Es ist eine Steilvorlage, wie sie nicht steiler sein kann: „Liebt eure Feinde!“ Ist das nicht widernatürlich? Unsere Natur funktioniert doch ganz anders. Allen Lebewesen ist der Selbsterhaltungstrieb angeboren. Was immer mich bedroht, löst Angst und Abwehr aus. So ist es in der Tierwelt, selbst in der Welt der Pflanzen. Umso mehr beim Menschen. „Tut Gutes denen, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen!“ Fordert Jesus hier zu Unmöglichem auf? Und doch: Wenn es etwas gibt, das für Jesu Lehre und Leben kennzeichnend ist, dann sicher seine Sicht der Feindesliebe.
Berühmt und bekannt ist Jesu Aufforderung, die andere Backe dem hinzuhalten, der dich auf die eine schlägt. „Gib jedem, der dich bittet!“ Geht eine solche Regel nicht völlig am realen Leben vorbei? Soll ich jedem Bettler geben, auch wenn ich annehmen muss, dass er ein Schwindler ist? „Wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück.“ Das kann doch nicht ernsthaft eine allgemeine Lebensregel sein. Mit ihr würden dem Betrug und der Ausnützung Tür und Tor geöffnet. Und seien wir ehrlich: Wer von den Christen, selbst den ganz frommen, hält sich an alle diese Anweisungen Jesu? Sind sie nicht allzu lebensfremd?
In der Mitte des heutigen Evangeliums steht ein Wort Jesu, das uns weiterhelfen kann: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen.“ Man nennt es die Goldene Regel. Sie ist in allen Religionen zu finden, meist in der negativen Form: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Überlege einfach: Wie möchte ich behandelt werden, wenn ich in der Situation des anderen wäre? Wie fühlt es sich an, als Flüchtling alles verloren zu haben, Heimat, Besitz, Arbeit, Familie, und mit Nichts in einem fremden Land mit fremder Sprache gelandet zu sein? Wie würde ich in dieser Notlage gerne behandelt werden? Die Goldene Regel Jesu ist eine Schule der Aufmerksamkeit, der Einfühlung in den anderen. Es geht um die Einübung des Mitgefühls.
Alte und Kranke können mühsam sein. Auch ich kann krank werden und alt, und das Leben kann mir sehr beschwerlich werden. Jetzt, da ich noch gesund und bei Kräften bin, wie möchte ich einmal behandelt werden, wenn ich den anderen zur Last falle? Genau da helfen die sehr praktischen Hinweise Jesu. Wenn du nur nach der Regel lebst, nicht mehr geben zu wollen als du bekommst, dann fehlt dir etwas Entscheidendes im Leben. Wenn du nur die liebst, die dich lieben; nur denen Gutes tust, die auch dir Gutes tun; nur dem gibst, der auch dir gibt, was tust du dann Besonderes? Da schließt du alle die aus deinem Blickfeld aus, die dir nicht zurückgeben können. Wo bleibt da die Großherzigkeit? Was ist das für eine Welt, in der nur die Platz haben, denen es so gut geht wie dir?
Letztlich lernen wir die Haltung Jesu nur, wenn wir an Gott selber Maß nehmen: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Und Jesus zieht daraus die ganz praktische, aber auch schwere Folgerung: Richtet nicht! Verurteilt nicht! Vergebt einander! Tut es wie Gott! „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Ist das naiv und blauäugig? Wie anders sähe die Welt aus, wenn wir auch nur annähernd so zu leben versuchten, wie Jesus es uns nahelegt! Das Erstaunliche: es funktioniert! Täglich, in vielen kleinen Schritten! Sie machen unser Leben glücklich.