Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn zum 11. Jänner 2026
Staunen und Überraschung in Frankreich: Dieses Land, das als besonders „säkularisiert“, entchristlicht gilt, erlebt zurzeit eine Welle von Erwachsenentaufen. Die Taufbewerber sind mehrheitlich junge Erwachsene und kommen „von weither“, sind nicht religiös aufgewachsen. Im Jahr 2024 waren es 13.000, im Jahr 2025 schon 17.500. Wie erklärt man diesen Ansturm auf die Taufe? Was bewegt heutige Menschen, sich auf eine monatelange Taufvorbereitung einzulassen? Auch in Österreich nehmen die Taufen von Erwachsenen zu. Eines ist sicher: Die Taufe ist das Tor zum Christsein. Wer als Erwachsener um die Taufe bittet, will damit bekunden, dass er bewusst Christ werden will. Könnte man nicht ohne diese Zeremonie der Taufe Christ sein? Hängt Christsein an einem äußerlichen Ritus? Die 17.500 meist jüngeren Französinnen und Franzosen, die 2025 die Erwachsenentaufe empfangen haben, dürften sich im Klaren gewesen sein, dass die Taufe wesentlich zum Christsein gehört. So sehen es auch Mitglieder anderer Religionen, die Christen werden möchten: Mit der Taufe wird man Christ! Doch was heißt es, wirklich Christ zu werden?
Heute feiert die Kirche das Fest der Taufe des Herrn. Jesus hat sich von Johannes im Jordan untertauchen, also taufen lassen. Diese Tatsache ist der Grund für die bleibende Bedeutung der Taufe im Christentum. Johannes, der mit Jesus verwandt war, war schockiert, dass Jesus sich von ihm taufen lassen wollte: „Ich muss von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Aber Jesus ermutigt Johannes, die Taufe vorzunehmen. Als Jesus wieder aus dem Wasser des Jordans heraufgestiegen war, „öffnete sich der Himmel“. Jesus sieht den Geist Gottes „wie eine Taube“ auf ihn herabkommen. Und eine Himmelsstimme nennt Jesus Gottes geliebten Sohn, „an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“.
Was bewegt, frage ich noch einmal, die vielen tausenden jungen Erwachsenen, nach dem Vorbild Jesu die Taufe zu erbitten? Ich glaube, dass sie alle in irgendeiner Weise von Jesus angezogen sind, ihn sich als Vorbild nehmen wollen. Wer als Erwachsener die Taufe erbittet, setzt eine bewusste Entscheidung für ein Leben, das sich möglichst an Jesus orientiert. Die weitaus größere Zahl an Taufen betrifft freilich Kinder, die sich natürlich nicht selber für die Taufe entschieden haben. Für manche Gegner der Kindertaufe ist das der ausschlaggebende Grund: Taufe und Glauben gehören zusammen. Ein bewusster Glauben kann nicht von einem Kleinkind erwartet werden.
So sehr ich mich über die stark anwachsende Zahl der Erwachsenentaufen freue, so entschieden bin ich doch auch für die Sinnhaftigkeit der Kindertaufe. Man hört oft das Argument, die Kinder sollen selber entscheiden, wenn sie größer sind. Wie viele Entscheidungen treffen die Eltern für ihre Kinder, ehe diese selber entscheiden können! Das wichtigste Argument ist für mich, dass die Taufe vor allem eine Zusage Gottes ist, die allen unseren Leistungen vorangeht. Nicht wir haben uns die Taufe verdient, sie ist reines Geschenk. Sie ist keine Belohnung für alles, was wir Gutes tun, sondern Zuwendung Gottes, Annahme, reines Wohlwollen: „Du bist mein geliebtes Kind, an dem ich mein Wohlgefallen gefunden habe.“ Ob Kind oder Erwachsener, das schenkt die Taufe! Wir können vergessen was uns geschenkt wurde. Er vergisst uns nicht!
Matthäus 3,13-17
Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es verhindern und sagte: Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Erlaube es jetzt! Denn so müssen wir alles erfüllen, was recht ist. Da gab Johannes nach. Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.
Bildtext: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe