Samstag 15. Dezember 2018
Predigten von Kardinal Christoph Schönborn

10. Todestag von Kardinal Franz König

Predigt von Kardinal Christoph Schönborn, am Donnerstag, 13.März 2014, im Dom zu St. Stephan, zum 10. Todestag von Kardinal Franz König, im Wortlaut:

Eminenz, lieber Metropolit Arsenios!

Lieber Bischof Gabriel! Lieber Bischof Bünker!

Liebe Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen!

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!

Liebe Gläubige, die Sie gekommen sind, um für und mit unserem Kardinal König zu beten und zu danken!

 

Wir haben uns im Dom versammelt. Wie oft hat Kardinal König in diesem Dom Gottesdienst gefeiert! Wie viele Male hat er sich hier mit dem Volk Gottes zum Gebet versammelt. Ein Bild ist mir noch ganz stark in Erinnerung, wie er hier im Dom in der Vierung aufgebahrt war und eine lange, lange Menschenschlange bis weit hinaus auf den Stephansplatz angestanden ist, um an seiner Aufbahrung vorbeizugehen und sich von dem, was an ihm sterblich war, zu verabschieden.

 

Es war an diesem 27. März des Jahres 2004, als sich der Kreis schloss zum 17. Juni 1956, als der junge und neu ernannte Erzbischof in den Dom einzog. Ich habe beim Requiem an die Worte erinnert, die er damals bei seiner ersten Ansprache an die Gläubigen gesagt hat: "Der festliche Glanz des ersten Einzugs hat mich nicht gehindert, mir gleichzeitig auch meinen letzten Auszug als Toten vorzustellen, wenn ich dann den Rechenschaftsbericht abzulegen habe über meine Verwaltung". Das ist ein nützlicher und heilsamer Gedanke: Er ist es auch heute für uns.

 

Kardinal König hat sein Leben in Ehrfurcht vor dem großen, unaussprechlichen Geheimnis Gottes gelebt, und immer wieder die großen Grundfragen gestellt, die das Herz des Menschen bewegen, - wir haben es oft von ihm gehört: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Als sein Lebensweg zu Ende ging, hat er sein Leben seinem Schöpfer zurückgegeben in der großen Gewissheit, dass er es in dieses unaussprechliche Geheimnis Gottes hineingibt. Und er hatte, so ist mein Eindruck, keine Angst vor dem Tod. "Der Tod macht das Leben erst kostbar", so sagt er einmal. "Der Tod mahnt uns, unsere Zeit nicht zu verschwenden, sondern jeden Augenblick bewusst zu leben."

 

Ja, hier im Dom hat er große Momente erlebt, die das Leben der Kirche und sein Leben geprägt haben. Ich denke an den ersten Besuch von Papst Johannes Paul II. im September 1983. Ich denke an die bewegenden Worte hier im Dom, als er im Februar 1984 an den Februar 1934 erinnert hat. Ich erinnere mich gut an die Europa-Vesper, die hier im Dom den Mitteleuropäischen Katholikentag einleiten sollte und wo er am Schluss gesagt hatte: "Auf Wiedersehen in Mariazell!" Mariazell war sein Herzensort. Aber er konnte den Mitteleuropäischen Katholikentag selber nicht mehr mitfeiern. Für mich persönlich ist die Erinnerung an den 29. September 1991 unauslöschlich in Erinnerung, als Kardinal König als Kokonsekrator und sein Nachfolger Kardinal Groer mit meinem Heimatbischof Cikrle von Brünn mir die Hände zur Bischofsweihe aufgelegt hat.

 

Aber wir wollen doch ein wenig hineinhorchen in die Worte der Heiligen Schrift, die des heutigen Tages. Beide sprechen vom Gebet. Wenn es etwas gegeben hat, was die verborgene Mitte seines Lebens war, dann war es sicher das Gebet. Er war überzeugt von der Kraft des Gebetes. Gestern hatte ich einen Vortrag im Wiener Rathaus über das Gebet – eine Wiener Vorlesung über das Gebet, das ist recht erstaunlich, dass das möglich ist! – und ich habe diesen Vortrag begonnen, in der Mitte und am Schluss jeweils mit einem Zitat von Kardinal König über das Gebet. Dieses universale Phänomen der Menschheit, das er als Religionswissenschaftler studiert und das er als Christ gelebt hat. Als er starb, lag das Brevier auf seinem Nachttisch schon vorbereitet für das Stundengebet, die Laudes des folgenden Tages. Wir können von ihm lernen, auf die Kraft des Gebetes zu vertrauen.

