Immer wieder bleibe ich bei diesem Wort Jesu im heutigen Evangelium hängen: „Meinen Frieden gebe ich euch; nicht so wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Offensichtlich sagt Jesus hier: Es gibt verschiedene Arten von Frieden. Sein Frieden ist von eigener Art. So frage ich mich (und ihn) oft: Wie sieht dein Frieden aus? Was ist an ihm so besonders, so anders als das, was „die Welt“ an Frieden zu bieten hat?
Die Sehnsucht nach Frieden ist allgegenwärtig. Mit vielen Menschen hatte ich gehofft, dass wenigstens an Ostern in der Ukraine die Waffen schweigen würden. Gleichzeitig wissen wir alle: Ein Waffenstillstand ist noch kein Frieden, er ist nur ein erster Schritt in Richtung Frieden. Der Weg dahin kann lange dauern. In Österreich bekamen wir erst zehn Jahre nach Kriegsende den ersehnten und erbeteten Friedensvertrag (1955). In diesem schrecklichen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sind die leidgeplagten Menschen weit entfernt von einem Waffenstillstand. Und dieser Krieg zeigt schon jetzt weltweite Folgen, die wohl kaum so schnell an uns allen vorübergehen werden. Wir waren es seit 77 Jahren gewohnt, dass Frieden herrscht. Jetzt beginnen wir zu ahnen, dass dieser Zustand nicht selbstverständlich ist.
Was ist also der Frieden, den Christus damals, kurz vor seinem Tod, seinen Jüngern versprochen hat? Auffallend ist, dass Christus seinen Frieden „hinterlässt“ und „gibt“. Sein Frieden ist also ein Geschenk, eine Gabe. Frieden kann man nicht alleine machen, er ist immer etwas Gegenseitiges. Wo Streit herrscht, muss einer anfangen: „Wollen wir Frieden schließen?“ Nur so kann der Streit beigelegt werden, wenn die andere Seite auf das Angebot eingeht. Manche meinen, die Ukraine soll halt dem Angreifer das geben, was er schon erobert hat, damit Frieden möglich wird. Doch Frieden setzt immer auch Gerechtigkeit voraus. Geschehenes Unrecht kann nicht die Grundlage für einen echten Frieden bilden. Versöhnung beendet den Streit erst, wenn es auch Wiedergutmachung gibt. Deshalb ist ja das Frieden-Machen ein so mühseliger, langwieriger Prozess, im Großen und im Kleinen, in der Weltpolitik (ich denke an den endlosen Nahostkonflikt) und in der Welt der Familienkonflikte (ich denke an oft so bittere Erbstreitigkeiten).
Wenn wir an alle diese Konflikte denken, die weltweiten und die persönlichen, könnte man an der Möglichkeit des Friedens in diesem Leben verzweifeln. Vielleicht gibt es erst im Jenseits, nach diesem mühevollen Erdenleben, einen echten, himmlischen Frieden? Aber Jesus hat seinen Frieden schon auf Erden hinterlassen, ihn gegeben. Und tatsächlich wird der Friede Christi immer wieder von Menschen erlebt und gelebt. Jesus ermutigt dazu, wenn er sagt: „Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ Bei Klaus Berger (1940-2020), dem deutschen Bibelwissenschaftler, habe ich den schönen Satz gelesen: „Der Friede braucht eine Heimat, und die kann nach christlicher Auffassung letztlich nur das Herz sein.“ Ich glaube, das entspricht einer Erfahrung, die viele Menschen kennen. „Ich habe meinen Frieden gefunden“, kann man dann hören. Aber dieser Frieden im Herzen wird nicht als eigene Leistung erlebt, sondern als Geschenk des Himmels, eine Gabe Gottes, für die wir nur danken können. Jesus sagt es im heutigen Evangelium: Wer auf Gott, auf Jesus vertraut, darf erfahren, dass Gott selbst in unser Herz kommt, um darin zu wohnen und seinen Frieden zu schenken.