Wie wird es weitergehen? Was wird nach meinem Weggehen geschehen? Eine Frage, eine Sorge, die einen Vater, eine Mutter beschäftigen, wenn es Zeit zum Abschiednehmen ist, wenn das Sterben naht. Wer glauben kann, wird in solchen letzten Stunden diese Sorgen Gott im Gebet anvertrauen, sie in Seine Hände legen.
Ähnliches tut Jesus in der Nacht vor seinem Leiden und Tod. Er ist mit seiner kleinen Schar der Getreuen (die ihn freilich bald fast alle im Stich lassen werden) im ersten Stock eines einfachen Hauses in Jerusalem zum Essen beisammen.
Die Stunde ist ernst, sorgenvoll. Die religiösen Autoritäten suchen nach ihm, sie sind entschlossen, ihn töten zu lassen. Sie fürchten, er werde das Volk für sich gewinnen, es könnte zu Unruhen kommen, zu Aufständen gegen die Römer, und das brächte noch mehr Unterdrückung und Unfreiheit für das jüdische Volk.
Der oberste religiöse Führer des Volkes, der Hohepriester Kajaphas, hatte deshalb auch gesagt: "Es ist besser für euch, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht." Er ahnte nicht, wie wahr dieses Wort war. Jesus ist ja wirklich für das ganze jüdische Volk, ja für alle Menschen gestorben, um sie mit Gott zu versöhnen. So verstand Jesus selber den Sinn seines Todes, dafür hat er gelebt, und dafür ist er gestorben. Und, so glauben wir, dafür lebt er auch jetzt, weil er ja nicht unter den Toten geblieben, sondern auferstanden ist.
Dass Jesus sich nicht zuerst um sich selber Sorgen macht, sondern um die anderen, das kommt in dem langen Gebet zum Ausdruck, aus dem heute das Evangelium genommen ist. Es ist das längste Gebet, das uns von Jesus überliefert ist, seine großen Bitten an Gott seinen Vater. In diesen Bitten werden uns die Herzensanliegen Jesu sichtbar. Wofür betet er?
Zuerst für seine Jünger, von denen er Abschied nimmt. Ihnen hat er alles anvertraut, was sein Auftrag war. Sie sollen ihn weiterführen. Sie sollen seine Botschaft hinaustragen. Und so bittet Jesus nicht nur für seine Apostel, sondern "für alle, die durch ihr Wort an mich glauben" werden.
Mich bewegt hier der Gedanke: Jesus hat in dieser letzten Stunde für alle die Vielen gebetet, die einmal, in den kommenden Jahrhunderten, an Ihn glauben werden. Er hat also auch für mich gebetet, für alle, denen ich es verdanke, dass ich glauben kann. Er hat auch für alle gebetet, denen ich Seine Botschaft weiterzugeben versuche. Sie alle sind schon damals in Seinem Herzen gewesen.
Und um was hat er Gott seinen Vater in dieser entscheidenden Stunde gebeten? An erster Stelle steht seine große Bitte: "Alle sollen eins sein." Für Eltern ist in der Sterbestunde oft die schwerste Sorge, wenn die Kinder untereinander zerstritten sind. Das ist Jesu inständiges Gebet, dass die Seinen einig seien. Wusste Jesus in dieser Stunde, wie uneinig oft seine künftigen Gläubigen sein würden? Sicher, denn dafür ist er ja gestorben, dass sie eins seien, und nur wenn sie auf Ihn schauen und sich fest an Ihn halten, werden sie es schaffen, untereinander eins zu sein. Sie sollen einander lieben, wie Jesus mit seinem Vater in Liebe eins ist. Es tut gut zu wissen: Jesus selber betet dafür, dass das gelingt. Und oft gelingt es auch wirklich.