zwei Bildworte, mit denen Jesus die Mission der Jünger beleuchtet: "Ihr seid das Salz der Erde…" "Ihr seid das Licht der Welt…" (vgl. Mt 5,13-14). Salz und Licht spricht eher eine Minderheitssituation an. Salz ist ja normalerweise nur in Prisen in der Speise, es ist nicht die Speise selbst. Licht erleuchtet den Raum, aber es ist nicht der ganze Raum. Hier ist also ein Kontrast zwischen "Euch" und "der Erde", "der Welt", zwischen den Jüngern und der Welt. Diese Spannung besteht auch in den sogenannten "Antinomien" der Tora: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten… Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein …" Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen …" (Mt 5,21-22.27-28).

An wen richten sich diese Antinomien, diese Radikalisierungen der Gebote? Kommt darin eine Elitemoral gegenüber der allgemeinen Norm zum Ausdruck, ein Ideal, das so hoch ist, dass man eher entmutigt ist? An wen richtet sich Jesus, wenn er am Anfang des 6. Kapitels sagt: "Achtet darauf, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden"(Mt 6,1)? Das Almosengeben, das Beten und Fasten, also die klassischen Frömmigkeitsformen auch im Judentum, sollen im Verborgenen gelebt werden, nicht als Show, nicht um von allen gesehen zu werden, sondern nur vor dem himmlischen Vater, der sie auch belohnen wird. Dann folgen die Hinweise auf den himmlischen Vater, dem wir vertrauen sollen: Macht euch keine Sorgen, schaut auf die Lilien des Feldes, die Vögel des Himmels, sie säen nicht, sie ernten nicht, und doch ernährt sie euer himmlischer Vater (Mt 6,25-26). Deshalb sollen wir vertrauensvoll bitten, sollen uns seinem Willen überlassen. Das ist der Weg, den Jesus in der Bergpredigt weist. Ganz am Schluss noch einmal: "Wer diese meine Worte hört, befolgt, der hat auf Fels gebaut".

II. Die Tora des Messias

Die Bergpredigt sind die Worte Jesu. Es ist nicht irgendein Diskussionsbeitrag zur Ethikdebatte, sondern Jesu ausdrückliches Wort: "Als Jesus diese Worte beendet hatte, waren die Volksscharen ganz betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat und nicht wie ihre Schriftgelehrten (Mt 7,28-29). , Seine Worte sind nicht vergleichbar mit Schul- oder Theologendiskussionen, sondern nur mit dem Wort Gottes selbst. So wie Gott am Sinai zu Mose gesprochen hat, so spricht jetzt Jesus zu den Jüngern. Man nennt die Bergpredigt deshalb die Tora des Messias: die Tora des Mose auf dem Berg Sinai, die Tora des Messias, des Christus auf dem Berg der Seligpreisungen. Im Weihnachtsevangelium, am Ende des Johannesprologs heißt es: "Das Gesetz wurde durch Mose gegeben worden, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus" (Joh 1,17). Der Bezug zwischen den beiden Bergen ist oft gezeigt worden: der Berg Sinai, auf dem Mose das Wort Gottes, die Tora, empfangen hat und der Berg der Seligpreisungen, wo Christus Jesus die Tora des Messias gegeben hat. Am Sinai spricht Gott zu Mose "von Angesicht zu Angesicht", wie es im Buch Deuteronomium heißt (Dtn 34,10), wie sonst noch nie mit einem Menschen, "wie der Freund mit dem Freund", so heißt es auch schon im Exodus (Ex 33,11; vgl. Joseph Ratzinger/Benedikt XVI, Jesus von Nazareth 1, S. 28). Mose empfängt unmittelbar von Gott die Weisung, die Tora. "Nur von dort her konnte das Gesetz kommen, das Israel den Weg durch die Geschichte weisen sollte" (a.a.O. S. 29). Mose verkündet die Verheißung am Ende seines Lebens: "Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern erstehen lassen, auf ihn sollt ihr hören" (Dtn 18,15).