 

Die erste Lesung heute spricht in so erschütternden Worten von der Angst des jüdischen Volkes um die nackte Existenz, repräsentiert durch Esther. Das fröhliche Purimfest erinnert bei den Juden jedes Jahr daran, dass Esther schließlich gesiegt hat. Aus wie viel Angst heraus! Es ist bewegend daran zu denken, dass durch den Zufall der heutigen Leseordnung wir so hineingeführt werden in das jüdische Beten und in das jüdische Leben, das Kardinal König so wichtig war. Ihm ist entscheiden zu verdanken, dass das II. Vatikanische Konzil, das sein Leben zutiefst geprägt hat und das er selber so entscheidend mitgeprägt hat. Und er hat die Worte über das Verhältnis von Christen und Juden formuliert, die in alle Zukunft die Charta des christliche-jüdischen Verhältnisses sein werden, die Worte von "Nostra aetate".

Im Evangelium fügt es die heutige Leseordnung, dass wir wieder auf das Gebet hingeführt werden: "Bittet, dann wird euch gegeben werden. Sucht, dann werdet ihr finden. Klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt. Wer sucht, der findet und wer anklopft, dem wird geöffnet" (Luk 11,9). Wer sucht, der findet. Wie schön spricht dieses Wort des Evangeliums hinein in das Herz, in die Dialoghaltung von Kardinal König! Wer sucht, der findet.

 

Kardinal König hatte ein unvergleichliches Gespür für das Suchen der Menschen. Er hat die Fragen zugelassen, er sich auf sie eingelassen und ist so für viele Menschen geradezu die Verkörperung des Dialogs gewesen. War es nicht auch diese Haltung, die es dem Kardinal ermöglichte hat, das Alles-selber-machen-wollen zu überwinden, der Versuchung vieler, die Verantwortung zu tragen haben? Das Los-Lassen, das aus der Haltung des Gebetes allein zu lernen ist.

 

Schließlich die "Goldene Regel" im heutigen Evangelium, von der uns Kardinal König gezeigt hat, dass sie in allen Religionen zu finden ist: "Alles, was ihr von den anderen erwartet, das tut auch ihnen. Darin besteht das Gesetz und die Propheten" (Mt 7,12). Aber er hat die Goldene Regel nicht nur als wissenschaftliches Thema in seinen religionswissenschaftlichen Studien behandelt, sondern er hat es als Lebensregel für sein fast hundertjähriges Leben im Alltag praktiziert. Und die Goldene Regel war es wohl auch, die ihm diese große Haltung der Toleranz ermöglicht hat. Eher das Gemeinsame, als das Trennende, das Verbindende zu suchen, Respekt zu haben vor den Nichtglaubenden, das Bemühen um Versöhnung. Eines seiner Lieblingszitate von Blaise Pascal war: "Wer die Mitte verlässt, verlässt die Menschlichkeit." Die Größe der menschlichen Seele besteht darin, dass sie sich in der Mitte zu halten vermag.

 

Wer Kardinal König gekannt hat, hat gewusst, dass diese Mitte alles eher als Mittelmaß war. Er hat die großen Beter geliebt, und wir könnten manche seiner Lieblingsgebete auch heute zitieren. Eines möchte ich abschließend nennen, das große Gebet des seligen Kardinals Henry Newman:

 

"Führe du, mildes Licht im Dunkel,
das mich umgibt, führe du mich hinan!
Die Nacht ist finster,
und ich bin fern der Heimat:
führe du mich hinan!
Leite du meinen Fuß -
sehe ich auch nicht weiter:
wenn ich nur sehe jeden Schritt."

 

Ganz zum Schluss sei noch einmal das Begräbnis erinnert, an dem ich aus seinem Testament zitiert habe: "…und vergesst an meinem Sarg die Osterkerze nicht!" Mitten in der Fastenzeit brannte vor zehn Jahren hier im Dom die Osterkerze, gleichsam als Zeichen des Vertrauens auf die Auferstehung, Vollendung, die allein dem irdischen Leben in aller Bedrängnis Glanz und Fülle zu verleihen vermag.

 

So bitten wir den großen Kardinal nicht nur uns Vorbild zu sein, sondern als der große Beter, der er war, uns nun auch auf unserem Weg Fürbitter zu sein. Amen.

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