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„Gottes erste Liebe“

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 18. Juni 2023

18.06.2023
© https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:East_Jerusalem?uselang=de#/media/File:Bunker_and_Olive_-_panoramio.jpg
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Heute muss ich ein heikles Thema ansprechen. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Das heutige Evangelium handelt davon: Wie war das Verhältnis Jesu zu seinem eigenen Volk? Wie stand der Jude Jesus zum jüdischen Glauben? Die Frage betrifft nicht nur die Vergangenheit. Sie hat 2000 Jahre Geschichte geprägt und wirkt bis in die Gegenwart hinein. Es ist für mich auch eine ganz persönliche Frage, die mich seit meiner Jugend bewegt: Wer ist Jesus für mich? Was bedeutet es für meinen Glauben an Jesus, dass er Jude war? Muss ich mich mit dem Judentum beschäftigen, um das Christentum zu verstehen?

 

Ein kleines Wort im heutigen Evangelium macht mich stutzig. Jesus gibt den eben von ihm erwählten zwölf Aposteln einen klaren Auftrag: Sie sollen sich auf den Weg machen und den Menschen verkünden: „Das Himmelreich ist nahe.“ Doch macht er eine Einschränkung: Geht nicht zu den Heiden und auch nicht zu den Samaritern! Beide galten den Juden als Ungläubige: „Geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!“ Jesus hat ganz deutlich seinen eigenen< Auftrag auf das jüdische Volk begrenzt. Eine heidnische Frau bittet ihn um Hilfe für ihre leidende Tochter. Jesus weist sie recht schroff ab: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“


Einen deutlichen Hinweis in dieser Richtung gibt das, was in der Mitte des heutigen Evangeliums steht: die Wahl der zwölf Apostel. Warum genau zwölf? Jesus hat selber einmal erklärt, als er zu ihnen sagte: „Ihr werdet die zwölf Stämme Israels richten“, das heißt regieren. Jesu Anliegen ist es offensichtlich, sein eigenes Volk zu erneuern. Versteht er sich als eine Art Reformator des Judentums? Einen weiteren Hinweis finde ich am Anfang des heutigen Evangeliums: „Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Jesus hat immer wieder scharf die religiösen Leiter des jüdischen Volkes kritisiert: „Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selbst aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen.“

 

Ich glaube, dass kein Zweifel daran möglich ist: Jesus wollte zuerst sein Volk erneuern. Wie die Propheten vor ihm sah er darin seinen Auftrag. Mit einem Unterschied: Er hat immer wieder deutlich gemacht, dass er zu Gott eine ganz eigene Beziehung hat. Er nannte Gott seinen Vater. Die Art, wie er von Gott sprach, war so anders als das, was die jüdischen Gesetzeslehrer sagten. Für ihn war Gott der barmherzige Vater, der auch uns zur Barmherzigkeit ermutigt, zur Vergebung und Versöhnung. Warum ist Jesus mit seinem Bemühen gescheitert? Warum kam es zum Drama< seiner Kreuzigung? Schon als Jugendlicher hat mich diese Frage bewegt, auch im Blick auf meine eigenen jüdischen Vorfahren.

 

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass nicht „den Juden“ der Tod Jesu angelastet werden darf. Es waren die damaligen religiösen Verantwortlichen, die mehrheitlich seinen Tod gefordert haben. Jesus hat sie dafür nicht verurteilt. Er hat ihnen vergeben und hat auch von allen, die sich auf ihn berufen, erwartet, dass sie ihren Gegnern verzeihen. Jesus hat nie die Liebe zu seinem Volk aufgekündigt. Er hat sie aber nie auf sein Volk beschränkt. Am Ende hat er seinen Aposteln den Auftrag gegeben, zu alle Völkern zu gehen und allen Menschen das einzige entscheidende Gebot zu lehren: Gott und den Nächsten zu lieben! Doch bleibt bis heute das Volk, dem Jesus entstammt, Gottes erste Liebe.

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