Donnerstag 23. November 2017
Ansprachen, Reden und Vorträge von Kardinal Christoph Schönborn

Barmherzigkeit und Mission - Vortrag in Bogotá

Dritter Weltkongress der Göttlichen Barmherzigkeit - 16. August 2014

 Vor 12 Jahren, fast auf den Tag genau, am 17. August 2002, hat der Heilige Papst Johannes Paul II in Krakau - Łagiewniki das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit geweiht. Die Predigt, die er damals hielt, dürfen wir als so etwas wie sein geistliches Testament betrachten. Zu Beginn dieses III. Apostolischen Welt Kongresses der Barmherzigkeit darf ich einige Worte aus dieser Predigt zitieren und sie als „Leitstern“ für diese Tage hier in Bogotá uns vor Augen stellen.

 

„Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes. Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Hass und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfassbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet.“

In einer Welt voller Gewalt und Ungerechtigkeit sieht Papst Johannes Paul II die  Barmherzigkeit  als Antwort. Doch stellt sich gleich zu Beginn die große Frage, die gerade auch unser verehrtes Gastland Kolumbien so tief bewegt:

 

Wie ist das Verhältnis von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit? Wie gehören Wahrheit und Barmherzigkeit zusammen? Deckt die Barmherzigkeit einfach die Ungerechtigkeit zu? Genügt es, nur barmherzig zu sein?

 

Muss nicht auch die Wahrheit ans Tageslicht kommen? Darf Unrecht verschwiegen werden, nur um barmherzig zu sein? Oder verlangt gerade die Barmherzigkeit das Offenlegen der Wahrheit? Ist es nicht Voraussetzung der Barmherzigkeit, dass das Unrecht  beim Namen genannt wird?

 

Ehe wir uns dieser so entscheidenden Frage zuwenden, hören wir noch den Höhepunkt, das Herzstück der Predigt des Papstes. Diese Worte geben uns nämlich den Schlüssel zur Antwort auf die eben gestellte Frage, wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zueinander finden, oder, wie die Bibel sagt „sich umarmen“ (vgl. Ps. ……).

 

„In diesem Heiligtum möchte ich heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, dass die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyna verkündet wurde, alle Menschender Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort [d. h. von Łagjewniki] ausgehend. Überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden. Möge sich die Verheißung des Herrn  Jesus Christus erfüllen:  „Von hier wird ein Funke hervorgehen, der die Welt  auf mein               endgültiges Kommen vorbereitet. Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden  und der Mensch Glückseligkeit finden!Euch,  liebe Brüder und Schwestern, vertraue ich diese Aufgabe an. Seid Zeugen der Barmherzigkeit!“

 

Liebe Brüder und Schwestern! Liebe Freunde!

 

Diese Worte des großen Papstes waren „der zündende Funke“, der einige Laien, Priester, Bischöfe bewogen hat, die Initiative zum ersten Apostolischen Weltkongress zur Göttlichen Barmherzigkeit zu ergreifen. „Seid Zeugen der Barmherzigkeit!“ Dieser Aufruf des Papstes konnte nicht ungehört bleiben. Weltweit wächst die Hinwendung zur Barmherzigkeit Jesu! Die Verehrung des Bildes, das nach Angaben der hl. Schwester Faustyna gemalt wurde ist überall im wachsen. Mit der „Stunde der Barmherzigkeit dem „Barmherzigkeits - Rosenkranz“ haben zahllose Menschen einen neuen Zugang zum großen Anliegen von Papst Johannes Paul II bekommen. Er selber hat ein starkes Zeichen gesetzt, in dem er Schwester Faustyna  Kowalska, die einfache Ordensfrau aus Krakau, als erste Heilige des neuen Jahrtausends kanonisiert hat und gleichzeitig im Jubiläumsjahr 2000 das „Fest der Barmherzigkeit“  eingeführt hat. Und es sieht doch so aus als habe der Himmel das große Anliegen von Papst Johannes Paul bestätigt, in dem er ihn am Vorabend des Festes der Barmherzigkeit, am 2. April 2005, in die ewige Heimat holte.

