Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am 4.1.2026
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – dieser Vers von Hermann Hesse wird oft zitiert. Er mag stimmen für die Geburt eines Kindes, für den Beginn einer Liebe. Passt der Vers auch für den Anfang des neuen Jahres? Dunkle Wolken hängen über diesem Neujahr. Überall wird aufgerüstet. Man spricht von Krieg als Möglichkeit. Klimawandel, wirtschaftlicher Abschwung – stehen wir am Anfang einer ernsten Krisenzeit? Aller Anfang hat auch ein Ende. Stehen wir am Ende der Größe Europas? Was wurde aus den Weltreichen, die einmal von Europa ausgingen? Das Habsburgerreich, von dem man sagte, es gehe in ihm die Sonne nicht unter, so groß war es! Das britische koloniale Weltreich, was bleibt von ihm? Und was wird aus all den guten Vorsätzen, mit denen wir persönlich ins neue Jahr gehen? Vor allem aber: Wie schnell vergeht ein Jahr! Im Nu ist es wieder vorbei. Dem Zauber des Anfangs folgt so oft die Ernüchterung der Folgezeit.
Es gibt auch eine andere Sichtweise als diesen Blick auf unsere oft traurige und bittere Erdenwelt. Am ersten Sonntag des neuen Jahres, wird der Anfang des Johannesevangeliums gelesen. Es ist ein feierliches Lied auf den Anfang, nicht den des neuen Jahres, auch nicht auf die vielen Anfänge, die oft in Enttäuschung münden. Es geht um den Anfang aller Anfänge, den Ursprung von allem, der alles trägt und erhält. Es tut gut, sich einfach der Schönheit und der Kraft dieser Worte auszusetzen, sie auf uns wirken zu lassen:
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.“ Johannes erhebt den Blick über Raum und Zeit hinaus auf Gott und sein Wort. Wieviel Trost und Kraft gibt es uns, im Wirbel der Zeit innezuhalten und einfach an Gott und sein Wort zu denken! Wie anders sehen wir die sich ständig wandelnden Dinge und Situationen, wenn wir den folgenden Worten in uns Raum geben: „Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.“
Doch was oder wer ist das Wort? Johannes lässt es ahnen durch die Bilder, in denen er von ihm spricht: „In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis“. Das Wort bedeutet Leben und Licht. Wie kostbar ist beides! Ohne sie können wir nicht sein. Doch wer ist das Wort? Johannes wird deutlicher: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Ein schmerzlicher Ton kommt in die freudigen Worte des Johannes, die Erinnerung an die Herbergssuche von Weihnachten wird wach: Auch damals in Bethlehem wurde Maria, die schwangere Mutter, nicht aufgenommen und musste Jesus, ihr Kind, im Stall zur Welt bringen. Jetzt erst wird klar, wer dieses Wort ist, das im Anfang war und allen Licht und Leben bringt, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“. Mit ihm nimmt das Jahr einen guten Anfang.
Johannes 1, 1-5.9-14
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.