Dieser verheißene Prophet ist Jesus. "In Jesus", sagt Papst Benedikt, "ist die Verheißung des Propheten erfüllt. Bei ihm ist nun vollends verwirklicht, was von Mose nur gebrochen galt: Er lebt vor dem Angesicht Gottes, nicht nur als Freund, sondern als Sohn; er lebt in innigster Einheit mit dem Vater" (a.a.O. S. 31). Die Lehre Jesu, die Bergpredigt, kommt nicht aus menschlichem Studium, sondern aus der unmittelbaren Berührung Jesu mit dem Vater, gewissermaßen aus dem Dialog von Gesicht zu Gesicht, aus dem Sehen dessen, der an der Brust des Vaters ruht (vgl. Joh 1,18). Das Wort Jesu ist als Sohneswort wirklich Gottes Wort. Wären die Worte der Bergpredigt einfach ein Diskussionsbeitrag zur Ethikdebatte des Judentums damals oder heute, dann wäre der Anspruch, unter dem sie stehen, völlig überzogen. Kein Ethiker, kein Philosoph dürfte mit einem solchen Anspruch auftreten: "Ich aber sage euch!"

Spätestens hier muss ich auf eine Debatte eingehen, die mich selber sehr bewegt hat und die Joseph Ratzinger bewogen hat, sein Buch über Jesus zu schreiben. Ein amerikanischer Rabbiner, ein großer jüdischer Gelehrten, Jacob Neusner, der die unglaubliche Leistung von mehreren hundert Büchern hervorgebracht hat, hat das spannende und hochinteressante Buch geschrieben: "Ein Rabbi spricht mit Jesus" (2. Auflage, Freiburg/Br. 2007; orig.: "A Rabbi Talks with Jesus. An Intermillennial Interfaith Exchange", New York, 1993). Er bat Joseph Ratzinger dieses Buch zu lesen und einen Kommentar zu geben. Kardinal Ratzinger sagte, das ist "das bei weitem wichtigste Buch für den jüdisch-christlichen Dialog seit langem". Eigentlich, sagt er, hat ihn dieses Buch angeregt, sein Jesus-Buch zu schreiben. Rabbi Neusner erklärt in seinem Buch, "warum ich mich dem Kreis der Jünger Jesu nicht angeschlossen hätte, wenn ich im ersten Jahrhundert im Land Israel gelebt hätte". Und er sagt: "Ich hätte meine Ansicht, hoffentlich höflich, auf jeden Fall mit Argumenten und Fakten vernünftig begründet, dargelegt, wenn ich seine Bergpredigt gehört hätte, wäre ich ihm aus guten und wichtigen Gründen nicht nachgefolgt" (S. 7).

Warum wäre er damals nicht Jünger Jesu geworden, ist es auch heute nicht geworden und hat doch vor Jesus eine ganz große Hochachtung? Das ist das Besondere, Spannende und Bewegende an diesem Buch. Papst Benedikt XVI. hat darauf zu antworten versucht, ebenso mit Argumenten und Fakten vernünftig begründet. Daraus ist ein großes Gespräch geworden, das weit über die gegenseitigen Höflichkeiten so manches ökumenischen Dialogs hinausgeht. Hier geht es um den ganzen Ernst der Frage, die Neusner ganz entschieden und klar stellt, ob die Tora des Mose wirklich einer Reform bedurfte. Jesus, so sagt Neusner, "erhob den Anspruch zu reformieren und zu verbessern: ‚Ihr habt gehört, dass … gesagt worden ist: … Ich aber sage euch…‘ Wir behaupten, – und darüber streite ich auch –, dass die Tora vollkommen war und ist und nicht verbessert werden kann und dass die jüdische Religion … in Vergangenheit und Gegenwart Gottes Wille für die Menschheit war und ist. Auf dieser Grundlage will ich aus jüdischer Sicht einigen wichtigen Lehren Jesu widersprechen" (a.a.O., S. 8).

