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Gott “belästigen”

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 29. Sonntag im Jahreskreis,

21. Oktober 2001 (Lk 18, 1-8)

 

21.10.2001
© kathbild.at/Rupprecht

Gott “belästigen”

 

Jesu Gleichnisse sind bunt wie das Leben. Auch die dunklen Farben fehlen nicht. In wievielen Ländern der Welt ist auch heute dieses Gleichnis vom ungerechten Richter und der armen Witwe tägliche Wirklichkeit! Der Richter ist wohl als bestechlich gedacht, die Witwe hat einen Rechtsstreit gegen einen Mächtigeren, der das nötige Schmiergeld zahlen kann. Sie hat keine Chance, ihr Recht zu bekommen. Und dennoch gibt sie nicht auf, sie gebraucht die einzige Waffe, die ihr bleibt: lästig zu sein, immer wieder kommt sie zum Kadi und fordert ihr Recht, lautstark lamentiert sie, ohne sich abschütteln zu lassen, bis es dem Richter reicht und er ihr das ihr zustehende Recht gewährt, nur um sie endlich los zu sein.

 

Eine Note Humor fehlt auch nicht in dieser Geschichte: der Richter, der zwar “Gott nicht fürchtet und auf keinen Menschen Rücksicht nimmt”, fürchtet schließlich doch - ein großer Held ist er ja wirklich nicht - die lästige Witwe könnte “einen Wirbel machen” und “rabiat werden” ja ihn gar ins Gesicht schlagen, ihm eine “Watschn” verpassen.

 

Wenn es schon unter den Menschen so zugeht, dass man mit ständigem Bitten schließlich doch viel erreichen kann, dann, so sagt uns Jesu, tut es doch genauso und erst recht so mit Gott, der doch kein ungerechter, korrupter Richter ist, und der euch nicht so warten und hängen lässt wie dieser bestechliche Richter die Witwe warten ließ!

 

Ich glaube, die erste und wichtigste Lehre aus diesem Gleichnis ist, dass Jesus uns zeigen will, wie sehr unsere Beziehung zu Gott in unseren Alltag gehört, ständig und in jeder Lage mitten in unserem Leben ihren Platz hat. “Allezeit” sollen wir beten, das heißt stets sollen wir auf Gott ausgerichtet sein, wie die Witwe unnachgiebig auf ihr Recht pocht und dem Richter keine Ruhe lässt.

 

Aber kann man - nüchtern betrachtet - überhaupt “allezeit beten”? Ist das orientalische Übertreibung? Dass wir gelegentlich beten sollen, morgens, abends, bei Tisch, in der Kirche, das zu tun bemühen sich viele. Dass wir in besonderen Nöten beten, aber auch bei bestimmten schönen und erhebenden Erlebnissen wie einer Wanderung im Wald, einem bewegenden Musikstück, das erfahren viele. Beten zu bestimmten Zeiten und Anlässen - aber “allezeit beten”?

 

Hier geht es wohl um etwas anderes als nur den ausdrücklichen Moment des Gebets. Jesus spricht eine Grundhaltung an, die das ganze Leben bestimmen soll: eine Grundausrichtung des Lebens auf Gott, die sich zu bestimmten Zeiten ins ausdrückliche Gebet verdichtet, die aber “Tag und Nacht” da ist, wie eine ständige Sehnsucht nach Gott.

Wir können nicht ständig Gebete verrichten, aber wir können unser Herz, unser Leben auf Gott hin ausrichten, und das kann wie ein “Heimweh” nach Gott sein, das immer da ist, manchmal leise, manchmal ganz heftig.

 

Und nun der fragende Schlusssatz Jesu: Wird er noch Glauben auf Erden finden, wenn er wiederkommt? Werden die Menschen noch nach Gott rufen, ihn suchen und bitten? Ich glaube, gerade die Ereignisse der letzten Wochen sind dazu angetan, daran erinnert zu werden, “allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen”.

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