Ich habe dieses Evangelium oft und oft gehört und gelesen. Diesmal ist mir etwas (für mich) Neues darin aufgefallen. Was ist das? Von vier kurzen Gesprächen mit Jesus ist heute die Rede. Der Evangelist berichtet jeweils in sehr knappen Worten, was Jesus gesagt oder geantwortet hat, er spricht aber gar nicht davon, wie die Angesprochenen reagiert haben. Das war mir bisher nicht bewusst geworden. Es wirft für mich eine spannende Frage auf: Ich höre oder lese oft im Evangelium. Es spricht mich an. Jesus redet im Evangelium. Er spricht zu mir. Aber was machte ich damit? Wie antworte ich darauf? Das steht nicht mehr im Evangelium. Die Antwort schreibt mein Leben, die gebe ich selber. Das gilt nicht nur von mir, sondern von allen, die mit den Worten Jesu in Berührung kommen.
Sehen wir uns das im heutigen Evangelium an. Da ist von drei Menschen die Rede, die sich mit Jesus auf den Weg machen wollen, beziehungsweise die er einlädt, mit ihm zu kommen. Der Erste klingt sehr mutig: "Ich will dir folgen, wohin du auch gehst." Er klingt begeistert. Statt ihm Mut zu machen, warnt ihn Jesus: Jeder Fuchs hat seine Höhle, jeder Vogel sein Nest. Ich wandere obdachlos auf meinem Weg. Willst du dich wirklich darauf einlassen?
Einen anderen fordert Jesus selber auf, mit ihm zu kommen. Der scheint bereit zu sein, will aber zuerst noch das Begräbnis seines Vaters abwarten. Jesu Antwort ist sprichwörtlich geworden: "Lass die toten ihre Toten begraben!" Auch dieses Wort ist nicht gerade einladend, Jesu Weg mitzugehen.
Ein Dritter will Jesus nachfolgen, aber zuerst sich von seiner Familie verabschieden. Auch hier gibt Jesus eine schroffe Antwort. Fast hat man den Eindruck, er rate eher davon ab, sich auf seinen Weg einzulassen. Er wirkt auf jeden Fall nicht wie einer, der Menschen unbedingt zu seinen begeisterten Anhängern machen will. Es klingt alles so als wollte er deutlich machen: Überlege es dir gut, ob du mein Jünger werden willst.
Und nun das für mich Überraschende: Wir erfahren von keinem der drei, wie sie sich entschieden haben. Sind sie mit Jesus mitgegangen, oder war er ihnen schließlich zu steil, zu anspruchsvoll? Das Evangelium lässt das offen. Warum wohl? Weil das im Leben so ist. Es kommt nicht auf die frommen Worte an, sondern auf die Antwort des Lebens. Alle drei haben gute Absichten, reden voll Begeisterung, wollen eifrige Christen werden. Ob sie das auch tatsächlich wurden, das zeigen nicht ihre Worte, sondern ihr Leben.
Von zwei Jüngern Jesu ist im ersten Teil des Evangeliums die Rede von Jakobus und Johannes. Sie sind im wörtlichen Sinn voll Feuereifer, wie so manche überfrommen Christen: Feuer vom Himmel wünschen sie auf Jesu Gegner herunter. Es heißt nur, Jesus habe sie deutlich zurecht gewiesen. Feuer und Schwert sind nicht Jesu Wille und Weg. Das Evangelium sagt uns nicht, ob sie das damals verstanden haben. Auch hier gilt: Nicht auf kräftige Worte kommt es an, sondern auf das Leben. Und so frage ich mich: Welche Antwort gibt mein Leben?