Rabbi Neusner redet nicht einfach "ex auctoritate", weil das in der Bibel so geschrieben steht, sondern er argumentiert. Er argumentiert auch, dass die Wege der Bergpredigt Jesu in ihren sozialen und praktischen Konsequenzen problematisch sind. Genau diese Herausforderung hat Papst Benedikt herausgegriffen: Ist die Bergpredigt wirklich lebbar? Ist sie nicht ein unlebbares Ideal, das wegen seiner Höhe mehr entmutigt, als ermutigt? Fördert es nicht gerade wegen seiner Höhe jene Heuchelei, die Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten so oft vorgeworfen hat und die ja auch unter Christen durchaus ihre Blüten treibt? Rabbi Neusner hat sich ehrlich und klar entschieden, dass er dem Rabbi Jesus von Nazaret nicht nachfolgt und nicht sein Jünger wird.

Eine der eindrucksvollsten Szenen im Buch macht das deutlich. Rabbi Neusner mischt sich unter die Hörer Jesu. – In der biblischen Sicht sind wir ja Zeitgenossen und können sozusagen in der Gleichzeitigkeit der biblischen Ereignisse dabei sein. – Er nimmt die Gelegenheit wahr, den Rabbi Jesus selber anzusprechen, ihn ins Gespräch zu verwickeln, ihm Fragen zu stellen. Er begegnet dabei dem reichen Jüngling, sehr schön hinein verwoben, er hört und erlebt das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling. Am Abend dieses Tages verabschiedet er sich von Jesus: "Als Freunde gehen wir auseinander, ohne Wenn und Aber als Freunde" (a.a.O., S. 112). Das ist das Große an diesem Buch, das hält er aufrecht: in Verehrung und Freundschaft, und doch in einem klaren Nein. Rabbi Neusner zieht sich dann zurück, ich stelle mir vor ins Städtchen Chorazin, um alleine zu sein, um über das Gehörte nachzudenken im Gebet, im Torastudium, um die jüdische Gemeinde zu treffen und mit dem dortigen Rabbiner das Ganze zu besprechen. In dieser schön erdachten Szene fragt der Rabbiner, was er denn gelehrt hat, der Rabbi Jesus. Stimmt das überein mit dem, was die Rabbiner lehren? Rabbi Neusner schreibt weiter: "Ich: ‚Nicht genau, aber ungefähr‘. Er: ‚Hat er etwas weggelassen?‘ Ich: ‚Nichts‘. Er: ‚Was hat er dann hinzugefügt?‘ Ich: ‚Sich selbst‘ " (S. 114). Joseph Ratzinger schreibt dazu: "Dies ist der zentrale Punkt des Erschreckens vor Jesu Botschaft für den gläubigen Juden Neusner, und dies ist der zentrale Grund, warum er Jesus nicht folgen will, sondern beim ‚ewigen Israel‘ bleibt: Die Zentralität des Ich Jesu in seiner Botschaft, die allem eine neue Richtung gibt. Neusner zitiert an dieser Stelle als Beleg für diese ‚Hinzufügung‘ das Wort Jesu an den reichen jungen Mann: ‚Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz, komm und folge mir‘ (vgl. Mt 19,20). Die Vollkommenheit, das von der Tora verlangte Heiligsein, wie Gott heilig ist (Lev 19,2; 11,44), besteht jetzt darin, Jesus nachzufolgen" (Jesus von Nazareth S. 136f). Das ist der Punkt, wo Rabbi Neusner klar sagt, er werde Jesus nicht nachfolgen, ohne seinen Respekt vor ihm aufzugeben. Ja, sie gehen als Freunde auseinander.