 

Doch wollte Papst Johannes Paul II nicht nur die Devotion, die Frömmigkeitsübungen zur göttlichen Barmherzigkeit fördern, sondern er wollte auch, dass das Erbarmen Gottes die Menschen, ihr Leben und Leiden erreicht und verwandelt. Er wollte, dass in dieser Welt voller Ungerechtigkeit, Krieg, Hass, Leid, die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes Wege der Versöhnung und des Friedens öffne.

 

Er war überzeugt, dass nur so mehr Gerechtigkeit in die Welt kommen kann. Er war getragen von der Hoffnung, dass im Verkünden und  Leben der Barmherzigkeit die einzige Chance für Frieden und Versöhnung lag.

 

Diese Überzeugung hat Papst Johannes Paul II nochmals in seinem letzten, kurz vor seinem Tod erschienenen Werk „Erinnerung und Identität“ ausführlich meditiert. In den Gesprächen, die er mit Freunden in Castelgandolfo geführt hat, meditiert der Papst über die Schrecken des 20. Jahrhunderts und fragt sich, wie es möglich war, dass so ein Tsunami an Bösem über die Menschheit hereinbrechen konnte und was alleine dieser Flut eine Grenze setzen konnte und auch heute kann.  Und er kommt zu der Schlussfolgerung: „Allein das Erbarmen Gottes setzt dem Bösen eine Grenze.“ Papst Benedikt hat dieses Wort seines Vorgängers öfters wiederholt  und Papst Franziskus wird nicht müde, die Barmherzigkeit Gottes als die große Kraft der Versöhnung zu verkünden.

 

Wie aber soll die Barmherzigkeit das Böse besiegen? Wie soll sie die Flut des Bösen und des Unrechts eindämmen? Ich weiß, liebe Brüder und Schwestern aus Kolumbien, wie sehr diese Frage so viele Menschen Ihres leidgeprüften Heimatlandes bewegt. Muss nicht zuerst die Gerechtigkeit siegen, dass  Unrecht aufgedeckt und bestraft werden, ehe von Barmherzigkeit die Rede sein kann? Vor allem stellt sich immer wieder die Frage:  Wird sie nicht missbraucht, um eigenen Vorteil daraus zu ziehen? Muss der Gegner nicht zuerst ganz besiegt sein, um nicht weiter schaden zu können? Wird die Barmherzigkeit nicht als Schwäche ausgelegt, die dem Gegner nur strategische Vorteile, dem Barmherzigen aber Nachteile bringt?

 

Ich kann mich nicht zum Friedensprozess in Kolumbien äußern. Dazu bin ich nicht kompetent. Ich kann dafür beten und hoffen, dass auch dieser Kongress ein klein wenig zum Weg der Versöhnung beiträgt. Ich kann nur ein Beispiel aus Europa nennen. Papst Franziskus hat seine erste Reise in Italien nicht zu einem bekannten Heiligtum, Assisi oder Loretto zum Beispiel unternommen, sondern auf die kleine Insel Lampedusa, nicht weit von der nordafrikanischen Küste. Sie ist inzwischen zum Symbol für das europäische Flüchtlingsdrama geworden. Zigtausende Menschen versuchen auf primitiven Booten von Nordafrika aus die Insel Lampedusa anzusteuern, um in Italien um Asyl anzusuchen.     Viele Hunderte von ihnen sind bei diesem waghalsigen Versuchen bereits ums Leben gekommen, meist ertrunken. Ihre Zahl geht inzwischen in viele Tausende.

 

Nun das Dilemma: Hilft Europa diesen Flüchtlingen, so öffnet das Tür und Tor, dass noch mehr Menschen die Flucht nach Europa versuchen. Versucht Europa sich mit einer Festungsmauer zu umgeben, dann werden die Versuche, trotzdem nach Europa zu kommen noch waghalsiger, noch gefährlicher und noch mehr Tote werden zu beklagen sein. Was also heißt hier die Barmherzigkeit zu praktizieren? Und wie verhält sie sich zur Gerechtigkeit?

