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07.10.2012

Darf man sich scheiden lassen?

Hartherzigkeit ist häufig der Grund, warum Ehen auseinander gehen.

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn

zum Evangelium am 27. Sonntag im Jahreskreis,

7. Oktober 2012 (Mk 10,2-16)

Heute mutet diese Frage seltsam an. So viele Ehen werden geschieden. So viele Kinder sind "Scheidungswaisen". Das Scheidungsdrama ist nicht neu. Zur Zeit Jesu war die Scheidung weit verbreitet. Im Judentum war sie gestattet – freilich nur für den Mann, bloß in seltenen Fällen auch für die Frau. Der Mann konnte seine Frau "aus der Ehe entlassen", musste ihr aber einen "Scheidungsbrief" ausstellen, der der geschiedenen Frau Schutz und Ehre sichern sollte.

 

Wie steht Jesus zur Ehescheidung? Das wollten seine Gegner testen. Daher ihre Frage: "Ist es erlaubt…?" Seine Antwort ist radikal, erschreckend klar und eindeutig: Die Scheidung widerspricht dem Plan Gottes, der Ordnung des Schöpfers, der Mann und Frau füreinander und für eine dauerhafte Treue zueinander geschaffen hat: "Die Zwei werden ein Fleisch sein", für ein ganzes Leben eine Einheit.

 

Wenn das von Anfang an vom Schöpfer so angelegt war, warum hat dann Mose im Gesetz des Alten Testaments die Scheidung erlaubt? Die Antwort Jesu geht der Sache auf den Grund: "Nur weil ihr so hartherzig seid", hat Moses die Erlaubnis gegeben.

 

Diese Diagnose ist hart – aber wie oft stimmt sie! Hartherzigkeit ist häufig der Grund, warum Ehen auseinander gehen. Aber ist Jesu Urteil nicht doch zu hart? Sind nicht oft die schwierigen Lebensumstände daran "schuld", dass das Zusammenleben fast unmöglich wird? Das mag stimmen. Und doch soll Jesu Wort, so sperrig es ist, stehenbleiben, um uns daran zu erinnern, wie viel Leid durch Herzenshärte in unseren Beziehungen, nicht nur in der Ehe, entsteht!

 

Aber Jesus gibt zudem noch eine Begründung für die Unauflöslichkeit der Ehe. Sie steht nicht einfach im Belieben des Menschen wie irgendein Abkommen oder Vertrag. Wo Mann und Frau "den Bund fürs Leben" geschlossen haben, da ist Gott selber mit im Spiel: "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen."

 

Diese Weisung Jesu hat wie wenige andere die Weltgeschichte geprägt. Für Jahrhunderte wurde das "Modell" der lebenslangen, unauflöslichen Ehe für die Gesellschaft prägend, sicher nicht immer leicht, oft eine schwere Bürde, aber für viele auch ein großer Segen, ein Vorbild der Treue durch alle Schwierigkeiten hindurch, "bis dass der Tod euch scheidet".

 

Die Folgerung Jesu ist unerbittlich: "Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet begeht ihr gegenüber Ehebruch." Dasselbe gilt für die Frau dem Mann gegenüber. Die Reaktion der Jünger Jesu war entsprechend. Sie waren entsetzt: Wenn das so ist, dann besser nicht heiraten! Viele verhalten sich heute so. Vorsichtshalber einfach zusammenleben, um die strenge Bindung der Ehe zu vermeiden.

 

Was Jesu hier nicht ausspricht ist die Situation des unschuldigen verlassenen Partners. Dagegen nennt er ein entscheidendes Argument für das treue Zusammenbleiben: die Kinder! Er lässt sie zu sich kommen und segnet sie. Brauchen sie nicht Vater und Mutter? Liebe Eltern! Sollte Eure Ehe in Krise geraten, bitte tragt Euren Konflikt nicht auf dem Rücken Eurer Kinder aus! Was können sie dafür, dass Ihr nicht miteinander könnt? Lasst sie zu Jesus kommen. Vielleicht führen sie auch Euch zu Ihm – und neu zueinander!

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Evangelium für den 27. Sonntag im Jahreskreis, 7.10.2012, (Mk 10,2-16)

Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen.

 

Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen.

 

Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

 

Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.

 

Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.

 

Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

 


 

Weiterführende Informationen:

 

  • Mehr Informationen über Kardinal Schönborn.
  • Mehr Texte über die Heilige Schrift.

 

 

Fragen an Kardinal Schönborn?

 

  • per Video auf www.fragdenkardinal.at
  • an sein Sekretariat.

 

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