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10.04.2022 · Kardinal · Gedanken zum Evangelium

Stärker als alle Kriege

Jesus hat über Jerusalem geweint, weil er das Unglück kommen sah. Es ist zum Weinen, wenn wir heute das unsägliche Leid sehen, das der Krieg in der Ukraine auslöst. Doch heute in einer Woche ist Ostersonntag. Das Leben hat den Tod besiegt. Diese Hoffnung ist und bleibt stärker als alle Kriege.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 10. April 2022.

In Rom steht auf dem Forum Romanum, nicht weit vom Kolosseum, der Titusbogen. Er wurde zu Ehren des Kaisers Titus errichtet. Er erinnert an dessen triumphalen Einzug in Rom nach seinem Sieg im Jüdischen Krieg, in dem im Jahr 70 auch der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Auf der Innenseite des Titusbogens ist der Triumphzug des Kaisers dargestellt, der gefangene Juden und die kostbaren Geräte aus dem Tempel mit sich führt. Kriege waren immer schon grausam. Der Jüdische Krieg war besonders brutal. Er war der Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Volkes. Auf Jahrhunderte hinaus blieb es seiner Selbständigkeit beraubt. Das religiöse Zentrum, der Tempel in Jerusalem, war für immer zerstört. Das jüdische Leben musste sich neu finden, ohne das Gelobte Land, immer in der Fremde, als Minderheit, meist verachtet und verfolgt.
Warum ich das alles erwähne? Weil das heutige Fest, der Palmsonntag, eine so andere Verheißung gab, eine große Hoffnung: der Einzug Jesu als Messias und König in Jerusalem. Die Schar seiner Jünger bejubelt Jesus, der auf einem Eselfohlen in die Stadt einreitet: „Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn.“ Der Kontrast könnte nicht größer sein. Jesus zieht mit seinen Anhängern, die bestenfalls hundert Leute waren, unbewaffnet, aber voller Erwartung in Jerusalem ein! Es war die alte Hoffnung, dass Gott den Messias senden werde, der ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit errichten sollte. Schon eine Woche später schien von all den großen Verheißungen nichts mehr übrig zu bleiben: Jesus starb gekreuzigt, verspottet als angeblicher „König der Juden“. Vierzig Jahre später ist Jerusalem ein Trümmerfeld, von den übermächtigen römischen Armeen vernichtet.


Bis heute steht die große Frage im Raum: Was ist es um die Herrschaft Jesu Christi, den Christen in aller Welt als den König und Friedensfürsten, den Messias und Heilsbringer verehren? Wirkt der Einzug Jesu in Jerusalem nicht wie ein ohnmächtiges Schauspiel gegenüber den Kriegen der Mächtigen aller Jahrhunderte, von Titus bis Putin? Stalin hat spöttisch gefragt: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ Wirken nicht alle Friedensappelle des Papstes wie eine hilflose Neuauflage des Einzugs Jesu in Jerusalem? Was hat er erreicht? Was können Gebetsaufrufe heute bewirken? Die Kriegsmaschine zerstört weiter Menschen und Lebensräume. Das Waffengeschäft gedeiht besser als der Anbau von Brotgetreide. Und immer zahlen die einfachen Menschen den hohen Preis der Machtspiele der Großen.


Heute feiern alle christlichen Gemeinden den Einzug Jesu in Jerusalem. Welche Hoffnungen verbinden sich damit? Ich stelle mir selber diese Frage, wenn ich heute bei der Dreifaltigkeitssäule am Graben die Palmzweige segne und an die Kinder verteile. Damals in Jerusalem riefen die Jünger Jesu: „Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe.“ Werden wir aber auch auf Erden Frieden haben? Hier und jetzt brauchen wir ihn!


Der nüchterne Blick in die Geschichte zeigt: Kriege hat es immer gegeben. Immer wären sie vermeidbar gewesen, wenn es weniger Ungerechtigkeit, Machtstreben, gegenseitigen Hass gegeben hätte. Jesus hat über Jerusalem geweint, weil er das Unglück kommen sah. Es ist zum Weinen, wenn wir heute das unsägliche Leid sehen, das der Krieg in der Ukraine auslöst. Doch heute in einer Woche ist Ostersonntag. Jesus wurde ohnmächtig ans Kreuz geschlagen, wie so viele heute unter dem Krieg Leidende. Aber Christus ist vom Tod auferstanden. Das Leben hat den Tod besiegt. Diese Hoffnung ist und bleibt stärker als alle Kriege.

 

erstellt von: Kardinal Christoph Schönborn
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Evangelium vom 10.4.2022

Lukas 19,28-40
Nach dieser Rede zog Jesus voran und ging nach Jerusalem hinauf. Und es geschah: Er kam in die Nähe von Betfage und Betanien, an den Berg, der Ölberg heißt, da schickte er zwei seiner Jünger aus und sagte: Geht in das Dorf, das vor uns liegt! Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr dort ein Fohlen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann antwortet: Der Herr braucht es.

Die Ausgesandten machten sich auf den Weg und fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte. Als sie das Fohlen losbanden, sagten die Leute, denen es gehörte: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie antworteten: Weil der Herr es braucht. Dann führten sie es zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Fohlen und halfen Jesus hinauf.

Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf dem Weg aus. Als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, begann die Schar der Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe! Da riefen ihm einige Pharisäer aus der Menge zu: Meister, weise deine Jünger zurecht! Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.

 

 

 

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