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Ja, ich bin ein König

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Christkönigssonntag, 25. November 2012 (Joh 18,33b-37)

25.11.2012
© archiv

Schon wieder ist ein Kirchenjahr zu Ende. Nächsten Sonntag beginnt schon der Advent, die Vorweihnachtszeit. Wie schnell vergeht ein Jahr! Es erinnert mich an ein Wort der Bibel, aus einem Psalm, wo es heißt: „Herr, lass mich erkennen, wie sehr ich vergänglich bin! Du machtest meine Tage nur eine Spanne lang, meine Lebenszeit ist vor dir wie ein Nichts. Ein Hauch nur ist jeder Mensch“.

Der November, oft grau und finster, erinnert uns an die Vergänglichkeit aller Dinge, an unsere Sterblichkeit. Umso eindrucksvoller ist es, dass am letzten Sonntag des Kirchenjahres der Blick sich auf den richtet, der nicht vergänglich ist, und dessen Reich kein Ende hat, auf Jesus Christus, den König und Herrn.

„Christkönigsfest“ heißt dieser heutige Sonntag. Eingeführt wurde dieses Fest 1925 von Papst Pius XI. Es bekam eine besondere Bedeutung in der Nazizeit, als die braune Diktatur versuchte, nur einen Führer gelten zu lassen, Adolf Hitler, und nur ihn als Heilsbringer hinstellte. Mit welcher Begeisterung und welchem Mut wurden damals die Christkönigslieder gesungen, als Bekenntnis zu Christus und gegen die Diktatur: „Christus dem König unser ganzes Leben!“

Vielen Menschen wurde damals, in der schlimmen Zeit der Tyrannei und des Krieges, der Sinn des heutigen Evangeliums ganz neu bewusst. Christus steht ohnmächtig vor Pilatus, der Gefangene vor dem Mächtigen. Pilatus hat die Macht über Leben und Tod. Und doch sagt der, der da gefesselt und verspottet vor ihm steht: „Ja, ich bin ein König!“ Wie bewegend ist doch diese Szene, in der die weltliche Macht der scheinbaren Ohnmacht Gottes begegnet!

Pilatus fragt den Angeklagten ehrlich: „Bist du der König der Juden?“ Die Gegenfrage Jesu sollte uns alle berühren: „Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?“ Das heißt doch: Kommt diese Frage aus deinem eigenen Herzen, oder plapperst du nur nach, was die anderen reden? Wie oft ist unser Urteil nur ein Nachsagen von dem, was „man“ so sagt, und nicht ein wirkliches persönliches Nachfragen und Verstehen wollen!

Pilatus weicht aus. Er lässt sich nicht auf die persönliche Begegnung mit dem Angeklagten ein. Er glaubt zwar, dass er unschuldig ist, aber wichtiger ist es ihm, was die anderen sagen, die Ankläger, die Druck auf ihn ausüben, dass er Jesus verurteilt.

Vor Pilatus spricht Jesus ein Wort, das bis heute viele Rätsel aufgibt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Was ist das für ein Reich? Was heißt das: Christus ist König? Sein Reich ist keine weltliche Regierung, kein Staat, keine Armee, keine Wirtschaftsmacht. Aber sie ist auch nicht einfach nur „im Jenseits“. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, aber es ist dennoch in dieser Welt.

Wo immer die Wahrheit über die Lüge siegt, hat Christi Reich gesiegt. Wo Gerechtigkeit geschieht, ist sein Reich stärker als alle Ungerechtigkeit. Wo Liebe den Hass überwindet, hat sein Reich Raum gewonnen. Deshalb beten wir täglich:“Dein Reich komme!“

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