III. Jesus ist selber die Tora

Zwi Werblowski, Professor der Hebräischen Universität in Jerusalem, hat vor vielen Jahren in Fribourg an der Universität einen Vortrag gehalten und das jüdisch-christliche Verhältnis auf eine Kurzformel gebracht: "Was für uns die Tora ist, ist für Euch Christus!" Ja, für uns Christen ist Jesus Christus die Verkörperung des Willens Gottes, die lebendige Norm. Er ist das Gesetz Gottes in Person und auch die Bergpredigt in Person. Er spricht von sich in der Bergpredigt, macht sie gewissermaßen an sich selbst anschaulich. Für das, was gemeint ist, kann man an ihm Maß nehmen. Aber bleibt dann nicht doch wieder die Gefahr, dass ein unlebbar hohes Ideal entsteht, das im Alltag nicht durchgehalten werden kann? Oder liegt die Bergpredigt auf einer anderen Ebene, als das praktische Alltagsleben?

Die Seligpreisungen können nicht zum Staatsgrundgesetz werden. Die Seligpreisung der Armen kann nicht die Basis für die Sozialgesetzgebung sein. Stellen Sie sich vor, unser Finanzminister könnte sagen: Selig die Armen! "Widersteht nicht dem Bösen", sagt Jesus in der Bergpredigt. Der Verzicht auf Widerstand gegen das Böse, das uns getan wird, kann nicht die Grundlage des Strafgesetzbuches sein. Aber andererseits müssen wir auch sagen, es wäre völlig einseitig zu behaupten, die Sozialgesetzgebung würde genügen, um ein soziales Klima in unserem Land zu haben, um solidarisch und mitmenschlich zu sein. Ebenso wäre es zu kurz gegriffen, alle Lösungen zwischenmenschlicher Konflikte auf das Strafgesetzbuch zu reduzieren. Da braucht es auch anderes. Dieses "Mehr" als das Verbotene oder Gebotene ist genau das Thema der Bergpredigt.

Ich möchte das im Schlussteil an drei ausgewählten Beispielen verdeutlichen. Natürlich können wir nicht die ganze Bergpredigt behandeln, da bräuchten wir eine ganze Katechesenreihe dazu. Ich möchte ganz kurz auf die Seligpreisungen selber blicken, dann ein Wort zum Thema Feindesliebe, – ein Schlüssel der Bergpredigt –, und drittens ein Wort zum Gedanken des Vertrauens in die Vorsehung: Macht euch keine Sorgen!