 

Barmherzigkeit schließt die Gerechtigkeit ein, geht nicht ohne Gerechtigkeit. Haben wir im reichen Europa vergessen, dass die Not in Afrika auch ein Teil unseres Wohlstands ist? Dass die Armut in Afrika auch der Preis für den Reichtum Europas ist? Europa gibt beschämend wenig für die Entwicklungshilfe in Afrika und macht beschämend hohe Gewinne an den Reichtümern Afrikas. Es gäbe nicht so viele Flüchtlinge aus Afrika, gäbe es mehr Gerechtigkeit für die Völker Afrikas. Die Menschen müssten nicht aus Not und unter Lebensgefahr ihre afrikanischen Heimatländer verlassen, wenn ihre Lebensbedingungen zu Hause gerechter wären. Die Barmherzigkeit mit den Bootsflüchtlingen, die in Lampedusa landen, wenn sie nicht vorher ertrunken sind, ist zuerst eine Frage der Menschlichkeit. Jeder Mensch in Not braucht und verdient Mitgefühl und Hilfe. Die Barmherzigkeit mit den Menschen, die in Lampedusa Europa zu erreichen suchen, ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, da Europa ihnen die Lebenschancen geraubt hat, die es ihnen ermöglicht hätten, in ihrer Heimat ein gutes Leben zu leben.

 

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Die Barmherzigkeit ist nicht gegen die Gerechtigkeit. Sie kann, im Gegenteil, so manche Wunden heilen, die die Ungerechtigkeit geschlagen hat. Warum sagt Papst Johannes Paul II, dass „allein das Erbarmen Gottes dem Bösen eine Grenze setzt“? Ich glaube, die Antwort darauf ist im ganzen Leben Jesu zu finden.

 

Ich möchte das an drei Momenten aus dem Leben Jesu deutlich machen: zuerst will ich am Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ und vom Barmherzigen Vater zeigen, dass die Barmherzigkeit, die Jesus verkündet und lebt, einen Preis hat, dass sie etwas kostet. Dann werde ich kurz am Beispiel der Frau am Brunnen in Samaria zeigen, dass es keine Barmherzigkeit ohne Wahrheit gibt. Und schließlich wenden wir den Blick zum Kreuz, das das wahre Tor zur Barmherzigkeit Gottes ist. So hoffe ich, dass wir ein wenig tiefer verstehen, was der hl. Johannes Paul II meint, wenn er sagt, dass nur die Barmherzigkeit Gottes dem Bösen eine Grenze setzt.

 

1.     Der Preis der Barmherzigkeit

 

Es gibt wohl kaum eine Stelle im Evangelium, die so stark von der Barmherzigkeit Gottes zeugt wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32). Was meist dabei übersehen wird, ist der hohe Preis, der für die Barmherzigkeit zu zahlen ist.

 

Der jüngere Sohn verlangt vom Vater sein Erbteil. Das ist ein schlimmes Unrecht. Erst nach dem Tod des Vaters bekommen die Söhne das Erbe. Dieser Vater gibt dem Jüngeren schon jetzt sein Erbteil. Das schwächt den Betrieb, schadet der „finca“, dem Bauernhof. Der Ältere war sicher wütend über diese „sinverguenca“, diese Unverschämtheit des Jüngeren. Und sicher hat es ihn erzürnt, dass der Vater so „schwach“ war, dem Jüngeren sein Erbe auszuzahlen.

 

Nun ist bekannt, wie die Geschichte weitergeht. Nach dem der Jüngere alles Geld, sein ganzes Erbteil, vergeudet und verloren hat, besinnt er sich und denkt an zu Hause. Er will heim. Aber er weiß: Erbe ist er nicht mehr. Er will dem Vater sagen: „Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Mach mich zu einem deiner Tagelöhner“ (Lk 15, 19). So macht er sich auf den Weg nach Hause.

 

Jetzt kommt die Szene, die uns oft zu Tränen rührt: Der Vater sieht ihn schon von weiten kommen, läuft ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Denn er hatte mit ihm erbarmen. Er war von der Barmherzigkeit ergriffen, die Jesus selber so oft mit den Menschen hatte.

