Gut-Hirten-Sonntag, so heißt der heutige vierte Ostersonntag, nach dem Evangelium „vom guten Hirten“. Ich frage mich dabei: wie wird dieses Bild heute verstanden, wo die wenigsten Menschen Hirten mit Schafherden erlebt haben, zumindest bei uns? Gewiss, es gibt auch heute noch Schafherden, und ich selber hatte im vergangenen Sommer ein unvergessliches Erlebnis mit einem Hirten und seiner Herde, in Frankreich, in den Ferien. Am 6. August feierte ich einen früh morgendlichen Gottesdienst im Freien, auf einer Anhöhe, von der man eine wunderbare Weitsicht hat. Mitten während des Morgengebets waren plötzlich Schafsgeblöke und Schellengeläut zu hören, und nach kurzer Zeit waren wir von einer großen Schafherde umgeben. Der Nachbarbauer kam mit seiner Herde vorbei, blieb eine Weile bei unserem Gottesdienst im Freien, und dann zogen Hirte und Herde weiter. Wir waren alle sehr bewegt von dieser Begegnung, die uns das Gleichnis vom guten Hirten und seiner Herde so anschaulich nahebracht.
Ja, es war wirklich so wie Jesus sagt: die Schafe hörten auf die Stimme des Hirten (der übrigens auch Christoph heißt). Sie kennen seine Stimme, sie folgen seinem Ruf, und er kennt sie. Sie sind miteinander vertraut, ein Hirt und eine Herde.
Nicht alle verstanden damals, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen wollte, obwohl der Anblick von Hirt und Herde allen wohlbekannt war. Verstehen wir es heute? Wen meint Jesus mit dem Hirten? Zu Petrus hat Jesus gesagt: „Weide meine Schafe!“ Er hat ihm seine Herde anvertraut, ihn zum „Oberhirten“ bestellt. So sehen wir Katholiken den Nachfolger des Petrus, den Papst, als den obersten Hirten der Kirche. So sprechen wir von der Hirtenaufgabe des Bischofs, des Pfarrers.
Aber das Bild vom Hirten passt auch auf andere, die Verantwortung tragen: im Staat, in der Wirtschaft, auch in der Familie. Allen, den geistlichen und den weltlichen Hirten, hält Jesus einen „Hirtenspiegel“ vor. Jede Autorität, jedes Amt, jede Leitungsaufgabe kann im Sinne des guten Hirten ausgeübt – oder aber missbraucht werden.
„Ein Dieb und ein Räuber“ kommt nicht durch die Tür, sondern „steigt anderswo ein.“ Er tut es nicht, um den Schafen zu nützen, sondern um sich zu bereichern und sie auszubeuten. Die Stimme des Räubers klingt den Schafen fremd. Er kann sich noch so sehr verstellen, es ist nicht die vertraute Stimme des guten Hirten.
Jesus ermutigt uns, genau hinzuhören: wo ist, unter den vielen Stimmen, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen, die eine Stimme des guten Hirten? Wer meint es ehrlich? Wem geht es wirklich um das Wohl der Anderen?
„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, sagt Jesus von sich. Ihm geht es wirklich um uns, nicht um sein Wohlergehen. Daher sagt er so klar, dass nur er die Türe ist, durch die der gute Hirte geht. Nur bei ihm, in seiner Schule, lernen wir die Selbstlosigkeit, die Dienstbereitschaft, die Hingabe, die aus uns Hirten nach seinem Herzen macht, ob wir nun Papst, Bischof, Pfarrer, Eltern, Politiker, Erzieher, oder was auch immer für Hirten sind.