Zu den Seligpreisungen darf ich ermutigen, im Jesus-Buch des Heiligen Vaters das großartige Kapitel über die Seligpreisungen zu lesen (a.a.O. S. 100-130). Das ist eines der Meisterstücke der Schriftauslegung. Die acht Seligpreisungen der Bergpredigt sind Verheißungen in eine bedrängte Situation hinein. Wir kennen alle bedrängte Situationen. Die Seligpreisungen der Bergpredigt sehen sie nicht sozusagen aus der Perspektive der Bedrängnis, sondern aus der Perspektive des Vaters, von Gott her. Alle acht Formulierungen sind Verheißungen in der Form des sogenannten passivum divinum, der göttlichen Passivform. Aus Ehrfurcht vor dem Gottesnamen werden die Zusagen passiv formuliert: "Selig die Trauernden, sie werden getröstet werden. Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben" (Mt 5,4-5) etc. Damit soll in diskreter jüdischer Weise ausgedrückt werden: Gott wird sie trösten, Gott wird ihnen das Land geben, Gott wird sie zu seinen Söhnen machen. Papst Benedikt sagt dazu: "Wenn der Mensch anfängt, von Gott her zu sehen und zu leben, wenn er in der Weggemeinschaft mit Jesus steht, dann lebt er von neuen Maßstäben her, und dann wird etwas … vom Kommenden schon jetzt präsent. Von Jesus her kommt Freude in die Drangsal" (a.a.O. S. 101). Das ist der Kern der Seligpreisungen, christliche Erfahrung von Anfang an: Mitten in der Bedrängnis eine unbeschreibliche Freude (vgl. 2 Kor 6,8-10; 4,8-10, 1 Kor 4,9-13), nicht erst im Himmel – dort vollkommen – aber jetzt schon, sodass Paulus mitten in seinen Bedrängnissen wirklich Zeuge der Freude sein kann. Die Seligpreisungen drücken aus, was Jüngerschaft bedeutet. Die unverkennbare Marke der Jüngerschaft ist die Freude: "Selig die Armen im Geist, selig die Friedensstifter, selig die Trauernden, selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit". Diese Freude ist ein Grundzug der Jüngerschaft. Papst Benedikt weist darauf hin, dass diese acht Seligpreisungen in der Person Jesu selber schon verwirklicht sind, und man sie an ihm am deutlichsten ablesen kann: Sie sind eine "verhüllte innere Biographie Jesu". Wer ist der wahrhaft Sanftmütige? Wer ist der wahrhaft Arme? Der, der für uns arm geworden ist, um uns mit seinem Leben reich zu machen. Wer ist der, der das reine Herz hat, dass Gott schaut? "Wer den Matthäus-Text aufmerksam liest, wird inne, dass die Seligpreisungen wie eine verhüllte innere Biographie Jesu, wie ein Porträt seiner Gestalt dastehen. Er, der keinen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann (Mt 8,20), ist der wahrhaft Arme; er, der von sich sagen kann: Kommt zu mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen (Mt 11,29), ist der wahrhaft Sanftmütige; er ist es, der reinen Herzens ist und daher Gott immerfort schaut. Er ist der Friedensstifter, er ist der um Gottes willen Leidende: In den Seligpreisungen erscheint das Geheimnis Christi selbst, und sie rufen uns in die Gemeinschaft mit Christus hinein. Aber eben wegen ihres verborgenen christologischen Charakters sind die Seligpreisungen auch Wegweisung für die Kirche, die in ihnen ihr Maßbild erkennen muss – Wegweisungen für die Nachfolge, die jeden Einzelnen berühren, wenn auch – gemäß der Vielfalt der Berufungen – in je verschiedener Weise" (a.a.O., S. 104).

Das zweite Beispiel ist die Feindesliebe. Man sagt ja, das Thema ist gewissermaßen der Lackmustest des christlichen Lebens und wohl das Schwierigste in der Bergpredigt: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch, liebt eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet" (Mt 5,43-45). Feindesliebe gehört zweifellos zum Schwierigsten in der ganzen Verkündigung Jesu. Eines ist klar: Dieses Gebot der Feindesliebe kann nicht der Ersatz für das Strafgesetzbuch sein. Wenn jeder, der den Nächsten etwas antut, nur darauf hingewiesen wird, "du hast die Liebe deines Opfers verdient", ist das sicher zu wenig. Es kann sich hier nicht um ein weltliches Gesetz handeln. Ist es ein Gebot oder ist es ein Rat? Über diese Frage hat man Jahrhunderte lang diskutiert. Ist die Bergpredigt überhaupt Gebot oder Rat? Empfiehlt uns Jesus oder gebietet er uns? Mir hilft hier eine traditionelle Unterscheidung, die der heilige Thomas von Aquin klar formuliert hat: "Liebt eure Feinde" ist nicht nur ein Rat, sondern ein Herzensgebot Jesu. Aber der heilige Thomas sagt ganz klar: Meint Feindesliebe, sympathische Gefühle für den Feind zu haben? Das kann es ja nicht sein. Thomas sagt ausdrücklich: Feindesliebe wäre pervers und der Liebe zuwider, wenn wir die Feinde insofern lieben müssen, als sie Feinde sind. Das kann es nicht sein. Insofern sie aber Menschen sind, muss ihnen unsere Nächstenliebe gelten. Müssen wir ihnen deshalb auch Zeichen der Zuneigung widmen? Oft wird die Feindesliebe mit einem Gefühl verwechselt, das ich dem Feind entgegenbringe. Das ist nicht gemeint. Es wäre widernatürlich, wenn ich Gefühle der Sympathie für den Feind haben müsste. Aber ich muss die Bereitschaft haben – und das ist Gebot –, den Feind als Menschen zu achten. Schon im Buch der Sprichwörter im Alten Testament heißt es: "Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken" (Spr 25,21; vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, 25,9c). Das Wort Jesu, mit dem er seine Weisung über die Feindesliebe beschließt, weist freilich noch darüber hinaus: "Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (Mt 5,48). Es geht also in der Bergpredigt um mehr als das Notwendige, um dieses "Mehr", das Christus selber geleistet und erbracht hat, indem er sich für uns hingegeben hat "als wir noch Feinde waren", so sagt es der Apostel Paulus (Röm 5,10).