 

Und in dieser Barmherzigkeit tut er etwas, was wir gut verstehen können und was uns doch schockiert wenn es uns selber betrifft: Er nimmt den Jüngeren wieder als Sohn ins Haus auf, nicht als Knecht, als Tagelöhner, sondern wieder als Sohn. Und das ganz offiziell und feierlich: er lässt ihm das beste Gewand anziehen, d. h. er gehört wieder zur Familie. Und er lässt ihm einen Ring geben. Das ist nicht nur eine Geste der Freude darüber, dass der Verlorene wieder gefunden ist, dass der „schlimme Sohn“ wieder heimgekehrt ist. Die Barmherzigkeit des Vaters hat ganz handfeste materielle Folgen: der verlorene ist wieder als Sohn aufgenommen, also auch als Erbe!

  

Jetzt erst verstehen wir die Wut des Älteren. Der Vater verzeiht ihm nicht nur, dass er seinen Erbteil, also einen teil des Familienvermögens, verschleudert hat. Er ist nicht nur barmherzig mit den Fehlern und Sünden des Jüngeren, sondern er setzt ihn wieder voll und ganz als Sohn ein, also auch mit dem Erbrecht! Das aber bedeutet für den Älteren Sohn, der treu zu Hause geblieben ist, der stets fleißig gearbeitet hat, der sich bemüht hat, den Betrieb, die Finca des Vaters gut zu führen und zu fördern, dass er jetzt auf einmal den Bruder wieder als Miterbe hat. Er muss also seinen Teil des Erbes mit diesem Bruder teilen, der das Vermögen des Vaters „mit Dirnen durchgebracht hat“. Für ihn, den älteren, „braven“ Bruder, bedeutet die Barmherzigkeit des Vaters einen hohen Preis. Der Vater sagt ihm, er solle sich doch freuen dass sein Bruder, der „tot war, wieder lebt“. Ich kann verstehen, dass der Ältere wütend ist. Die Barmherzigkeit des Vaters kostet ihn viel, im ganz wörtlichen Sinn. Sie kostet ihm quasi die Hälfte seines Vermögens.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Meist wird diese praktische Seite im Gleichnis Jesu gar nicht bedacht. Aber sie ist entscheidend. Ich hatte in meiner eigenen Verwandtschaft einen ähnlichen Fall. Mir ist dadurch deutlich geworden: Barmherzig sein, das kann einen sehr hohen Preis haben. Beim ersten Kongress der Barmherzigkeit, 2008 in Rom, haben wir das Zeugnis von Immaculé Iribaguita gehört. Sie hat als einzige ihrer Familie den Genozid in Ruanda überlebt. Sie kannte den Mann, der alle ihre Familienmitglieder umgebracht hatte. Und als sie ihn im Gefängnis besuchte, konnte sie ihm verzeihen. Sie hat den Preis dafür bezahlt: den Verzicht auf Rache und Strafe. Sie konnte ihn als Bruder in Christus sehen. Das ist die alles verwandelnde Kraft der Barmherzigkeit! Der Vater mutet dem älteren Sohn zu, sich zu freuen über die Umkehr und Heimkehr des Jüngeren. Es ist, als wollte er ihm sagen: Was ist wichtiger? Der Besitz, das Geld, dein Erbteil? Oder dass du deinen Bruder wiederfindest? Dass ihr wieder Brüder seid? Dass dein Bruder, der verloren war, gerettet wurde?

 

Das, so glaube ich, ist der Sinn dieses Wortes von Papst Johannes Paul II: „Allein das Erbarmen Gottes setzt dem Bösen eine Grenze“.

 

2. Keine Barmherzigkeit ohne Wahrheit

 

In manchen Ländern ist die Kirche in den letzten Jahren durch einen sehr schmerzhaften Reinigungsprozess gegangen, auch in meiner Heimat Österreich: der Skandal des Missbrauches von Minderjährigen durch Priester. Die Medienberichte über dieses Thema haben viele Menschen zu Recht empört und haben das Vertrauen in die Kirche bei Vielen erschüttert. Wir haben als Bischöfe versucht, ganz entschieden einen Weg der Wahrheit und der Buße zu gehen. Jesus Wort hat uns geleitet: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32). Wir haben schmerzlich lernen müssen: eine Barmherzigkeit, die die Wahrheit versteckt oder vertuscht, ist keine echte Barmherzigkeit. Im Gegenteil: Es ist ein Werk der Barmherzigkeit, die Wahrheit zu sagen und ans Licht zu bringen. Aber nicht im Sonne des „Enthüllungsjournalismus“, der die Anderen an den Pranger stellt, sie bloßstellt und nur anklagt. Wieder zeigt uns Jesus selber, wie wir Wahrheit und Barmherzigkeit verbinden sollen.

 

Die Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4) ist dafür ein wunderbares Beispiel. Es ist zugleich ein Modell dafür, wie Jesus selber „evangelisiert“ und Menschen dazu führt, ihrerseits zu evangelisieren. Erinnern wir uns an die Szene. Es ist Mittagszeit, die heißeste Stunde des Tages. Jesus ist „müde vom Weg“ und setzt sich an den Brunnen. Warum kommt um diese Stunde eine Frau, Wasser zu schöpfen? Alle tun das in der früh oder am Abend, wenn es noch oder schon wieder kühl ist. Niemand tut sich das an in der Mittagshitze. Sie schon, weil sie nicht mit den anderen Frauen zusammen kommen will. Alle Leute reden über sie wegen ihres schlechten Lebenswandels. Sie ist isoliert, schämt sich, versteckt sich. Das Gerede der Leute ist nicht barmherzig. Wann ist unser Getratsche und Gerede barmherzig? Wieviel Leid, wieviel Böses geschieht durch das üble Reden!

 

Jesus bittet die Frau um Wasser: „Gib mir zu trinken!“ (Joh 4,7). Jesus ist durstig vom Weg und von der Hitze. Aber er durstet nach ihrem Glauben. Und er begegnet ihr ohne Vorurteil! Er, ein Jude und ein Mann, spricht mit ihr, einer Samariterin und einer Frau. Das ist das Tor zu ihrem Herzen: Er bittet um Wasser und begegnet ihr ohne Vorurteil. So kann er beginnen, ihren Durst zu wecken. Denn auch sie ist durstig, nach Liebe und Verständnis. Jesus weckt ihre Sehnsucht, ihre Ahnung von einer größeren Liebe, einem großen Glück.

 

Brüder und Schwestern:

 

Was für ein wunderbares Vorbild für eine echte Begegnung, ohne die es keine Evangelisierung gibt!

..“Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!“ (Joh 4,16). Jesus kommt zum Moment der Wahrheit! Aber achten wir darauf, wie er die Wahrheit anspricht. Denn die Wahrheit alleine, ohne Liebe, ohne Barmherzigkeit, verletzt und schließt die Herzen zu. Sie lügt nicht, als sie Jesus antwortet: „Ich habe keinen Mann!“ Ich höre in diesem Wort einen tiefen Schmerz: Diese Frau hat sich immer nach einem Mann gesehen. Das ist die Sehnsucht des Herzens einer Frau: einen Mann zu haben, dem sie Frau sein kann, der sie achtet, ehr und liebt. Einen Mann, der sie nicht nur gebraucht, sondern sie „Erkennt“. So einen Mann hat sie nicht.