Ein drittes und letztes Beispiel betrifft die Vorsehung: "Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet… Schaut auf die Vögel des Himmels, die Lilien des Feldes… euer himmlischer Vater ernährt sie… Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen… " (Mt 6,25-26.34). Noch einmal: das ist keine Charta für die Sozialgesetzgebung. Wir werden auch nicht, wie Jakobus (als schlechtes Beispiel) schreibt, zu den Notleidenden sagen: "Geh dich wärmen und hol dir was zu essen", ohne ihm dabei zu helfen (Jak 2,16). Das ist keine Anleitung für die Budgetgestaltung, weder die des Staates noch die persönliche. Es ist kein Freibrief für Untätigkeit und Fahrlässigkeit, sondern die Erfahrung der Jüngerschaftsschule am Weg mit Jesus. Es geht um ein Hineinwachsen in eine Vertrauensbeziehung zum Vater: "Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht". Die Bergpredigt als Lebensschule Jesu, deren Modell und Meister er selber ist. Er hat in diesem Vertrauen gelebt.

Schaffe ich das? Ist das nicht alles eine Überforderung? So beten wie Jesus? Schaffe ich überhaupt das Beten? Jetzt noch viel mehr: Gelingt mir ein Leben nach der Bergpredigt? Totale Überforderung. Jesus als Vorbild – ja! Aber ist das ein erreichbares Vorbild? Die Antwort des Heiligen Paulus, die wir in der letzten Katechese erhielten, war ernüchternd, aber auch ermutigend. Er sagt uns: "Eigentlich wissen wir nicht, wie wir beten sollen, aber der Heilige Geist tritt für uns ein" (Röm 8,26). In unserer Schwachheit betet er für uns, in uns, mit uns. Ist es nicht mit der Bergpredigt ähnlich? Wenn wir sie einfach als verschärftes Gesetz lesen, sind wir von vornherein mutlos. Aus eigener Willenskraft stemmen wir das nicht. Aber die Bergpredigt ist kein Moralkodex besonders rigoroser Art, sondern sie ist, – wie der heilige Thomas so schön sagt –, "das neue Gesetz des Evangeliums", die lex nova evangelii.

Schon die Zehn Gebote trägt jeder Mensch in seinem Herzen, in seinem Gewissen. Mehr als auf Tafeln geschrieben, sind sie in unser Herz, in unser Gewissen geschrieben (vgl. KKK 580). Die Bergpredigt, sagt der heilige Thomas, wird durch den Heiligen Geist in unser Herz geschrieben. Sie wird zu einem inneren Lebensgesetz, zu einem Gesetz, das uns von innen her bewegt. Jesus selbst legt sie uns ins Herz, und je mehr wir mit ihm den Weg gehen, desto mehr wird er durch seinen Heiligen Geist in uns seine Lebensform ausprägen, desto mehr wird er selber das Gesetz des neuen Lebens in uns. Nur so bekommt das christliche Leben Überzeugungskraft. Jesus hat nicht nur die Bergpredigt gelehrt, er hat sie gelebt und er hat sie durch seinen Geist in die Herzen seiner Jüngerinnen und Jünger eingeschrieben.

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