 

Jesus sagt ihr die Wahrheit: „Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt“ (Joh 4,17-18). Und nun geschieht das Erstaunliche. Die Wahrheit, die Jesus dieser Frau gesagt hat, ist für sie wie eine große Befreiung. Sie eilt in den Ort zurück und sagt zu den Leuten: „kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe. Ist er vielleicht der Messias?“

 

Die Lüge isoliert. Das „Vertuschen“ der Wahrheit macht krank. Es stört und zerstört die Kommunikation. Jesus sagt ihr „alles, was sie getan hat“. Jetzt ist es nicht mehr eine Schande, sondern wird zur Erfahrung der Barmherzigkeit. Jesus hat ihr die Wahrheit gesagt, er hat sie aber nicht bloßgestellt. Sie hat sich nicht verurteilt gefühlt. Sie hat sich von Jesus nicht verachtet gefühlt. Ihr „verpfuschtes“ Leben erfüllt sie nicht mehr mit Schande. Denn sie hat den Mann gefunden, der sie achtet und der sie ernst nimmt. Jesus hat zu ihr nicht „von oben herab“ gesprochen, sondern von Mensch zu Mensch. Und so hat er ihr Herz erreicht. Und so konnte sie aus seinem Mund die Wahrheit über ihr Leben annehmen.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Die Frau vom Jakobsbrunnen ist die erste große Missionarin unter den Samaritern geworden. Sie hat das ganze Dorf zu Jesus geführt, und viel kamen „auf das Wort der Frau hin zum Glauben an Jesus“, weil sie den Leuten gesagt hat: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“ (Joh 4,30-39).

 

Es gibt keine Barmherzigkeit ohne Wahrheit. Aber Wahrheit ohne Barmherzigkeit ist grausam. Darum ist es so wichtig, bei Versöhnungsprozessen Wahrheit und Barmherzigkeit zu verbinden. Warum können wir mit allem unseren Versagen zu Jesus kommen? Weil er uns sagt: „Ich verurteile dich nicht!“ (Joh 8,11). Deshalb ist Jesus Aufforderung an uns so klar: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk 6,36). Und der Herrenbruder Jakobus warnt uns eindringlich vor der Unbarmherzigkeit: „Das Gericht ist ohne Erbarmen gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht“ (Jak 2,13).

 

3. Kommt zur Quelle der Barmherzigkeit!

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Auf diesem III. Kongress der Göttlichen Barmherzigkeit werden wir Zeugnisse von Menschen hören, die in ihrem Leben ganz konkret die Erfahrung der Barmherzigkeit gemacht haben, oft unter ganz dramatischen Umständen. Zwei Beobachtungen mache ich bei solchen Zeugnissen an mir selber:

 

Zuerst: sie sind so überzeugend! Wir spüren ganz deutlich: nur so geht’s! Nur durch die gelebte Barmherzigkeit kann Frieden kommen, Versöhnung geschehen, Vergebung erfahren werden. Diese Beispiele ermutigen uns, den Weg des Apostolats der Barmherzigkeit zu gehen

 

Aber geleichzeitig beobachte ich in mir selber Widerstand. Ist Barmherzigkeit nicht Schwäche? Was wenn wir zu viel von der Barmherzigkeit Gottes sprechen? Wird dann nicht die Gefahr groß, dass Fehler leichtfertig entschuldigt werden, dass Sünden nicht mehr ernst genommen werden? Ist da nicht die Gefahr des Laxismus gegeben? Jesus selber war dieser Kritik ausgesetzt. Die Frommen haben Jesus vorgeworfen, dass er mit Sündern zusammen bei Tisch ist. Jesu Antwort ist für uns bis heute eine große Herausforderung: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mt 9,12-13).

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Eines zeigen uns die Zeugnisse, die wir diese Tage hören werden: Billig ist die Barmherzigkeit nicht! Es gehört oft sehr viel mehr Mut dazu, den Weg der Barmherzigkeit zu gehen als den der Gerechtigkeit um jeden Preis. Es ist der Weg, den Gott selber uns gegenüber beschritten hat, als Er aus reiner Barmherzigkeit Mensch geworden ist und aus noch größerer Barmherzigkeit für uns gestorben ist. Die Barmherzigkeit Gottes in die Welt zu bringen war und ist Seine Sendung. Sie ist daher auch die Mission Seiner Jünger. Sie ist die Mission der Kirche. Gebe Gott, dass dieser Kongress uns darin bestärkt, Zeugen der Barmherzigkeit zu sein. Die Mutter der Barmherzigkeit möge uns auf diesem Weg führen!

 

Muchas gracias!

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